Fast neun Milliarden US-Dollar Bilanzvermögen, 7,57 Milliarden Einnahmen in vier Jahren, für die WM 2026 Prognosen von bis zu 15 Milliarden — und eine Steuerrechnung, die in der Schweiz im Schnitt bei 6,3 Millionen Dollar pro Jahr lag. Das Missverhältnis ist keine Lücke im Rechnungswesen. Es ist das Ergebnis einer konsequenten Konstruktion.
Das Einnahmemodell
Wer verstehen will, wie die FIFA ihr Geld verdient, muss eine Zahl kennen: 95 Prozent. Neunzig-fünf Prozent der gesamten Einnahmen stammen aus der Vermarktung der Weltmeisterschaft — aus Fernseh-, Marketing-, Hospitality- und Lizenzrechten. Im Zyklus 2019–2022 machten allein die TV-Rechte 3,43 Milliarden Dollar aus, also 45 Prozent der Gesamteinnahmen. Marketingrechte — Sponsorenverträge mit Unternehmen wie Adidas, Coca-Cola und zuletzt Aramco, dem saudischen Staatskonzern — brachten 1,8 Milliarden Dollar.
Das Modell ist damit extrem konzentriert. Kein anderer Verband, kein olympisches Komitee, keine Profiliga verdient in einem einzigen Turnier so viel wie die FIFA in vier Jahren. Für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko, erstmals mit 48 Nationalmannschaften statt 32, erwartet die FIFA Einnahmen zwischen 9,3 und 15 Milliarden Dollar — je nachdem, ob man die konservativeren Eigenprognosen oder aktuelle Marktschätzungen nimmt. Selbst der untere Wert entspräche einem Plus von 23 Prozent gegenüber 2022.
Die Schweizer Konstruktion
Der FIFA-Hauptsitz liegt seit 1932 in Zürich. Das ist kein Zufall. Die Schweiz behandelt eingetragene Vereine nach einem eigenen Steuerregime: Sie sind steuerpflichtig, aber zu reduzierten Sätzen. Für die direkte Bundessteuer zahlt die FIFA 4,25 Prozent statt der üblichen Unternehmenssätze; der Kanton Zürich erhebt zusätzlich rund 4 Prozent Staatssteuer. In der Folge flossen im WM-Jahr 2022, als der Gewinnausweis besonders hoch war, etwas über 20 Millionen Schweizer Franken an den Fiskus. In den drei Jahren davor, in denen keine Weltmeisterschaft stattfand, war die Summe deutlich geringer.
Über den gesamten Zyklus 2019–2022: knapp über 23 Millionen Franken — bei einem ausgewiesenen Gewinn, der in der Größenordnung von mehr als einer Milliarde Franken lag. Watson hat dieses Verhältnis im Mai 2024 nüchtern vorgerechnet: 2,6 Prozent effektive Steuerquote.
Zur Einordnung: Ein mittelgroßes Schweizer Technologieunternehmen zahlt bei vergleichbarem Gewinn einen Effektivsatz, der je nach Kanton zwischen 12 und 20 Prozent liegt.
Das gescheiterte Gegenprojekt
Diese Lücke ist kein Geheimnis. Der Zürcher Kantonsrat hat sie 2018 debattiert. Das Volksbegehren, das unter dem Spitznamen „Lex FIFA" gehandelt wurde, forderte eine Anpassung des kantonalen Steuergesetzes: Verbände mit Jahreseinnahmen über 100 Millionen Franken sollten wie gewinnorientierte Unternehmen besteuert werden. Der Antrag scheiterte. Die Gegner argumentierten, die Schweiz riskiere den Wegzug der FIFA — was für Zürich, so die Analyse von SRF aus dem Jahr 2024, finanziell begrenzte Folgen hätte: Rund 300 von mehr als 1.000 FIFA-Mitarbeitern arbeiten am Hauptsitz in Zürich; die direkten Steuereinnahmen sind für einen Kanton dieser Größe überschaubar. Es geht eher um Prestige.
Auf Bundesebene gelangte die Frage 2014 als parlamentarische Anfrage ans Bundesgericht — der Bundesrat antwortete, die bestehende Rechtslage sei korrekt angewendet worden.
Steuerfreiheit als WM-Bedingung
Dass die FIFA ihren Steuervorteil über die Schweiz hinaus ausdehnt, ist strukturell: Bei der Vergabe von Weltmeisterschaften verlangen die Bewerbungsregularien von den Kandidatenländern umfangreiche steuerliche Garantien. Gastgeberländer verpflichten sich damit, der FIFA, ihren Töchtern und Partnern Steuerfreiheit auf Turniererträge zu gewähren — eine Praxis, die seit Jahrzehnten bekannt ist und 2006 in Deutschland bereits kritisch diskutiert wurde.
Für die WM 2026 verhandelte die FIFA entsprechende Zusagen in allen drei Gastgeberländern — mit unterschiedlichem Ergebnis. Mexiko gewährte die weitreichendsten Vergünstigungen; in den USA und Kanada blieben die Befreiungen enger gefasst. Entscheidend für die Nationalverbände: Eine US-Bundessteuerbefreiung auf die Turniererträge der teilnehmenden Fußballverbände wurde im Frühjahr 2026 noch in letzter Minute gesichert. Das Finanzberatungsunternehmen KPMG analysierte im Juni 2026 die Steuerarchitektur der WM 2026 und wies darauf hin, dass individuelle Steuerpflichten für Spieler, Trainer und andere natürliche Personen durch Doppelbesteuerungsabkommen zwar gemindert, aber nicht vollständig aufgehoben werden. Die sogenannte „Jock Tax" — einzelstaatliche US-Steuern auf Einnahmen von Sportlern, die in einem bestimmten Bundesstaat auftreten — bleibt ein offener Kostenfaktor.
Töchter und Transparenz
Die FIFA unterhält Tochtergesellschaften in der Schweiz, Brasilien, Russland, Katar, Australien, den USA und Kanada. Diese werden nach lokal anwendbarem Recht besteuert. Wie hoch die Zahlungen dort jeweils sind, legt die FIFA nicht detailliert offen. Die konsolidierten Jahresabschlüsse, die nach IFRS erstellt und von externen Wirtschaftsprüfern geprüft werden, weisen Steuern als Gesamtposition aus — die Aufschlüsselung nach Jurisdiktion fehlt. Das ist formal zulässig, für eine Organisation, die ihren Anspruch auf Transparenz regelmäßig betont, aber erklärungsbedürftig.
Eine Sonderstellung hat die FIFA Foundation, 2018 als eigene juristische Person gegründet. Sie finanziert humanitäre Projekte und Sportförderung — und ist von der FIFA-Bilanz abgetrennt. Wie genau Mittelflüsse zwischen Verband und Stiftung steuerlich geltend gemacht werden, legt weder die Stiftung noch die FIFA im Detail dar.
Die Rückstellungs-Frage
Auffällig ist ein weiterer Punkt: Die FIFA hat über Jahrzehnte Rückstellungen in erheblichem Umfang gebildet. Rückstellungen mindern den steuerlich relevanten Gewinn — sie sind legitim, wenn sie eine wahrscheinliche künftige Verbindlichkeit abbilden. Kritiker, darunter Transparency International, haben wiederholt die Frage gestellt, ob die Höhe dieser Rückstellungen in jedem Fall durch konkrete Risiken gedeckt ist oder ob sie auch der Steueroptimierung dienen. Eine abschließende Antwort ist aus den öffentlichen Unterlagen nicht zu ziehen.
Wo das Geld ankommt — und wo nicht
Die FIFA stellt für sich in Anspruch, rund 70 Prozent der Einnahmen zurück in den Fußball zu leiten. Das umfasst Preisgelder für Turniere, das FIFA-Forward-Entwicklungsprogramm (10 Milliarden Dollar für 211 Mitgliedsverbände als Planungsgröße), das Club Benefits Programme — im WM-Zyklus 2022 wurden 209 Millionen Dollar an rund 440 Vereine ausgeschüttet, die Spieler abstellen mussten — sowie das FIFA Clearing House für Ausbildungsentschädigungen, das bis Mitte 2026 über 639 Millionen Dollar verteilt hat.
Ob dieser Rückfluss tatsächlich 70 Prozent beträgt und wie er berechnet wird, ist allerdings schwer nachzuprüfen. Die Mittelverwendung durch die 211 Mitgliedsverbände — viele davon in Ländern mit schwacher Governance — unterliegt keiner lückenlosen externen Kontrolle. US-amerikanische Strafverfolgungsbehörden ermitteln laufend zu Korruptionsvorwürfen rund um FIFA-Strukturen; aktuell wird auch der Ticketverkauf für die WM 2026 untersucht. Den Abschluss dieser Verfahren hat die FIFA seit dem Korruptionsskandal von 2015 nie wirklich hinter sich gelassen.
Was die Konstruktion trägt — und wie lange
Die rechtliche Basis der FIFA-Steuerprivilegien ist stabil, aber nicht unantastbar. Das Schweizer Recht unterscheidet nach wie vor zwischen Vereinen und Kapitalgesellschaften. Der EuGH hat im August 2025 entschieden, dass nationale Gerichte Schiedssprüche des CAS auf Vereinbarkeit mit EU-Recht prüfen dürfen — das betrifft die Sportgerichtsbarkeit, nicht direkt die Steuerfrage, zeigt aber, dass das Sonderrecht internationaler Sportverbände unter zunehmendem rechtlichem Druck steht.
Im Schweizer Parlament liegt seit 2022 erneut ein Voorstoß, der die Steuerprivilegien großer Verbände einschränken will. Das Verfahren ist offen. Was feststeht: Der aktuelle Zyklus 2023–2026 wird alle bisherigen Einnahmerekorde brechen. Die Frage, mit welchem Steuersatz dieser Rekord versteuert wird, ist nicht länger nur eine Schweizer Debatte.
