Im Juli 2026 ließ die EU-Kommission durchsickern, was Industrieverbände seit Monaten forderten: Das Emissionshandelssystem wird entschärft. Mehr kostenlose Zertifikate, ein langsamerer Reduktionspfad nach 2030, neue Spielräume für schwer dekarbonisierbare Sektoren. Der offizielle Rahmen bleibt das 90-Prozent-Ziel bis 2040. Doch zwischen diesem Ziel und dem Instrument, das es erreichen soll, klafft eine Lücke — und die Reform vergrößert sie.

Was das System bisher geleistet hat

Das EU-ETS ist das älteste und größte Emissionshandelssystem der Welt. Seit 2005 erfasst es rund 9.000 stationäre Anlagen in Energie und Industrie sowie den innereuropäischen Luftverkehr — insgesamt fast 40 Prozent der EU-Gesamtemissionen. Der Mechanismus ist simpel: Unternehmen brauchen Zertifikate für jede Tonne CO₂, die Gesamtmenge ist gedeckelt, der Deckel sinkt jedes Jahr. Wer sauber produziert, verkauft überschüssige Zertifikate; wer schmutzig produziert, kauft sie zu. Der Preis pendelte lange um fünf Euro pro Tonne — zu wenig, um Investitionen zu erzwingen. Erst nach der Reform der Marktstabilitätsreserve 2018 stieg er: von 5 Euro Mitte 2017 auf zeitweise über 100 Euro im Februar 2023, heute liegt er bei rund 79,50 Euro.

Die Wirkung ist messbar. Zwischen 2005 und 2023 sanken die Emissionen in den deutschen ETS-Anlagen um rund 47 Prozent. EU-weit fielen die stationären ETS-Emissionen allein von 2023 auf 2024 von 1,09 auf 1,03 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent — ein Rückgang von etwa 6,5 Prozent innerhalb eines Jahres. Das System funktioniert, wenn der Preis hoch genug ist und die Obergrenzen konsequent sinken.

Die Reform und ihr Reduktionspfad

Das „Fit for 55"-Paket hat das Ambitionsniveau zunächst angehoben: Die jährliche Absenkung der Zertifikatsobergrenze — der Lineare Reduktionsfaktor (LRF) — stieg von 2,2 auf 4,3 Prozent (2024–2027) und 4,4 Prozent (2028–2030). Das Sektorziel für 2030 wurde auf 62 Prozent Reduktion gegenüber 2005 angehoben, von zuvor 43 Prozent. Seeverkehr ist seit 2024 integriert, Abfallverbrennung folgt ab 2031, ein neues System ETS 2 für Gebäude und Straßenverkehr startet 2027 oder 2028.

Dann kommt die Zäsur. Ab 2031 soll der LRF auf 3,7 Prozent fallen, von 2036 bis 2040 sogar auf 1,7 Prozent. Gleichzeitig plant die Kommission, rund zwei Milliarden zusätzliche Tonnen CO₂ zuzulassen — verteilt auf den Zeitraum bis 2035. Zur Einordnung: Die EU emittiert in ihren ETS-Sektoren derzeit etwa 1,17 Milliarden Tonnen pro Jahr. Die geplante Zusatzmenge entspricht also knapp zwei vollen Jahresbudgets.

Das stärkste Argument für diese Entlastung lautet: Ohne Atempause investiert die Industrie nicht in Europa, sondern verlagert Produktion und Emissionen in Länder ohne Klimapreis — Carbon Leakage. Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) soll das verhindern, indem er importierte Waren mit einem Emissionspreis belegt. Doch CBAM greift bisher nur für wenige Sektoren und läuft bei der kostenlosen Zuteilung parallel: Erst bis 2034 sollen freie Zertifikate in CBAM-Sektoren vollständig auslaufen. Bis dahin erhalten Unternehmen Schutz an zwei Fronten gleichzeitig.

Wer lobbyiert — und mit welchem Ergebnis

Die Handschrift der Industrie ist im Reformvorschlag erkennbar. BASF und 39 weitere Industriekonzerne forderten öffentlich einen Kurswechsel beim Emissionshandel; die Industriellenvereinigung verlangte im März 2026 „substanzielle Nachschärfungen" — gemeint war das Gegenteil: ein langsameres Abschmelzen freier Zertifikate. Der DIHK rahmt die Reform als notwendige Balance zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit. Transparency International und LobbyControl dokumentieren, dass Interessenvertreter fossiler Industrien systematisch Zugang zu EU-Institutionen nutzen, um Klimaschutzmaßnahmen zu verschieben.

Wie stark dieser Einfluss konkret auf den Reformtext wirkte, lässt sich aus publizierten Dokumenten nicht präzise quantifizieren — das Briefing benennt diese Lücke ausdrücklich. Was sich sagen lässt: Der Reformvorschlag weicht in zentralen Punkten von den Empfehlungen der Umweltorganisationen ab und folgt in anderen der Industrieposition. Germanwatch hält den vorgeschlagenen Reduktionspfad für nicht vereinbar mit dem 1,5-Grad-Ziel. Carbon Market Watch kritisiert die Ausweitung freier Zertifikate als Unterhöhlung des Verursacherprinzips. Das Bundesumweltministerium zeigte sich nach Vorlage des Kommissionsvorschlags besorgt.

Die CCS-Wette

In die Lücke zwischen geplanter Emissionsmenge und Klimaziel schreibt die EU eine Technologie: Carbon Capture and Storage, kurz CCS. Die Industrial Carbon Management Strategy setzt auf 50 Millionen Tonnen Abscheidekapazität bis 2030 und bis zu 450 Millionen Tonnen bis 2050. Der Bedarf bis 2050 entspricht etwa 40 Prozent der heutigen EU-ETS-Jahresemissionen — eine Größenordnung, für die heute keine Infrastruktur existiert.

Der tatsächliche Stand: fünf kommerzielle CCS-Projekte in Europa mit zusammen 2,7 Millionen Tonnen Kapazität pro Jahr. Davon entfallen 1,7 Millionen auf Norwegen (Gasverarbeitung), 1 Million auf eine Raffinerie in den Niederlanden sowie kleinere Projekte in Belgien und Ungarn. Um das 2030-Ziel zu erreichen, müsste sich die Kapazität innerhalb von vier Jahren fast verzwanzigfachen. Die geschätzten Investitionskosten bis 2030: rund 3 Milliarden Euro für Erfassungsanlagen, 6,2 bis 12,2 Milliarden Euro für Transportinfrastruktur. Die identifizierte Finanzierungslücke für laufende Projekte: rund 10 Milliarden Euro.

Die Technologie hat sich in Pilotprojekten bewährt — das Projekt „Northern Lights" in Norwegen zeigt, dass Abscheidung, Transport und Speicherung zusammenspielen können. Aber zwischen Pilot und industrieller Skalierung liegt eine Lücke, die weder Markt noch Politik bisher geschlossen hat. Grenzüberschreitende CO₂-Pipelines stoßen auf Akzeptanzprobleme; die Haftung für geologische Langzeitspeicherung ist in den meisten Mitgliedstaaten ungeklärt; die Abhängigkeit von Subventionen ist hoch.

Kritiker bei Greenpeace und Germanwatch sehen CCS als Verlängerung der Fossil-Ära: Wer auf Abscheidung setzt, hat weniger Druck, Emissionen zu vermeiden. Das ist eine legitime Sorge. Gleichzeitig zeigen IPCC-Szenarien, die unter 2 Grad bleiben, fast durchgängig negative Emissionstechnologien als notwendige Komponente — nicht als Ersatz für Dekarbonisierung, sondern für unvermeidliche Restemissionen in Zement, Stahl und Chemie.

Was die Zahlen zeigen

Die ETS-Sektoren haben seit 2005 rund die Hälfte ihrer Emissionen abgebaut — das ist ein realer Erfolg des Preissignals. Für das 90-Prozent-Ziel bis 2040 gegenüber 1990 müssen diese Sektoren jedoch noch einmal rund 80 Prozent ihrer heutigen Emissionen einsparen. Mit einem LRF von 1,7 Prozent in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre ist das arithmetisch nicht darstellbar — es sei denn, CCS liefert in einer Größenordnung, die heute nicht belegt ist, und ETS 2 für Gebäude und Verkehr funktioniert politisch reibungslos. Beide Annahmen tragen das Ziel, ohne selbst gesichert zu sein.

Das Umweltbundesamt und die Europäische Umweltagentur messen regelmäßig nach. Ihre nächsten Berichte zu den ETS-Emissionen 2025 werden zeigen, ob der Rückgang im Tempo der Jahre 2023/24 anhält oder sich — durch den Ankündigungseffekt der Reformdebatte — bereits verlangsamt. Das ist der erste prüfbare Indikator: Wenn die Emissionen im ETS 1 in 2025 nicht unter 1,0 Milliarden Tonnen liegen, ist der bisherige Reduktionspfad bereits gebrochen, bevor die Reform formal gilt.