Saluschnyj ging im Februar 2024. Er war populär, Selenskyj nannte ihn dennoch ein Sicherheitsrisiko für die westlichen Partner, weil er die Lage zu düster einschätzte. Syrskyj kam, verteidigte Charkiw, führte die Kursk-Operation — und ging jetzt, nach Protesten, die seine Ablösung verlangten. Mychajlo Drapatyj, der das Heer bis Sommer 2025 führte und nach einem nicht öffentlich geklärten Zwischenfall zurücktrat, übernimmt nun das Gesamtkommando. Das ist der Stand.

Das stärkste Argument für Selenskyjs Schritt verdient seinen Platz: Ein Abnutzungskrieg im dritten Jahr bei veränderter Frontlage und veränderter Technologie verlangt tatsächlich andere Kommandeure als der erste Schock der russischen Invasion. Syrskyj wurde von Kritikern, auch innerhalb des Militärs, als Vertreter einer zentralisierten, sowjetisch geprägten Kommandokultur beschrieben, der Drohnentaktik und dezentrale Führung eher tolerierte als trieb. Fedorow, der entlassene Verteidigungsminister, galt als das Gegenteil — er forcierte autonome Drohnensysteme, modernere Beschaffungsstrukturen, den Abschied von der Massenmobilisierung. Wenn eine Armee mitten im Krieg einen strategischen Umbruch braucht, dann muss er auch personell sichtbar sein. Das ist kein schlechtes Argument.

Es ist nur kein ausreichendes.

Gut darin, den Bruch sichtbar zu machen; schwächer darin, den Bruch zu begründen. Was die Briefings der letzten Tage zeigen: Die Entlassung Syrskyjs folgte auf Proteste, auf einen öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Fedorow und Syrskyj, auf Druck von der Straße. Konkrete interne Berichte mit dokumentierten Fehlleistungen — eine falsche Angriffsorder, ein belegbares taktisches Debakel, ein nachvollziehbarer Kausalzusammenhang zwischen Führungsentscheidung und Verlust — liegen nicht vor. Nicht öffentlich, nicht aus den zugänglichen Quellen. Was bleibt, ist ein Vorwurf, der sich auf Stil stützt: zu altmodisch, zu sowjetisch, zu wenig auf die Soldaten hörend. Das mag stimmen. Es trägt aber ein Urteil, das politisch vorgefasst wirkt — und nicht militärisch abgeleitet.

Das ist das eigentliche Muster. Saluschnyj verlor sein Amt, weil er Selenskyj zu pessimistisch war — nicht weil er einen konkreten Fehler gemacht hatte, den man benennen konnte. Syrskyj verliert es, weil er Fedorow blockiert haben soll und weil Menschen auf die Straße gingen. Beide Abgänge folgen einer politischen Logik: Der Präsident zeigt Handlungsfähigkeit, indem er einen Kopf rollt. Das funktioniert als Signal. Als Strategie funktioniert es nur dann, wenn das, was danach kommt, strukturell anders ist.

Drapatyj ist kein Unbekannter. Er führte das Heer, er kennt die Front. Aber er ist auch jemand, der bereits einmal zurückgetreten ist — unter Umständen, die nie öffentlich aufgeklärt wurden. Und die Frage, die sein Vorgänger unbeantwortet hinterlässt, stellt sich jetzt neu: Wie wird das Verhältnis zwischen Generalstab und ziviler Führung strukturiert? Wer entscheidet über die Balance zwischen klassischer Verteidigung und Drohnenkrieg? Wessen Reform-Konzept gilt jetzt eigentlich — das des abgesetzten Fedorow, das eines zurückgekehrten, das eines ganz neuen?

Die Antwort fehlt. Nicht weil sie geheim wäre, sondern weil sie noch nicht getroffen wurde.

Selenskyj hat alles gesagt, was er sagen konnte. Er hat Syrskyj für Charkiw und Kursk gedankt. Er hat Drapatyj ernannt. Die Struktur darunter hat er nicht verändert.

Das Risiko ist nicht, dass Drapatyj scheitert. Das Risiko ist, dass er dieselben institutionellen Friktionen erbt, die Syrskyj zum Hindernis gemacht haben — und dass Selenskyj in achtzehn Monaten wieder auf der Suche nach einem Kopf ist, der die Verantwortung trägt.

Ein Kommandeurswechsel ohne Prozessreform ist kein Neustart. Es ist die Hoffnung, dass diesmal die Person die Struktur ersetzt.