Die Zahl steht fest. EuroMOMO, das europäische Überwachungsnetz für Übersterblichkeit, hat sie für zwölf Länder errechnet: mehr als 10.000 Menschen starben in der letzten Juniwoche 2026 zusätzlich — zusätzlich zu dem, was in einem gewöhnlichen Sommer üblich wäre. In Frankreich meldete die Gesundheitsbehörde allein für die Woche vom 22. bis 28. Juni mehr als 1.000 Mehrfachsterbefälle; in Paris waren die Leichenhallen voll, Kühltransporte übernahmen die Kapazität, die die Stadt nicht hatte. Das Robert-Koch-Institut schätzt für Deutschland bis Mitte Juli 5.120 hitzebedingte Todesfälle.

Neun von zehn dieser Toten waren über 65.

Wer jetzt sagt, Alter sterbe eben — der hat das Argument schon verloren, bevor er es zu Ende gedacht hat.

Das stärkste Gegenargument lautet anders, und es verdient eine genaue Betrachtung: Hitze ist keine politische Entscheidung. Kein Ministerium hat den Juni auf 42 Grad Celsius gestellt. Die Übersterblichkeit älterer Menschen folgt einer biologischen Zwangsläufigkeit, die sich strukturell kaum eliminieren lässt, solange das Klima sich in Richtungen bewegt, die kein Nationalstaat allein aufhält. Europas Emissionsreduktionsziel von 55 Prozent bis 2030 ist im Europäischen Klimagesetz rechtlich verankert — ein ambitioniertes Vorhaben, das zeigt, dass Politik nicht schläft.

Das ist korrekt. Und es erklärt gar nichts von dem, was im Juni 2026 passiert ist.

Denn das Kriterium lautet nicht: Hat der Staat den Klimawandel gestoppt? Das Kriterium lautet: Hat der Staat die Schutzarchitektur gebaut, die er versprochen hat und die Leben rettet, solange er den Klimawandel noch nicht gestoppt hat?

Hier sieht die Bilanz düster aus. Die Europäische Umweltagentur zählt 38 Mitgliedstaaten — davon verfügen gerade einmal 21 über Hitzeaktionspläne, die Fortschritte konzentrieren sich auf Süd- und Westeuropa. Eine Studie, die das Forschungsteam der Universität Erfurt über elf Kommunikationskampagnen zu Hitzeschutz in Deutschland, Frankreich, Griechenland und den Niederlanden analysiert hat, kommt zu einem ernüchternden Befund: Kaum eine dieser Kampagnen wird systematisch auf Wirksamkeit getestet oder evaluiert. Man schickt Warnungen, ohne zu prüfen, ob sie ankommen. In Deutschland liegt die Zuständigkeit für Hitzeschutz primär bei den Kommunen — was bedeutet: Wer in einer armen Gemeinde lebt, ist weniger geschützt als wer in einer reichen lebt. Das ist keine Naturgewalt, das ist ein Verwaltungsentschied.

Das Umweltbundesamt hat bereits 2021 in einer Analyse von Hitzeaktionsplänen auf bundesweite Lücken hingewiesen. Fünf Jahre später sterben in Deutschland Tausende an einem Sommer, der nach Einschätzung der World Weather Attribution ohne den menschengemachten Klimawandel „praktisch unmöglich" gewesen wäre. Die Lücke zwischen Analyse und Handlung hat einen Namen: politische Trägheit.

Die Dimension des Problems ist seit Jahrzehnten bekannt. Die Hitzewelle 2003 tötete nach Schätzungen rund 71.000 Menschen in Europa. Die Hitzewelle 2022 forderte allein in einer Juliwoche 11.637 Tote in Mittel- und Südeuropa. Im Jahr 2024 starben laut Lancet Countdown mehr als 62.000 Menschen in Europa durch extreme Hitze — mehr als doppelt so viele wie durch Verkehrsunfälle. Die Europäische Umweltagentur hat errechnet, dass ohne Klimaschutz bis Ende des Jahrhunderts jährlich bis zu 90.000 Europäerinnen und Europäer durch Hitzewellen sterben könnten.

Was kostet ein Hitzetag? Wirtschaftlich: rund 431 Millionen Euro pro Tag in Deutschland, schätzen Forscher. Bis 2030 könnten kumulierte Wirtschaftsverluste in Deutschland allein 131 Milliarden US-Dollar betragen. Produktivität sinkt bei Temperaturen über 30 Grad um etwa drei Prozent pro zusätzlichem Grad. Die Energie kostet mehr. Und dennoch haben laut einer Umfrage weniger als 43 Prozent der europäischen Unternehmen die Auswirkungen von Hitze am Arbeitsplatz systematisch erfasst; 30 Prozent haben überhaupt keinen Hitzeschutzplan.

Auch hier: kein Naturgesetz, eine Entscheidung.

Es gibt eine Neigung in der politischen Kommunikation, Hitzetote in den Bereich des Unvermeidlichen zu rücken. Sie erscheinen in Gesundheitsstatistiken, nicht in Politikberichten. Sie bekommen keine Denkmäler. Frankreich hat nach 2003 ein nationales Hitzewarnsystem eingeführt — und 2026 trotzdem mehr als 1.000 Mehrfachsterbefälle in einer einzigen Woche. Das zeigt: Einzelmaßnahmen verlangsamen den Verlust, sie kehren die Richtung nicht um. Was fehlt, ist eine Architektur — nicht Warnungen, sondern Kühlung, nicht Empfehlungen, sondern Hitzeschutzpflicht, nicht Prüfprotokolle, die im Schrank liegen, sondern solche, die jemand liest.

Die WHO hat 2026 explizit gefordert, Hitzeschutzpläne in den Katastrophenschutz zu integrieren. Europäische Gewerkschaften fordern verbindliche EU-Regelungen für Hitzeschutz am Arbeitsplatz. Verfassungsrechtler diskutieren, ob anhaltende staatliche Untätigkeit bei Extremwetterschutz Grundrechte verletzt. Das ist kein Nischenthema mehr.

Das Maß, an dem staatliches Handeln hier zu messen ist, lautet schlicht: Schutzpflicht. Der Staat schuldet seinen Bürgerinnen und Bürgern, die ihm Schaden aus bekannten, berechenbaren Gefahren abzuwenden — nicht Perfektion, aber Ernsthaftigkeit. Wer seit 2003 weiß, was Hitzewellen anrichten, wer die Prognosen der Umweltagentur kennt, wer das Lancet-Countdown-Papier gelesen hat — und dennoch in der Hälfte der Mitgliedstaaten keinen Hitzeaktionsplan installiert hat, der hat sich für eine politische Priorität entschieden. Die hieß: nicht jetzt.

Zehntausend Tote in einer Juniwoche. Kein Staatsakt. Keine Trauerbeflaggung.

Das Schweigen ist die eigentliche Antwort.