Ende Juni 2026 – Friedensvorschlag und Darlehen. Selenski gab bekannt, Kiew habe Russland einen neuen Friedensvorschlag übermittelt. Inhalt und russische Antwort: unbekannt. Zeitgleich erhielt die Ukraine aus dem EU-Unterstützungsrahmen 3,9 Milliarden Euro, zweckgebunden für die Beschaffung von Drohnen.

1. Juli 2026 – Raketenabwehr-Koalition. Selenski kündigte die Gründung einer europäischen Koalition zum Schutz vor ballistischen Raketen an, gestützt auf ukrainische Erfahrungen aus dem Abwehrkampf gegen russische Angriffe. Welche Staaten konkret beitraten und wann Systeme gemeinsam beschafft werden sollen, ließ er offen.

Anfang Juli 2026 – Regierungsumbildung. Selenski kündigte den dritten Regierungswechsel seit Kriegsbeginn an: Premierministerin Swyrydenko wird abgelöst, Verteidigungsminister Fedorow entlassen. Als Nachfolger für das Verteidigungsressort schlug er Jewhenij Chmara vor, einen Mann mit operativer Erfahrung im technologiegestützten Gefecht.

Mitte Juli 2026 – Proteste und Reaktion. Fedorows Entlassung löste landesweite Proteste aus, getragen vor allem von jungen Ukrainern, die seinen Rücktritt nicht akzeptierten. Fedorow lehnte Selenskis Angebot einer Beraterrolle ab. Selenski antwortete öffentlich: „Natürlich höre ich, was die Leute sagen", und kündigte Gespräche mit Militärs an, ohne konkrete Entscheidungen zu benennen.


Bilanz

Wohin läuft die Person?

Selenski befindet sich im fünften Kriegsjahr an einem Punkt, den man als strategische Erschöpfung der Offensive bezeichnen könnte. Die Gegenoffensive 2023 verfehlte ihre Ziele; der erste seit 2023 messbare Nettogebietsgewinn von rund 90 Quadratkilometern (Stand Februar 2026, Institut für Kriegsstudien) liegt weit unterhalb der territorialen Ambitionen, die Selenski öffentlich formuliert. Gleichzeitig ist seine westliche Unterstützungskoalition nicht erodiert, sondern institutionell vertieft: Die EU-Ukraine-Fazilität stellt bis 2027 bis zu 50 Milliarden Euro bereit, die Waffenlieferungen der G7 wurden zuletzt erhöht. Selenskis Bewegungsraum ist damit weniger ein militärischer als ein diplomatischer: Er hält die Koalition zusammen, kann aber militärisch kaum mehr als halten.

Die Regierungsumbildung signalisiert zusätzlich, dass Selenski mit wachsendem innenpolitischem Druck kämpft. Drei Premierminister in vier Kriegsjahren sind kein Zeichen von Stabilität, sondern von Kurskorrektur unter Stress.

Echter Beitrag

Zwei Leistungen verdienen Anerkennung, unabhängig davon, wie man Selenskis Gesamtkurs bewertet.

Erstens: die Aufrechterhaltung westlicher Unterstützung in einem Ausmaß, das ohne sein persönliches diplomatisches Engagement nicht selbstverständlich wäre. Seit Februar 2022 hat die Ukraine rund 310 Milliarden Euro an internationaler Hilfe empfangen, davon 149 Milliarden Euro Militärhilfe. Selenskis Auftritt vor dem Deutschen Bundestag im Juni 2024 – mit explizitem Dank für die Patriot-Systeme – war nicht nur Rhetorik, sondern Koalitionspflege mit messbarer Folge: Deutschland blieb der zweitgrößte Waffenlieferant.

Zweitens: die Initiative zur ballistischen Raketenabwehr-Koalition. Sie ist inhaltlich nicht neu – Selenski fordert Luftverteidigung seit 2022 –, doch die institutionelle Bündelung europäischer Kapazitäten unter ukrainischer Führung wäre, wenn sie sich konkretisiert, ein strategischer Schritt über die Kriegsdauer hinaus.

Irrelevantes

Das Tagesgeschäft dieser dreißig Tage bestand zu einem erheblichen Teil aus Erklärungen, die den Status quo beschreiben, ohne ihn zu verschieben: Appelle an Verbündete für mehr Munition, Bekenntnisse zur NATO-Mitgliedschaft, allgemeine Aussagen zur wirtschaftlichen Erholung. Die ukrainische Wirtschaft wuchs im Vorjahr um über fünf Prozent – ein bemerkenswerter Wert unter Kriegsbedingungen –, doch Selenski hat diesen Befund in keiner belegten Aussage des Zeitraums in eine spezifische Maßnahme übersetzt. Ebenso der Friedensvorschlag an Russland: ohne veröffentlichten Inhalt, ohne russische Reaktion, ohne verifizierbares Datum der Übermittlung bleibt er eine Nachricht, die verpufft.

Pose & Klamauk

Selenskis Reaktion auf die Fedorow-Proteste am 18. Juli 2026 ist dokumentiertes Beispiel für Inszenierung ohne Substanz. Er trat öffentlich auf, signalisierte Gehör – „Natürlich höre ich, was die Leute sagen" –, kündigte Gespräche an und nannte weder einen Termin noch ein Ergebnis noch ein Kriterium, an dem man seine Reaktion messen könnte. Die Ankündigung, „Personalentscheidungen bezüglich der Armee auszuarbeiten", ist keine Entscheidung, sondern ihre Ankündigung.

Das ist keine Charakterfrage. Selenski agiert hier wie ein Krisenmanager, der Zeit kauft. Aber in einem Format, das Wirkung von Pose trennt, muss dieser Auftritt in der Pose-Spalte stehen: Er veränderte nichts an der Lage, die die Proteste ausgelöst hatte.


Zur Abgrenzung – das Briefing enthält einen blinden Fleck, den diese Bilanz ehrlich benennen muss: Die Gründe für Fedorows Entlassung sind nicht vollständig belegt. Das Briefing deutet auf mögliche Konflikte zwischen Fedorow und Armeechef Syrskyj hin, ohne das zu belegen. Wer Pose und Substanz trennen will, darf diesen Befund nicht mit einer Motivhypothese unterfüttern, die nicht verifiziert ist.