Anfang April 2025 führten ukrainische Einheiten innerhalb eines einzigen Monats fast 357.000 Kampfeinsätze mit Drohnen durch und trafen dabei über 160.700 Ziele. Das ist kein Nebenschauplatz des Krieges mehr. Das ist dessen Hauptachse.

Die Typen: Drei Klassen, drei Aufgaben

Ukrainische Drohnen lassen sich grob in drei operative Klassen einteilen — und jede hat eine eigene industrielle Geschichte.

FPV-Drohnen sind die Arbeitspferde. Erste-Person-Sicht, Kamera im Kopf, Sprengstoff im Rumpf — der Pilot steuert per Videobrille. Herstellungskosten: 400 bis 500 Dollar. Einsatzgebiet: Schützengräben, Fahrzeugkolonnen, Artilleriestellungen aus kurzer Distanz. Glasfaser-Varianten, die sich nicht durch elektronische Kampfführung stören lassen, machten Ende 2024 bereits rund 10 Prozent der Gesamtproduktion aus — die Ukraine produzierte davon monatlich etwa 20.000 Stück, Russland rund 50.000.

Die Wirkung ist messbar: Von 31 US-gelieferten Abrams-Panzern, die die Ukraine bis Anfang Juni 2025 verlor, wurden 27 durch Drohnen zerstört. Das Verhältnis 87 zu 13 Prozent zugunsten der Drohne ist kein Ausreißer, sondern eine Strukturaussage über modernen Landkrieg.

Mittelgroße Mehrzweckdrohnen wie die R18 — ein ukrainischer Oktokopter, seit 2019 im Einsatz — übernehmen Aufklärung, Munitionsabwurf und Transport. Sie sind teurer, überlebensfähiger und lassen sich für unterschiedliche Missionen konfigurieren. Die Abfangdrohne P1-Sun von Skyfall Industries gehört in eine Sonderkategorie: Sie wurde explizit für die Bekämpfung russischer Shahed-Drohnen entwickelt und erreicht bis zu 300 km/h. Drohnen jagen Drohnen.

Langstreckenangriffssysteme wie die An-196 Liutyi operieren in anderen Dimensionen: Rüstungsbetriebe, Ölraffinerien, Flugplätze und Führungsstellen tief in russischem Territorium. Diese Systeme tragen die strategische Dimension des Drohnenkriegs — sie zwingen Russland, Luftabwehr weit hinter der Frontlinie zu stationieren. Ergänzt wird das Spektrum durch maritime Systeme: SeaBaby und Magura greifen russische Marineziele im Schwarzen Meer an. Im Juli 2024 gründete die Ukraine die „Streitkräfte für unbemannte Systeme“ als eigenständige Teilstreitkraft — die erste weltweit, die Luft-, Boden- und Seedrohnen unter einem Kommando vereint.

Die Industrie: Wie 500 Firmen in drei Jahren entstehen

2022 gab es in der Ukraine keine nennenswerte Drohnenindustrie. Heute zählt die Rüstungsbranche rund 800 Unternehmen, davon etwa 700 privat geführt. Die Produktion von FPV-Drohnen hat sich zwischen 2022 und 2025 nach Branchenschätzungen um den Faktor zehntausend gesteigert. 2024 produzierte die Ukraine über zwei Millionen Drohnen; die Planung für 2025 sah vier bis zehn Millionen vor.

Dieses Wachstum folgte keinem Masterplan — es war dezentral, chaotisch und deshalb widerstandsfähig. Kleine Teams, oft aus der Zivilgesellschaft heraus, entwickelten Prototypen, testeten sie an der Front und passten sie binnen Wochen an. Die April-Stiftung steht für diesen Typus: spendenfinanziert, klein, auf spezifische Frontbedürfnisse zugeschnitten. Daneben operieren mittelgroße Firmen wie F-Drones oder Skyfall Industries, die inzwischen in Serienproduktion gegangen sind.

Der Staat reagierte auf diese Dynamik zunächst mit Bürokratie. Beschaffungsverfahren, die für klassisches Rüstungsgut konzipiert waren, passten nicht zu Drohnen, deren Lebenszyklus in Monaten zählt. Das Beschaffungsamt DOT wurde neu aufgestellt; im ersten Halbjahr 2026 schloss es Verträge über 333,6 Milliarden Hrywnja — umgerechnet rund 6,9 Milliarden Euro — ab, doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. 96 Prozent der staatlichen Käufe der Jahre 2023 und 2024 gingen an inländische Hersteller.

Eine strukturelle Lücke bleibt: Viele Bauteile — Chips, Sensoren, Motoren — kommen aus China. Die Abhängigkeit von Zulieferern, die im Zweifel auf Druck Pekings reagieren könnten, ist das größte Versorgungsrisiko der ukrainischen Drohnenindustrie. Wie weit der Aufbau alternativer Lieferketten vorankommt, ist derzeit nicht belastbar zu beurteilen.

Das Geschäft: Partner, Käufer, Exporteur

Deutschland finanziert den Kauf von 50.000 FPV-Angriffsdrohnen vom Typ Shrike — hergestellt von Skyfall Industries, mit Software des US-Unternehmens Auterion — für rund 90 Millionen Euro. Die Auslieferung hat begonnen. Begründung des Bundesverteidigungsministeriums: Die Shrike-Drohnen sollen Russlands elektronische Kampfführung überwinden, die gängige Funksignale zunehmend stört.

Die EU geht weiter. Im ersten Quartal 2026 stellte die Kommission eine erste Tranche von 3,9 Milliarden Euro aus dem Ukraine-Unterstützungsdarlehen für die Drohnenbeschaffung bereit; 1,5 Milliarden Euro flossen zwischen Januar und April 2026 in die ukrainische Drohnenproduktion — das entspricht 12 Prozent der gesamten europäischen Militärhilfe in diesem Zeitraum. Daneben unterzeichneten EU und Ukraine im Juli 2026 eine industrielle Partnerschaft: europäische Fertigungskapazitäten sollen mit ukrainischem Know-how verzahnt werden, unter dem Label „EU-Ukraine Drone Alliance“.

Das Deutsche Unternehmen Quantum Systems hat in der Ukraine eine Produktionsstätte aufgebaut und gemeinsam mit Frontline Robotics das Joint Venture Quantum Frontline Industries gegründet. Das Modell folgt einer Logik, die mehrere westliche Partner verfolgen: Nicht nur liefern, sondern vor Ort produzieren — mit Wissenstransfer in beide Richtungen.

Die Richtung dreht sich auch um. Die Ukraine hat 2.000 F10-Angriffsdrohnen des Herstellers F-Drones in die USA geliefert — die erste offizielle Exportgenehmigung für komplette Kampfdrohnen seit Inkrafttreten des Kriegsrechts. Die Ukraine ist nicht mehr nur Empfänger. Sie wird Lieferant.

Die strategische Wette

Die Militärlogik hinter diesem Aufwand ist eindeutig: Drohnen kompensieren Zahlennachteile. Eine FPV-Drohne für 500 Dollar kann einen Schützenpanzer für zwei Millionen Dollar außer Gefecht setzen. Schätzungsweise 70 Prozent der Personalverluste beider Seiten gehen heute auf Drohnenangriffe zurück; FPV-Systemen werden in Gefechten geringer Intensität über 75 Prozent der russischen Verwundungen zugerechnet.

Das erzeugt eine Gegenreaktion. Russland baut seine elektronische Kampfführung aus, stört Funksignale, entwickelt eigene Drohnenabwehr. Die glasfasergeführten FPV-Drohnen sind eine Antwort darauf — sie können nicht gestört werden, weil sie keine Funksignale senden. Aber auch diese Lösung ist nicht dauerhaft: Der Krieg verläuft als technologisches Wechselspiel aus Angriffsidee und Gegenmaßnahme, oft im Wochenrhythmus.

Ob die ukrainische Produktionslogik trägt, wenn Russland aufholt, ist die offene Frage. Die Ukraine produziert mehr als Russland — nach eigenen Angaben. Russlands tatsächliche Kapazitäten sind schwer zu verifizieren; Moskau fertigt Shahed-Drohnen in wachsender Stückzahl, teils in neu errichteten Werken.

Was sich ohne Vorbehalt sagen lässt: Die Ukraine hat in drei Jahren unter Kriegsbedingungen eine Drohnenindustrie aufgebaut, die als Modell westlicher Verteidigungsplanung gilt. Das Bundesverteidigungsministerium nennt die Kooperation ausdrücklich einen Wissenstransfer. Die nächste Frage ist, ob Europa schnell genug lernt.