Acht Raketen in einer Nacht – das ist die jüngste Folge einer Strategie, die Russland seit Oktober 2022 konsequent verfolgt. Damals begann Moskau, die ukrainische Energieinfrastruktur systematisch zu beschießen. Laut Angaben von Präsident Selenskyj wurden bis Ende 2022 rund 40 Prozent der ukrainischen Energieinfrastruktur beschädigt. Im Winter 2025/26 eskalierte Russland diese Kampagne erneut, mit Strom- und Heizungsausfällen in Kiew und Charkiw als Folge. Im Mai 2026 setzte Russland bei einem einzigen Angriff auf Kiew rund 690 Waffen ein – Hyperschallraketen, ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen. 24 Menschen starben allein in der Hauptstadt.

Das Werkzeug: Warum ballistische Raketen?

Ballistische Raketen, zu denen etwa die Iskander-Varianten zählen, fliegen auf suborbitalen Trajektorien und treffen ihr Ziel mit einer Geschwindigkeit, bei der selbst Patriot-Systeme nur begrenzt reagieren können. Das Kernproblem: PAC-3-Abfangraketen, die für ballistische Bedrohungen konzipiert sind, fehlen der Ukraine in ausreichender Stückzahl. Gegen Drohnen und Marschflugkörper erzielt die ukrainische Luftverteidigung deutlich höhere Abfangquoten – bei ballistischen Raketen bleibt die Quote strukturell niedrig. Das weiß Moskau, und es richtet sein Sortiment danach aus. Beim Angriff am 7. Juli 2026 – dem bis dahin schwersten in diesem Sommer – kamen rund 74 Raketen und 496 Drohnen zum Einsatz; mindestens 30 Menschen starben, über 90 wurden verletzt.

Die Frage, ob diese Angriffe den ukrainischen Widerstandswillen brechen, beantwortet die Forschungslage eindeutig: nein. Eine Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung zeigt, dass wiederholte Schläge gegen die Zivilbevölkerung die Unterstützung für die Kriegsführung in der Ukraine bislang nicht geschwächt haben. Das ändert nichts daran, dass die Infrastruktur zerstört wird – und Wiederaufbau kostet.

Europas Antwort: Drohnen als Industrie

Während Moskau Kiew trifft, versucht Europa, einen Teil der Antwort zu industrialisieren. Im Mai 2024 unterzeichneten EU und Ukraine auf ihrem Gipfel ein Abkommen zur gemeinsamen Rüstungsproduktion, das Drohnen ausdrücklich einschließt. Seither haben sich konkrete Zahlen angesammelt.

Deutschland finanziert den Kauf von 50.000 Angriffsdrohnen für die Ukraine im Wert von rund 90 Millionen Euro; erste Lieferungen haben begonnen. Großbritannien hat zugesagt, bis Ende 2026 insgesamt 120.000 Drohnen bereitzustellen – das größte Einzelpaket, das bisher angekündigt wurde. Frankreich verhandelt: Paris hat offiziell „starkes Interesse" an einer Ko-Produktion bekundet, Gespräche mit Renault über mögliche Drohnenfertigung wurden bestätigt, ein verbindliches Abkommen steht noch aus.

Auf EU-Ebene liefert die Europäische Verteidigungsindustriestrategie (EDIS) den Rahmen. Die Kommission hat sie vorgelegt, um europäische Kapazitäten zu bündeln und Abhängigkeiten zu reduzieren. Zwischen Rahmen und Fabrikhalle liegt allerdings einiger Weg: Die Frage, welche Drohnentypen gemeinsam produziert werden sollen, wie geistiges Eigentum geregelt wird und wer die Langzeitfinanzierung trägt, ist nicht abschließend geklärt. Die Ukraine selbst gibt an, bereits zehn Millionen Drohnen pro Jahr zu produzieren und mit Partnern 20 Millionen anzustreben – Zahlen, die sich extern nicht verifizieren lassen.

Was die ukrainische Drohnenoffensive leistet – und was nicht

Kiew schlägt zurück: Im ersten Halbjahr 2026 hat die Ukraine nach eigenen Angaben über 800.000 russische Ziele mit Drohnen angegriffen, doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Zu den Zielen gehörten strategische Bomber auf Militärflugplätzen tief in russischem Territorium sowie Ölraffinerien und Öldepots. Letztere haben nachweislich Auswirkungen auf die russische Ölindustrie gehabt.

Ein Indikator dafür, dass diese Angriffe Wirkung entfalten: Russland hat im ersten Halbjahr 2026 weniger als halb so viel ukrainisches Territorium erobert wie im Vorjahreszeitraum – trotz nach wie vor extremer eigener Verluste. Den Kausalzusammenhang zwischen Drohnenangriffen und verlangsamter Geländegewinnung herzustellen ist verlockend, aber methodisch heikel. Mehrere Faktoren – Munitionsengpässe, Personalverluste, westliche Waffenlieferungen – greifen ineinander.

Bei den russischen Verlusten gilt das methodische Grundproblem in beide Richtungen: Die ukrainischen Generalstabszahlen sind höher als westliche Geheimdienstschätzungen; unabhängige Verifizierungen durch BBC und Mediazona, die Todesfälle über Nachrufe und lokale Behördenmeldungen nachvollziehen, erfassen erfahrungsgemäß nur einen Bruchteil. Die Lücke zwischen ukrainischen, westlichen und unabhängig verifizierten Zahlen ist groß und wird es bleiben – solange Moskau eigene Verluste nicht publiziert.

Die Logik dahinter

Russlands Strategie lässt sich in einer Formel beschreiben: zerstöre, was die Menschen brauchen, und zerstöre es so, dass Regionen sich nicht mehr gegenseitig behelfen können. Die Angriffe auf Umspannwerke folgen dieser Logik – isoliere Knotenpunkte, fragmentiere das Netz, erhöhe die Last auf Reservekapazitäten. Eine Analyse der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik zeigt, dass diese Zielauswahl kein Zufall ist, sondern einem erkennbaren militärischen Kalkül folgt.

Woran man in den nächsten Monaten erkennen wird, ob Europas Drohnenindustrialisierung trägt: ob die angekündigten Stückzahlen tatsächlich geliefert werden und ob die Ukraine ihre Abfangquote bei ballistischen Raketen verbessern kann – letzteres hängt fast ausschließlich davon ab, ob PAC-3-Munition in ausreichender Menge die Grenze überquert.