Seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat die ukrainische Armee rund 3.400 Angriffe auf russische Industrie- und Energieanlagen geflogen, mehr als 700 davon gegen Öl- und Gasinfrastruktur. Allein auf Anlagen des staatlichen Konzerns Rosneft entfielen 71 Treffer. Wie viel das der russischen Produktion kostet, lässt sich nur annähern: Moskau veröffentlicht seit April 2023 keine Förderdaten mehr. Die verfügbaren Zahlen stammen von der IEA, von Satellitendaten und von Schätzungen unabhängiger Energieanalysten – alle mit dem Vorbehalt fehlender Primärtransparenz.
Was die IEA sieht. Die Pariser Agentur senkte ihre Prognose für die russische Ölförderung für 2026 um 85.000 Barrel pro Tag und für 2027 um 150.000 Barrel pro Tag. Über den gesamten Prognosezeitraum erwartet sie einen Schnitt von 8,8 Millionen Barrel täglich. Im Juni 2026 lag die tatsächliche Förderung bei 8,86 Millionen Barrel – rund 900.000 Barrel unter der OPEC+-Quote. Der Tagesspiegel berichtete im Mai, die russische Raffinerieauslastung sei auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2009 gefallen.
Kapazität ausgefallen, Export gestiegen. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Wer weniger raffiniert, hat mehr Rohöl zum Exportieren. Russland verschob deshalb seine Ölströme: Statt Benzin und Diesel – für die es im Inland Exportverbote verhängte – fließt mehr unverarbeitetes Rohöl nach China und Indien. Diese beiden Länder nahmen 2023 bereits 58 Prozent der russischen Erdölexporte ab; daran hat sich seither nichts Wesentliches verändert. Den westlichen Sanktionen begegnet Russland mit einer wachsenden Schattenflotte – bewaffneten Tankern, die außerhalb westlicher Versicherungssysteme operieren. Experten und die Welt schätzen den Effekt der US-Sanktionslockerungen auf den globalen Ölpreis als gering ein.
Was Kirischi zeigt. Die Raffinerie nördlich von Sankt Petersburg steht für den konkreten Aggregatzustand des Problems. 20 Millionen Tonnen Jahreskapazität, seit dem 5. Mai vollständig stillgelegt. Die Omsker Anlage – Russlands größte Ölverarbeitungsanlage – wurde ebenfalls getroffen. Die Benzinproduktion in Russland sank infolge der Angriffe um zehn bis vierzehn Prozent; die Krim führte Abgabebeschränkungen ein. Der Schaden an der gesamten Öl- und Gasinfrastruktur wird auf über 100 Milliarden Rubel geschätzt, umgerechnet rund 950 Millionen Euro. Das ist viel – aber gemessen an Russlands Öleinnahmen, die sich 2022 auf über 100 Milliarden US-Dollar beliefen, noch kein existenzieller Hebel.
Der Persische Golf: anderer Mechanismus, ähnliches Ergebnis. Während die Ukraine Russlands Verarbeitungskapazität angreift, liefert der Persische Golf einen anderen Preistreiber: Versorgungsangst. Etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Rohöls passieren täglich die Straße von Hormus – eine Flaschenhals-Geographie ohne echte Alternative. Angriffe auf Handelsschiffe in dieser Zone trieben den Brent-Preis zuletzt auf den höchsten Stand seit rund einem Monat. Der Mechanismus ist bekannt: Jede Eskalation löst eine Risikoprämie aus, die unabhängig von tatsächlichen Angebotsausfällen wirkt. Das Briefing von esyoil vom 13. Juli 2026 beschreibt diese Dynamik als „Wallung" – Preisausschläge, die schnell kommen und schnell wieder abklingen, sobald keine Eskalation folgt.
Beide Konflikte überlagern sich, ohne identisch zu sein. Die ukrainischen Drohnen wirken mittelfristig auf das Angebot; der Persische Golf wirkt kurzfristig auf die Erwartung. Analysten, die nur auf einen der beiden Faktoren schauen, unterschätzen den jeweils anderen.
Wo das stärkste Gegenargument sitzt. Man kann einwenden, dass die Angriffe die russischen Kriegseinnahmen kaum treffen, weil Rohöl-Exporte Raffinerieausfälle kompensieren und weil China und Indien den Abnahmedruck abfedern. Das stimmt – mit Einschränkungen. Die russischen Ölprodukte erzielen auf Weltmärkten höhere Margen als Rohöl. Was Russland verliert, sind nicht primär Exportvolumina, sondern Verarbeitungsmargen und inländische Versorgungssicherheit. Treibstoffknappheit im Inland zwingt zur Importsubstitution und belastet die Militärlogistik. Selenskyj bezifferte den Gesamtschaden auf mindestens 7 Milliarden US-Dollar seit Jahresbeginn – eine Zahl, die unabhängig kaum zu verifizieren ist, aber in der Größenordnung mit Reuters-Berechnungen übereinstimmt.
Die IEA und die längere Linie. Die Agentur sieht in beiden Konflikten – Ukraine wie Nahost – einen Beschleuniger für die Energiewende. Die globale Kapazität erneuerbarer Energien wird laut IEA zwischen 2024 und 2027 um 2.400 GW wachsen, 30 Prozent mehr als frühere Prognosen. Bis 2025 soll Solarenergie Kohle als weltgrößte Stromquelle ablösen. Die Kausalbehauptung lautet: Wer die Kosten der fossilen Abhängigkeit einmal erlebt – sei es durch Preisschocks, Versorgungsunterbrechungen oder Sanktionsdruck –, diversifiziert schneller. Der Mechanismus ist plausibel, der Zeitraum jedoch kurz genug, dass strukturelle Trägheit den Effekt noch überlagern kann.
Die prüfbare Erwartung lautet: Steigen die IEA-Prognosen für erneuerbare Kapazitäten in den nächsten zwölf Monaten weiter, und bleibt Russlands Förderung unter der OPEC+-Quote, war die Drohnenstrategie ökonomisch wirksamer als ihre Skeptiker einräumten. Bleibt der Rohölpreis trotz aller Störungen unter 85 US-Dollar pro Barrel, spricht das für das Gegenargument: OPEC+-Überkapazitäten und nachlassende Nachfrage dämpfen jeden Konfliktzuschlag.
