Drei Männer, deren Durchschnittsalter die achtzig berührt, veröffentlichen ein Album in einem Monat. Andrew Watt, der schon "Hackney Diamonds" produziert hat, sagt, er finde "Foreign Tongues" besser als seinen Vorgänger: "roher, lebendiger und jam-mäßiger". Das ist zunächst eine Selbstauskunft. Ob sie stimmt, lässt sich hören.
Was das Album klanglich unterscheidet. "Foreign Tongues" umfasst 14 Songs in 62 Minuten und wird als gitarrenlastiger als "Hackney Diamonds" beschrieben — der Guardian nennt es "stomping blues", lobt die Energie und hebt die gelegentlich politischen Texte hervor. Songs wie "Mr. Charm" und "Covered in You" greifen laut Briefing gesellschaftliche und politische Themen auf; welche Mechanismen Jagger dort sprachlich einsetzt, lässt sich aus den vorliegenden Besprechungen nicht erschöpfend rekonstruieren — das ist eine Lücke in der Quellengrundlage. Was die Kritiken einheitlich festhalten: Der Sound soll direkter und weniger poliert klingen als auf dem Vorgänger. Watt selbst beschreibt das Studio als Ort, an dem er die Energie der Band "einzufangen" versuchte, statt sie nachzubearbeiten.
Die wichtigste klangliche Variable ist die, die niemand mehr verändern kann: Charlie Watts. Der Schlagzeuger starb 2021; seine Beiträge aus den letzten Aufnahmesessions sind auf "Foreign Tongues" zu hören, wie bereits auf "Hackney Diamonds" einzelne Spuren von ihm eingebunden waren. Was das konkret für Rhythmus und Energie des Albums bedeutet, ist quellenseitig nicht belegt — zu sagen, sein Spiel präge das Album entscheidend, wäre eine Behauptung ohne Mechanismus.
Das Vorgänger-Maßstab. "Hackney Diamonds" (Oktober 2023) war der Referenzpunkt, an dem "Foreign Tongues" gemessen wird — und dieser Maßstab ist hoch. Das erste Album mit eigenem Material seit 18 Jahren erreichte in 20 Ländern Platz 1, darunter Großbritannien und Deutschland; auf Spotify kam es bis Juli 2026 auf über 151 Millionen Streams. Den Grammy für das beste Rock-Album 2024 nahmen die Stones mit. Kritiker nannten es das stärkste Album der Band seit "Tattoo You" (1981) oder "Some Girls" (1978). Der Vergleich war schmeichelhaft — und legte eine Latte, über die "Foreign Tongues" nun springen muss.
Das Ergebnis ist gemischt. Der Durchschnitt aus 21 Kritiken liegt bei 7,1 von 10. Der Guardian lobt, das kanadische Musikmagazin Exclaim ist zurückhaltender; ein ausführlicher Verriss auf Bourbon & Vinyl lobt die Energie, bemängelt aber Überladenheit und Länge. Position zwei der UK-iTunes-Charts ist ein gutes Zeichen — Platz eins im eigentlichen Chartzeitraum verpassten die Stones laut Forbes, weil ein Pop-Act die Woche dominierte. Die ersten Streaming-Zahlen für "Foreign Tongues" sind zum Zeitpunkt dieser Analyse noch nicht veröffentlicht; der Vergleich mit den Vorgänger-Daten bleibt damit offen.
Der Nostalgie-Test. Die Frage, ob ein Album einer Band in diesem Alter Nostalgie ist oder Kunst, ist schlecht gestellt — sie behandelt beides als Gegensatz. Nostalgie ist ein Marktmechanismus: Forscher der Universität Winchester haben dokumentiert, dass der Wiedererkennungseffekt bei Fans älterer Bands eine eigenständige psychologische Nachfrage erzeugt, unabhängig von der Qualität des neuen Materials. "Hackney Diamonds" hat davon profitiert. Gleichzeitig ist der Befund aus den Besprechungen klar: Die Band erfindet weder ihre Formel neu noch wiederholt sie sie mechanisch. "Foreign Tongues" klingt nach dem Briefing dichter und weniger auf Hochglanz produziert als sein Vorgänger.
Das stärkste Argument für die Nostalgie-These lautet: Eine Band, die sechs Jahrzehnte alt ist und denselben Produzenten in Folge einsetzt, der ihren Sound bereits einmal "modernisiert" hat, läuft strukturell Gefahr, sich selbst zu verwalten. Der Sound wird konserviert, nicht riskiert. Watt selbst sagt, die Stones hätten sich "immer verändert" — aber das ist die Aussage des Produzenten, nicht ein Befund am Material. Wer das als Beleg nimmt, tauscht den Mechanismus gegen die Autorität.
Das stärkste Gegenargument: Handwerk ist nicht dasselbe wie Nostalgie. Gitarrenspiel, das nach sechs Jahrzehnten Stones klingt, ist Identität — dasselbe gilt für Miles Davis' Late-Period oder für Cormac McCarthys Spätwerk. Ob "Foreign Tongues" diesen Standard erfüllt, lässt sich an 14 Songs prüfen. Die Gastmusiker — Smith am Schlagzeug, McCartney am Bass, Robert Smith als Gegenstimme zum Classic-Rock-Milieu — deuten darauf hin, dass die Band das Spektrum bewusst öffnet.
Streaming-Zeitalter und Bandgröße. Für Musiklegenden gilt im Streaming-Markt eine eigentümliche Arithmetik: Katalog-Streams übersteigen bei Bands wie den Stones regelmäßig die Streams neuer Alben. Dass "Hackney Diamonds" auf Spotify über 151 Millionen Streams erreichte (Stand Juli 2026), klingt groß — "Paint It Black" allein hat auf derselben Plattform mehr als eine Milliarde Streams. Das neue Album muss nicht gegen Taylor Swift konkurrieren, aber es muss gegen das eigene Archiv bestehen. Ob "Foreign Tongues" dabei besser oder schlechter abschneidet als "Hackney Diamonds", lässt sich erst in sechs bis zwölf Monaten beurteilen.
Die erste Prüffrage ist damit benannt: Wenn die Streaming-Zahlen von "Foreign Tongues" bis Anfang 2027 unter denen von "Hackney Diamonds" zum gleichen Zeitpunkt liegen, wäre das ein Indiz, dass die Band sich zu schnell wiederholt — zwei Alben in drei Jahren, beide von Watt, beide aus demselben Materialpool. Liegen sie darüber, hätte das Argument für Handwerk gegenüber dem Argument für Verwaltung ein erstes quantifizierbares Gewicht.
