In Mergelstetten, einem Ortsteil von Heidenheim an der Brenz, steht seit dem 9. Juli 2026 etwas Welterstmaliges: eine Zementklinker-Anlage, die mit reinem Sauerstoff statt mit Luft brennt. Die Abgasseite besteht zu rund 90 Prozent aus CO2 — ein Wert, den konventionelle Öfen nie überschreiten (dort sind es maximal 25 Prozent). Aus diesem hochkonzentrierten Strom lässt sich Kohlendioxid weit einfacher abscheiden, als wenn man es aus einem dünnen Gemisch mit Stickstoff herausfiltern muss. Das Konsortium CI4C — bestehend aus Buzzi SpA/Dyckerhoff, Heidelberg Materials, Schwenk und Vicat — spricht von bis zu 95 Prozent Abscheiderate, einschließlich der prozessbedingten Emissionen aus der Kalksteinkalzinierung. Jene zwei Drittel, die kein Brennstoffwechsel je eliminieren kann.

Das ist technisch bemerkenswert. Aber Technik und Maßstab sind zwei verschiedene Dinge.

Was die Eigenfinanzierung sagt — und was nicht

Der Verzicht auf öffentliche Förderung wird von den Beteiligten als Zeichen der Ernsthaftigkeit kommuniziert. Das stimmt, bis zu einem gewissen Grad. Vier Unternehmen binden 120 Millionen Euro in einem Projekt, dessen wirtschaftlicher Rückfluss unbekannt ist. Das ist kein Greenwashing-Budget, das ist industrielle Wette. Die Anlage produziert 450 Tonnen Klinker pro Tag — ein typisches europäisches Zementwerk schafft das Vier- bis Fünffache. Mergelstetten ist Forschungsanlage, nicht Fabrik.

Das stärkste Argument für das Modell lautet: Wenn die Industrie selbst zahlt, hat sie skin in the game. Kein Konsortium verbrennt 120 Millionen Euro für eine Technologie, an deren Skalierbarkeit es nicht glaubt. Diese Selbstverpflichtung erzeugt Druck auf Ergebnisorientierung, den Förderprojekte nicht immer kennen.

Aber das Argument hat eine Grenze: Was ein Weltkonzernverbund stemmt, ist keine Benchmark für die 900 Zementwerke weltweit, von denen viele mittelständisch strukturiert sind. Eigenfinanzierung in dieser Höhe setzt Bilanzen voraus, die die meisten Akteure nicht haben. Wer das als allgemeines Modell industrieller Dekarbonisierung verkauft, beschreibt den Sonderfall als Regel.

Das eigentliche Problem steht hinter der Anlage

Das Pure-Oxyfuel-Verfahren löst das Abscheideproblem — falls es im Volllastbetrieb hält, was die Pilotphase verspricht. Es löst nicht das Verwertungsproblem. Abgeschiedenes CO2 muss irgendwo hin: in geologische Speicher (CCS), in synthetische Kraftstoffe oder in industrielle Prozesse (CCU). Diese Infrastruktur existiert in Deutschland nicht in dem Maßstab, den eine Branche mit 18,8 Millionen Tonnen Jahresemission (Stand 2022) bräuchte. Eine Zementanlage in China, in der Provinz Shandong, betreibt seit Januar 2024 ein Oxyfuel-Verfahren mit 200.000 Tonnen CO2-Erfassung pro Jahr — und nutzt das Gas für Enhanced Oil Recovery. Das ist eine Verwertungsoption, die Europa aus gutem Grund skeptisch betrachtet.

Hinzu kommt der Energiebedarf. Reinen Sauerstoff zu erzeugen — durch kryogene Luftzerlegung — ist energieintensiv. Die Produktionskosten steigen durch die Oxyfuel-Integration nach Branchenangaben um 40 bis 50 Prozent, der Strombedarf pro Tonne Klinker verdoppelt sich oder mehr. Das ist kein Einwand gegen die Technologie, aber es verändert die Frage: Oxyfuel-Zement bleibt teurer als konventioneller, solange der CO2-Preis die Kostenlücke nicht schließt. Der EU-Emissionshandel handelte CO2-Zertifikate im Sommer 2026 um die 65 Euro pro Tonne — ein Niveau, das die Mehrkosten der Abscheidung nach Schätzungen noch nicht vollständig deckt.

Das Kriterium: Skalierbarkeit unter realen Bedingungen

Die Zementindustrie hat ihre spezifischen Emissionen seit 1990 von 748 auf 533 Kilogramm CO2 pro Tonne Zement gesenkt (Stand 2024) — durch Effizienz, Brennstoffmix, Klinkerzusätze. Das war das leichte Drittel. Das schwere Drittel, die Prozessemissionen aus der Kalzinierung, bleibt. Pure Oxyfuel ist der technologisch plausibelste Weg, genau dort anzusetzen.

Zukunftsfähig ist ein Verfahren, wenn es drei Bedingungen erfüllt: erstens technisch funktioniert, zweitens skaliert werden kann, drittens wirtschaftlich tragfähig ist. Bedingung eins wird gerade getestet. Bedingung zwei steht hinter einer Kostenmauer, deren Höhe noch nicht bekannt ist. Bedingung drei hängt von politischen Entscheidungen ab, die das Konsortium in Mergelstetten nicht trifft: CO2-Preispfad, CCS-Infrastruktur, Carbon Border Adjustment Mechanism.

Das ist die ehrliche Einordnung: Der Schritt nach Mergelstetten ist notwendig. Ohne Demonstrationsanlage keine Kostendaten, ohne Kostendaten keine Investitionsentscheidung in großem Maßstab. Aber die Anlage ist ein Anfang, nicht ein Beweis. Wer jetzt von der „gelösten" Dekarbonisierung der Zementindustrie schreibt, verwechselt den Prototypen mit der Serienproduktion.

Die eigentliche Frage, die das CI4C-Konsortium nicht stellen kann, ist eine politische: Wie schnell entsteht die Infrastruktur für das abgeschiedene CO2, und wer zahlt sie? Vier Zementhersteller können ihre Forschungsanlage selbst finanzieren. Ein Pipelinesystem für CO2-Transport und -Speicherung im industriellen Maßstab können sie nicht.

120 Millionen Euro private Initiative sind kein Argument gegen öffentliche Infrastruktur. Sie sind ein Argument dafür, dass die Industrie ihren Teil tut — und dass der Staat jetzt den seinen tun muss.