Mitte März 2026 sagte Friedrich Merz im Bundestag, Deutschland hätte von dem Weg der USA und Israels gegen den Iran abgeraten — wenn man es gefragt hätte. Man hatte es nicht gefragt. Das ist die Lage in einem Satz.

Seitdem ist einiges passiert: eine zweiwöchige Waffenruhe, ein Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran, das die G7 begrüßten, und ein weiteres Telefonat — Merz sicherte Benjamin Netanyahu am 9. Juli 2026 zu, das Abkommen sei „die beste Chance für Stabilität in der Region". Europa kommentiert. Europa positioniert sich. Europa koordiniert sich nicht.

Das ist das Problem, das Merz selbst benennt — und das er lösen könnte.

Der Zugzwang

Das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran ist noch keine Friedensordnung. Es ist ein Waffenstillstand mit offenem Ausgang. Die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltgehandelten Öls und ein Fünftel des globalen LNG-Handels fließen, war zeitweise blockiert; die Gaspreise in der EU hatten sich laut Recherche vorübergehend verdoppelt, Rohöl der Sorte Brent notierte zwischenzeitlich nahe 100 Dollar je Barrel. Die Europäische Zentralbank warnte vor einem Energieschock für die Eurozone. Die Bundesregierung richtete eine ressortübergreifende Task Force zur Versorgungssicherheit ein — ein Krisenzeichen, kein Routineschritt.

Gleichzeitig bleibt die europäische Reaktion strukturell dezentriert. Die EU-Außenminister haben den Konflikt am 21. April 2026 besprochen — im Rahmen eines regulären Treffens, das auch die Ukraine auf der Tagesordnung hatte. Eine gemeinsame europäische Initiative, die über Kommuniqués hinausgeht, ist ausgeblieben. Die Hohe Vertreterin Kaja Kallas hat Besorgnis geäußert und die Freiheit der Schifffahrt betont. Das ist korrekt. Es ist auch wenig.

Was Merz selbst will — der Steelman

Merz hat seine Außenpolitik unter ein klares Leitbild gestellt: Europa muss aus einer Position der Stärke agieren, Deutschland muss Initiative ergreifen, und die transatlantische Partnerschaft darf nicht zur Einbahnstraße werden. In seiner Regierungserklärung und im CDU-Europapapier vom Januar 2026 steht das so. In seiner Reise in die Golfregion im Frühjahr — Handelsvolumen mit Saudi-Arabien: rund elf Milliarden Euro — hat er diesen Anspruch konkret gemacht. Und in seinen Aussagen zum Iran-Krieg hat er das fehlende Konsultationsprinzip zum Strukturproblem erklärt, nicht nur zur Episode.

Wer das ernst nimmt, kommt zu einer unbequemen Frage: Wenn die fehlende Konsultation das Problem war — was unternimmt Merz, damit Europa beim nächsten Schritt dieses Konflikts nicht wieder nur Kommentator ist?

Die Idee

Der beste nächste Zug ist aus unserer Sicht die Einberufung einer außerordentlichen Zusammenkunft der EU-Außenminister durch den deutschen Bundeskanzler — koordiniert mit Kaja Kallas als Hoher Vertreterin und in Abstimmung mit den Regierungschefs der wichtigsten EU-Mitgliedstaaten. Kein Gipfel, kein Fünf-Jahres-Strategiepapier. Ein fokussiertes Treffen mit drei Tagesordnungspunkten: Stand des Rahmenabkommens und europäische Risikobewertung; abgestimmte europäische Position zu Sanktionen und Entsperrung der Straße von Hormus; mögliche EU-Vermittlungsrolle in der nächsten Verhandlungsphase.

Das Instrument ist klar: Es braucht keinen Ratsbeschluss, keinen neuen Haushaltspunkt, kein Parlamentsmandat für die Einberufung eines solchen Treffens. Der Bundeskanzler nimmt das Telefon, spricht mit Kallas und seinen Amtskollegen — der erste Schritt lässt sich binnen Tagen setzen. Zuständigkeit: real. Vorbedingungs-Turm: keiner. Beginnbar: sofort.

Der Doppel-Test

Warum ist das der beste Zug für Merz selbst? Weil seine Diagnose ohne institutionellen Ausgang unvollständig bleibt. „Wir hätten abgeraten" ist eine Haltung, aber kein Hebel. Eine von Deutschland initiierte Konferenz gibt der europäischen Eigenständigkeit, die Merz einfordert, eine Form — und damit eine Glaubwürdigkeit, die reine Positionspapiere nicht erzeugen. Gleichzeitig sichert er die eigene außenpolitische Narrativelinie: nicht Follower Washingtons, sondern europäischer Gestalter.

Nun die drei Achsen, offen:

Demokratie: Eine multilateral organisierte Krisenreaktion stärkt die EU als regelgebundenen Akteur. Sie bindet die Außenpolitik an kollektive Verfahren statt an bilaterales Kalkül einzelner Regierungen. Kein demokratiepolitisches Negativsignal — im Gegenteil.

Ökologie: Instabilität am Persischen Golf ist ein direktes Energiepreisrisiko für die europäische Dekarbonisierung; explodierende Gaspreise bremsen die Wärmewende und den Industrieumstieg auf erneuerbare Quellen. Deeskalation ist hier kein weiches Ziel, sondern eine Voraussetzung für den Klimakurs. Der Zug wirkt positiv.

Effizienz: Eine koordinierte europäische Position reduziert doppelte Konsularbewegungen, parallele nationale Lageeinschätzungen und widersprüchliche Signale an Teheran und Washington. Das ist kein Trivialargument — die EU hat im Frühjahr 2026 ihr konsularisches Evakuierungsnetz aktiviert, ohne dass eine gemeinsame politische Linie erkennbar war.

Demokratie-K.O.-Prüfung bestanden: Der Zug schwächt keine demokratischen Institutionen, er stärkt sie.

Der stärkste Einwand

Der Einwand, der zählt, lautet nicht „zu mutig" — er lautet: „zu symbolisch". Eine Ad-hoc-Konferenz der EU-Außenminister, so das Argument, ändert an der Verhandlungsmasse wenig. Die USA und der Iran haben ohne europäischen Beitrag ein Abkommen geschlossen; warum sollte ein europäisches Treffen daran etwas ändern?

Das trifft teilweise. Wenn das Treffen nur eine gemeinsame Erklärung produziert, ist es Zeitverschwendung. Merz müsste es anders anlegen: mit einer konkreten europäischen Position zu Sanktionsarchitektur und Hormus-Sicherung als Verhandlungsmasse — und mit dem Signal an Washington, dass Europa bei der nächsten Verhandlungsrunde am Tisch sitzt, nicht im Wartesaal. Das ist kein Selbstläufer. Es hängt davon ab, ob Merz das Treffen als Arbeitssitzung führt oder als Pressekonferenz. Der Unterschied liegt im Mandat, das er vorab mit Kallas und den Schlüsselpartnern aushandelt.

Kurz: Die Idee ist nur so stark wie die Vorbereitung. Das Risiko ist handhabbar, aber real.

Was bleibt

Merz hat den Befund klar formuliert: Europa wurde nicht konsultiert, das schadet — sicherheitspolitisch, energiepolitisch, migrationspolitisch. Der nächste Schritt ist, diesen Befund in eine Institution zu übersetzen. Außerordentliche Treffen der EU-Außenminister sind kein Kraftakt; sie sind ein normales Instrument der europäischen Krisenreaktion. Was fehlt, ist der Anstoß — und der liegt in Berlin.

Prüfstein

  • Adressat: Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
  • Zug: Merz stimmt sich mit der EU-Hohen Vertreterin Kaja Kallas und den Regierungschefs der wichtigsten EU-Mitgliedstaaten ab und gibt öffentlich bekannt, eine außerordentliche Zusammenkunft der EU-Außenminister zur Lage im US-iranischen Konflikt zu initiieren
  • Frist: 12.08.2026
  • Prüfstein: Liegt bis zum 12.08.2026 eine öffentliche Ankündigung des Bundeskanzlers vor, dass er eine außerordentliche EU-Außenministerkonferenz zum US-iranischen Konflikt initiiert, und wurden erste Einladungen oder eine Terminankündigung durch das Auswärtige Amt oder die EU-Ratspräsidentschaft bestätigt? (ja/nein)