Bis Mitte 2024 war Klimaanpassung in Deutschland rechtlich eine Ermessenssache. Das Bundes-Klimaanpassungsgesetz, das am 1. Juli 2024 in Kraft trat, schuf erstmals einen verbindlichen Rahmen: Bund, Länder und Kommunen müssen seitdem Konzepte entwickeln. Ein halbes Jahr später, am 11. Dezember 2024, beschloss das Bundeskabinett die Deutsche Anpassungsstrategie 2024 — 33 Ziele, 45 Unterziele, sieben Handlungscluster, aktualisiert alle vier Jahre. Eine beeindruckende Architektur auf dem Papier.

Im Juli 2026 wurde in Deutschland ein Temperaturrekord von 41,5 Grad gemessen. Schätzungsweise 5.100 Menschen überlebten diesen Sommer nicht.

Die Lücke zwischen Dokument und Wirklichkeit

Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie beschreibt das Problem präzise: Deutschland reagiert auf Hitze, statt sich vorzubereiten. Nur rund 25 Kommunen im ganzen Land haben Hitzeaktionspläne, die diesen Namen verdienen — bei mehreren Tausend Kommunen insgesamt. Sieben von 16 Bundesländern haben einen landesweiten Plan, neun nicht. Das Umweltbundesamt hat die Barrieren systematisch erfasst: fehlendes Geld, fehlende Stellen, fehlende Zuständigkeit.

Hier liegt der erste Einwand, den man ernstnehmen muss: Das föderale System ist keine politische Feigheit, sondern Verfassungsprinzip. Die Kommunen kennen ihre Gegebenheiten besser als Berlin. Zentralstaatliche Lösungen scheitern häufig an lokaler Wirklichkeit. Und tatsächlich gibt es gute kommunale Beispiele — Städte, die entsiegeln, bepflanzen, Kühlinselkonzepte einführen. Die Lösung liegt also nicht im Durchregieren von oben.

Sie liegt aber auch nicht im gegenwärtigen Zustand. Das Klimaanpassungsgesetz verpflichtet zur Konzeptentwicklung, nicht zur Umsetzung. Es gibt keine Sanktion für Kommunen, die nichts tun. Es gibt keinen zweckgebundenen Topf, aus dem Hitzeschutzmaßnahmen finanziert werden könnten. Der Deutsche Städtetag hat vorgerechnet, dass bis 2030 rund 55 Milliarden Euro für Klimaanpassungsmaßnahmen benötigt werden — gleichzeitig melden die Kommunen ein Rekorddefizit von fast 25 Milliarden Euro für 2024. Die Schere ist nicht übersehbar; sie ist in jedem Haushaltsgespräch dokumentiert.

Was Strategie ohne Finanzierung bedeutet

Das Bundesumweltministerium fördert 324 Klimaanpassungsmanager in Kommunen und unterstützt 580 Kitas, Pflege- und Altenheime beim Hitzeschutz. Das ist besser als nichts. Es ist auch: nichts im Verhältnis zur Aufgabe. Ältere Menschen über 75 Jahren tragen das höchste Sterberisiko bei Hitze; die Hitzesommer 2018 und 2019 töteten nach RKI-Schätzungen zusammen rund 15.600 Menschen zusätzlich — mehr als viele Katastrophen, die Sirenen auslösen.

Wer Klimaanpassung als freiwillige Aufgabe der Kommunen definiert und gleichzeitig deren Finanzierung nicht sicherstellt, hat eine politische Entscheidung getroffen. Sie lautet: Die Kosten der Untätigkeit sollen die Schwächsten tragen. Personen ohne Wohnraum mit Klimaanlage, ohne Arbeitgeber mit Hitzeschutzprotokoll, ohne Familie, die beim ersten Hitzealarm anruft.

Der wirtschaftliche Gegeneinwand ist bekannt: Ein Hitzetag über 30 Grad kostet die deutsche Volkswirtschaft rund 431 Millionen Euro, vorwiegend durch Produktivitätsverlust; eine einwöchige Hitzewelle erhöht die Krankheitsfälle um geschätzte 10,8 Prozent. Ohne Anpassungsmaßnahmen könnten die Schäden bis 2050 zwischen 280 und 910 Milliarden Euro betragen. Der Hitzeschutz ist kein Kostenfaktor. Er ist eine Investitionsrechnung, die jeder Finanzminister verstehen kann — sofern er sie anstellt.

Was Anpassung wirklich bedeutet

Die Bundesregierung verweist auf ihre Strategien. Die Länder verweisen auf die Kommunen. Die Kommunen verweisen auf fehlendes Geld. In dieser Weiterleitungsschleife stirbt die niemandem zugeordnete Verantwortung einen lautlosen Tod.

Was konkret gebraucht wird, ist keine neue Strategie. Es braucht einen zweckgebundenen Finanzierungsmechanismus, der Kommunen Hitzeschutzmaßnahmen ermöglicht, ohne dafür in Haushaltsnot zu geraten. Es braucht verbindliche Mindeststandards für Hitzeaktionspläne — nicht als Kür, sondern als Pflicht für jede Gebietskörperschaft über einer bestimmten Einwohnerzahl. Es braucht ein Monitoring, das nicht alle vier Jahre aktualisiert wird, sondern jährlich misst, wie viele Pläne umgesetzt wurden, nicht nur beschlossen. Und es braucht die Bereitschaft, Frankreich, das schon nach der Katastrophe von 2003 einen nationalen Hitzeschutzplan eingeführt hat, nicht länger als fremdes Modell zu betrachten, sondern als Beweis dafür, dass es geht.

66 Prozent der Deutschen erkennen laut einer YouGov-Umfrage den Zusammenhang zwischen Rekordhitze und Klimawandel. Nur 49 Prozent glauben, dass Deutschland damit politisch irgendetwas ausrichten kann.

Diese Skepsis ist verdient.