Am 2. Juli 2026 zählte Kiew nach einer nächtlichen Angriffswelle mindestens 18 Tote und 86 Verletzte, zerstörte Wohnhäuser, meldet SWI swissinfo. Vier Tage später, am 6. Juli, stürzten in einem weiteren Großangriff Hochhäuser ein, die Zahl der Todesopfer stieg über Stunden weiter, berichtet das ukrainische Portal socportal. Solche Zahlen lesen sich wie ein Bericht über Zerstörung. Sie sind aber vor allem ein Bericht über eine Rechnung.
Denn was hier zermürbt werden soll, ist nicht in erster Linie die Moral der Bevölkerung. Es ist ein Vorrat.
Was „Zermürbung" hier heißt. Der Begriff fällt in fast jeder Meldung, meist unbestimmt. Gemeint ist im militärischen Sinn: Man greift nicht an, um ein Ziel zu zerstören, sondern um die gegnerische Verteidigung schneller zu verbrauchen, als sie sich nachfüllen lässt. Der Erfolg misst sich nicht an eingestürzten Häusern, sondern am Bestand der ukrainischen Abfangraketen. Wer das im Blick behält, liest die russische Taktik anders.
Der Schlüssel liegt in einer technischen Asymmetrie. Die ukrainische Luftabwehr fängt Drohnen und Marschflugkörper zuverlässig ab — über 80 Prozent, wie das ZDF unter Berufung auf ukrainische Angaben berichtet. Bei ballistischen Raketen wie der Iskander-M kippt das Bild. Sie fallen mit vielfacher Schallgeschwindigkeit aus großer Höhe, das Zeitfenster zum Abfangen misst sich in Sekunden. Ein ukrainischer Offizier beschrieb es gegenüber Focus so, es wirke, „als hätten wir nichts, um sie abzufangen". Nur ein System kann es überhaupt: die amerikanische Patriot.
Und genau hier schließt sich der Kreis. Eine ballistische Rakete lässt sich in der Ukraine praktisch nur mit einem Patriot-Lenkflugkörper abwehren. Der kostet je nach Version einen Millionenbetrag pro Stück und wird weltweit knapp — Business Insider berichtet, dass Kiew Raketen durchlässt, weil die Systeme oder ihre Munition fehlen. Russland zwingt die Ukraine also, ein knappes, teures Gut gegen ein weniger knappes einzusetzen. Ob eine einzelne Iskander ihr militärisches Ziel trifft, ist dabei fast nebensächlich. Sie hat ihren Zweck schon erfüllt, wenn sie einen Patriot-Schuss provoziert — oder wenn sie durchkommt, weil keiner mehr da war.
Der Streit um die Ziele verdeckt den Mechanismus. Russland erklärt seine Angriffe als Schläge gegen militärische Infrastruktur, teils als Vergeltung für ukrainische Attacken auf russische Ölraffinerien. Die Ukraine dokumentiert getroffene Wohnhäuser, Krankenhäuser, ein humanitäres Lager des Roten Kreuzes. Beide Darstellungen können nebeneinander zutreffen — und beide führen an der Sache vorbei. Für die Zermürbungslogik ist die Frage „ziviles oder militärisches Ziel" zweitrangig. Entscheidend ist die geografische Streuung. Wenn Angriffe über das ganze Land verteilt einschlagen, muss die Ukraine ihre wenigen Patriot-Batterien verteilen — und kann keinen Punkt vollständig schützen. Das ZDF beschreibt diese Verteilung als Kern der neuen russischen Taktik.
Hier ist der stärkste Einwand fällig: Vielleicht ist die Bevölkerung doch das eigentliche Ziel, und die Vorrats-Logik ist zu technisch gedacht. Der getroffene Kinderkrankenhaus-Komplex „Okhmatdyt" mit mindestens 22 Toten, den ADRA und das Ärzteblatt dokumentierten — die UN geht von einem Direkttreffer aus —, spricht für gezielten Terror gegen Zivilisten. Der Einwand trifft einen realen Punkt: Die psychologische Wirkung ist Teil des Kalküls, nicht bloß Kollateralschaden. Aber er widerlegt die Vorrats-Logik nicht, er ergänzt sie. Untersuchungen der Bundeszentrale für politische Bildung legen zudem nahe, dass Angriffe auf zivile Ziele die Kriegsunterstützung in der ukrainischen Bevölkerung eher stützen als brechen. Als reine Demoralisierungsstrategie funktioniert der Beschuss also schlecht. Als Vorrats-Erschöpfung funktioniert er gut — die zivilen Opfer sind dann Nebenprodukt einer Kalkulation, die auf Munitionsbestände zielt.
Wo die neuen Waffen ins Bild passen. Russland führt seit November 2024 die Mittelstreckenrakete „Oreschnik" vor, laut Deutschlandfunk eine Weiterentwicklung der Interkontinentalrakete RS-26, deren Bau der INF-Vertrag einst verbot. Moskau nennt sie unabfangbar. Diese Behauptung gehört auf die Norm-Ebene der Propaganda, nicht auf die der Tatsachen: Der Spiegel ordnet die „Oreschnik" als schwer, aber nicht grundsätzlich unabfangbar ein; Systeme wie das israelische „Arrow 3" könnten sie prinzipiell abwehren. Bemerkenswert ist der Nachweis der ukrainischen Gegenwirkung: Business Insider dokumentiert, dass die Ukraine im Oktober 2025 eine experimentelle „Oreschnik" auf dem russischen Testgelände Kapustin Jar zerstört haben will. Die Superwaffen-Rhetorik dient dem Signal an den Westen mindestens so sehr wie dem Gefecht — sie soll die Kosten-Rechnung um eine nukleare Drohkulisse erweitern.
Was folgt daraus für den Westen? Die Antwort läuft, gemessen an der Logik des Problems, auf einen einzigen Parameter hinaus: Füllt sich Kiews Abwehrvorrat schneller, als Russland ihn leert? Die NATO plant über zwei Jahre ein Paket von 140 Milliarden Euro für militärische Ausrüstung, Deutschland soll den größten Anteil tragen, berichtet die Welt. Die Bundesregierung sagt eine Beteiligung an einem US-Waffenpaket zu, ausdrücklich für Patriot, dokumentiert auf bundesregierung.de. Doch Geld ist nicht Munition. Der Engpass ist die Produktion von Patriot-Lenkflugkörpern, und die lässt sich nicht per Überweisung beschleunigen. Genau darauf spekuliert die russische Taktik: Sie greift nicht die stärkste Stelle der Verteidigung an, sondern ihren Nachschub.
Woran man in drei Monaten erkennt, welche Seite die Rechnung gewinnt: nicht an der Zahl der Angriffe, sondern an der ukrainischen Abfangquote bei ballistischen Raketen. Bleibt sie niedrig, während die Angriffsdichte steigt, hat Russlands Zermürbung gewirkt — der Vorrat ist geleert. Steigt sie, weil neue Patriot-Munition eintrifft, hat der Westen die Ökonomie der Erschöpfung durchbrochen. Alles andere — Opferzahlen, Superwaffen-Rhetorik, der Streit um zivile Ziele — ist Lärm über der eigentlichen Bilanz.
