Ungefähr 394 Euro im Monat bekommt ein 16-jähriges Kind, dessen Vater nicht zahlt. Ab Anfang 2027 soll es das nicht mehr geben. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hat das so geplant: Altersgrenze runter, Ausgaben runter, Kommunen entlastet. Rund 400 Millionen Euro jährlich sollen auf diesem Weg eingespart werden.

Die SPD sagt: nicht mit uns.

Das ist ihr gutes Recht — und ihr gutes Argument. Denn der Steelman für Priens Position trägt nur halb. Ja, die Ausgaben haben sich seit der Reform von 2017 vervierfacht, auf zuletzt 3,27 Milliarden Euro jährlich (Stand 2025). Ja, Kommunen tragen 60 Prozent dieser Kosten, und ihre Haushaltslage ist real angespannt. Ja, die Rückgriffsquote — also das Geld, das der Staat von säumigen Unterhaltspflichtigen zurückholt — lag 2025 bei gerade einmal 585 Millionen Euro, knapp 18 Prozent der Ausgaben. Ein System, das Schulden für andere tilgt und kaum davon zurücksieht, hat ein Strukturproblem.

Aber die Lösung, die Prien wählt, adressiert das Strukturproblem nicht. Sie kürzt den Ausgang, nicht den Eingang. Wer die Rückholquote von 18 auf, sagen wir, 35 Prozent brächte, hätte mehr gewonnen als die geplante Kürzung — ohne dass ein einziges Kind den Vorschuss verliert.

Dazu kommt ein Rechenkunststück, das die SPD zu Recht benennt: Ein Teil der betroffenen Familien liegt knapp über der Bürgergeld-Grenze. Fällt der Vorschuss weg, rutschen sie darunter — und beziehen dann Bürgergeld. Das spart dem Bund weniger als geplant, belastet dafür die Jobcenter. Das Geld wandert, es verschwindet nicht.

Für Familien, die knapp über dieser Grenze leben und trotzdem nicht ins Bürgergeld fallen, gibt es kein Auffangnetz. Für sie ist die Kürzung ein echter Verlust: 394 Euro weniger im Monat, kein Ersatz, keine Übergangsregelung.

Soweit das Argument der SPD. Es ist stichhaltig. Nur: Es ist nicht vollständig.

Wer die Kürzung ablehnt, muss erklären, wie die Kostendynamik gebremst wird. Die SPD fordert konsequentere Eintreibung von Unterhaltszahlungen — richtig, notwendig, längst überfällig. Familienministerin Prien hat selbst angedeutet, dass sie an Maßnahmen arbeitet, die Druck auf säumige Zahler erhöhen sollen, etwa befristete Fahrverbote. Was das konkret bringen würde, ist offen; der Referentenentwurf liegt noch nicht vor. Die SPD schuldet an dieser Stelle mehr als das Versprechen des besseren Wegs. Ein Alternativkonzept mit Zahlen wäre das Minimum.

Dass sie es bislang nicht liefert, macht ihren Widerstand politisch korrekt und sozialpolitisch anständig — aber argumentativ unfertig.

Was bleibt, ist das eigentliche Problem: Schwarz-Rot hat sich im Koalitionsvertrag verpflichtet, Kinderarmut wirksam zu bekämpfen und Alleinerziehende zu entlasten. Der DGB hat das bereits im April 2026 als Maßstab gesetzt — und darauf hingewiesen, dass Priens Pläne diesem Versprechen direkt widersprechen. Eine hälftige Anrechnung des Kindergeldes auf den Unterhaltsvorschuss, ebenfalls im Koalitionsvertrag vereinbart, hat Prien selbst als derzeit nicht finanzierbar abgetan. Zwei Vereinbarungen, beide kassiert oder verschoben, bevor das erste Regierungsjahr abgelaufen ist.

Friedrich Merz hat angekündigt, harte Verhandlungen über die Sozialpolitik zu führen. Das ist kein Konflikt, der sich vertuschen lässt: Merz will konsolidieren, die SPD will schützen, und der Koalitionsvertrag verspricht beides gleichzeitig. Das geht nicht dauerhaft ohne eine Entscheidung, was Vorrang hat.

Dieser Streit ist nicht der erste. Er wird nicht der letzte sein. Koalitionen halten das aus, solange jede Seite gelegentlich gewinnt. Was sie nicht aushalten, ist das Muster: Die eine Seite kürzt, die andere bremst, der Koalitionsvertrag steht als Kulisse. Wer in diesem Arrangement langfristig glaubwürdig bleibt, ist noch offen. Wer es am Ende verliert, steht schon fest: Kinder, die zwischen ihrem 16. und 18. Geburtstag keinen zahlenden Elternteil haben.