Das ist kein Feuilleton-Bonmot, das ist ein Befund. Denn „Foreign Tongues", erschienen am 10. Juli 2026 und produziert wieder von Andrew Watt, klingt nicht nach einer Band, die ihren Ruf verwaltet. Es klingt nach einer Band, die noch etwas zu sagen hat.

Die Frage, ob die Stones noch relevante Statements setzen, ist dabei nicht falsch gestellt — sie wird nur meist mit dem falschen Maßstab beantwortet. Wer Originalität als Erneuerung des Genres versteht, wird enttäuscht sein. Wer Originalität als Kongruenz von Form und Haltung versteht, findet hier mehr, als er vielleicht erwartet hatte.

Der Einwand verdient Ernst. Die Stones haben seit „Some Girls" (1978), streng genommen seit „Exile on Main St." (1972), keinen Epochenbruch vollzogen. Jedes Album seit „Steel Wheels" (1989) wurde von irgendeinem Kritiker als das beste seit Jahrzehnten bezeichnet — die Inflation dieser Formulierung ist selbst ein Argument. Und ja: Ein Album, das Bluesrock und Soul zelebriert, beschreitet kein unbekanntes Terrain. Die 14 Tracks, 62 Minuten und 33 Sekunden, der Rückgriff auf Charlie Watts' Vorproduktionen aus 2019 — das alles trägt Züge des Bewährten.

Aber hier liegt der Denkfehler in der Nostalgie-These. Sie setzt voraus, dass eine Band, die ihren eigenen Stil perfektioniert, damit per se rückwärtsgewandt sei. Richards' Riff-Architektur, Jaggers Phrasierung — das sind keine Relikte, das ist ein Idiom, das die drei verbliebenen Mitglieder nach sechs Jahrzehnten mit einer Präzision beherrschen, die nicht konserviert, sondern verdichtet ist.

Was „Foreign Tongues" von reiner Nostalgie unterscheidet, ist der Texthalt. Ein Album, das — laut vorliegender Kritiken — den Namen eines der mächtigsten Männer der Erde nennt und ihn nicht feiert, ist politisch präsent. Das ist kein Kleinstädter-Protest aus dem Archiv, das ist das Privileg von Leuten, die nichts mehr zu verlieren haben und es wissen. Jagger kann auf Welttournee gehen oder es lassen; er veröffentlicht trotzdem. Diese Indifferenz gegenüber der eigenen Institutionalisierung ist selbst eine Aussage.

Andrew Watt, der schon „Hackney Diamonds" produzierte und dort als revitalisierende Kraft beschrieben wurde, hält auch hier den Sound offen: nicht poliert bis zur Sterilität, nicht retro bis zur Ironie. Die Gäste — Robert Smith von The Cure neben Bruno Mars, Paul McCartney neben Chad Smith — sind kein Name-Dropping-Katalog, sondern Marker dafür, wie weit das Stones-Idiom als Resonanzraum taugt. Dass „Rough and Twisted", die erste Single, unter dem Pseudonym „The Cockroaches" erschien, war kein Marketing-Trick, sondern eine Qualitätsprüfung: Hat der Song ohne Markennamen Bestand? Er hatte.

Die Chartperformance — Platz 1 in Deutschland, 218 Top-10-Platzierungen insgesamt, 61 Jahre zwischen zwei Nummer-eins-Alben — ist als Qualitätsbeweis nichts wert. Charts messen Aufmerksamkeit, keine Substanz. Was sie aber messen: Es gibt ein Publikum, das bereit ist, zuzuhören. Das allein ist kein Verdienst des Albums. Was das Album damit macht, schon.

Das Urteil: „Foreign Tongues" ist kein bahnbrechendes Album. Es war auch keines versprochen. Es ist das Werk einer Band, die ihren eigenen Aggregatzustand kennt — komprimierter Bluesrock mit Haltung — und ihn auf 62 Minuten und 33 Sekunden ohne Füllmaterial ausspielt. Wer Stones hört und Stockhausen erwartet, trägt das Problem selbst. Wer hingegen fragt, ob eine Band mit einem Altersdurchschnitt jenseits der 75 noch einen Grund hat, Musik zu veröffentlichen, der nicht Vermarktung heißt: „Foreign Tongues" gibt eine brauchbare Antwort.

Irrelevanz sieht anders aus. Irrelevanz ist leise.