Roland Busch und Christian Sewing sagen, die Geduld schwinde.
Ein Jahr nach dem Start ist die Frage nicht, ob der Wille vorhanden ist. Der Wille steht auf jeder Folie. Die Frage ist, was von den über 800 Milliarden Euro übrig bleibt, wenn man die bereits geplanten Ausgaben abzieht, die F&E-Budgets herausrechnet, die internationalen Zusagen kürzt und die zurückgezogenen Versprechen streicht. Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat die Jahresabschlüsse 2025 der beteiligten Unternehmen durchgesehen und kein klares Ergebnis gefunden: Die Investitionen der Initiative-Mitglieder in Deutschland stiegen 2025 um 5,7 Prozent auf 52 Milliarden Euro — aber ob das an der Initiative lag oder ohnehin geschehen wäre, lässt sich nicht sagen. Das ZEW sagt es so: kein klarer zusätzlicher Investitionseffekt.
Das ist das stärkste Argument für die Initiative, und es verdient ernst genommen zu werden: 139 Unternehmen, die gemeinsam auftreten und sich öffentlich zu einem Standort bekennen, senden ein Signal. Kapital ist scheu; Signale zählen. Wenn Siemens 300 Millionen Euro für 700 neue Stellen ankündigt, ist das kein Papier, das ist Beton und Personal. Und der gesellschaftliche Druck, den ein solches Bündnis auf die Politik ausübt, ist realer als jeder Lobbybrief. In dieser Lesart ist „Made for Germany" nicht PR, sondern Koordination: Unternehmen, die einzeln zu klein wären, um Reformdruck zu erzeugen, bündeln ihre Glaubwürdigkeit.
Nur: Das Instrument der Initiative ist die Zusage, und Zusagen sind das schwächste Instrument der Wirtschaftspolitik. Busch fordert ein Regulierungs-Moratorium auf europäischer Ebene, schnellere Genehmigungsverfahren, Arbeitszeitflexibilität nach Woche statt nach Tag. Das sind legitime Forderungen — das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) nennt hohe Energie- und Arbeitskosten sowie ausufernde Bürokratie als Haupthemmnisse. Busch begründet Milliarden-KI-Investitionen in den USA und China ausdrücklich mit der Innovationsgeschwindigkeit dort. Das ist kein Klagelied, das ist eine Standortrechnung.
Die Bundesregierung hat kein Energiepreisgesetz verabschiedet, kein Genehmigungsbeschleunigungsgesetz, das diesen Namen verdient. Was sie hat, ist eine Galaveranstaltung mit Zusagen in vierstelliger Milliardenhöhe — und einen Bericht, der erst im September 2026 erscheint und erstmals aufschlüsseln soll, was vertraglich gebunden ist und was nicht. Wer eine Bilanz zieht, bevor er weiß, wie viel er tatsächlich hat, zieht keine Bilanz.
Die KfW hat im ersten Quartal 2026 Neuzusagen von 24,1 Milliarden Euro gemacht, 36 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Deutschlandfonds soll aus 30 Milliarden Euro öffentlicher Mittel 130 Milliarden auslösen. Das sind echte Zahlen aus echten Programmen. Sie stehen aber neben der Initiative, nicht hinter ihr — eine direkte Zuordnung einzelner Förderzusagen zu spezifischen „Made for Germany"-Projekten ist nicht belegt.
Gut darin, Vertrauen zu signalisieren. Deutlich schwächer darin, die Bedingungen herzustellen, die aus Signal Investition machen.
Das ist keine Kritik an Busch oder Sewing. Beide tun, was Konzernchefs tun können: Druck erzeugen, Sichtbarkeit herstellen, eigene Mittel einsetzen. Die Frage richtet sich an die Regierung, die den Gipfel besucht, die Pressemitteilungen verbreitet und danach die Energiepolitik in der Koalitionsarithmetik stecken lässt. Busch investiert 300 Millionen Euro in Deutschland — und begründet zeitgleich, warum die großen KI-Investitionen nach Amerika gehen. Beides ist wahr. Der Abstand dazwischen ist das Urteil.
„Made for Germany" hat ein Kommunikationsproblem und ein Substanzproblem, und das zweite ist das ernstere. Absichtserklärungen verpuffen, wenn der Gesetzgeber nicht liefert. Die Initiative selbst weiß das — Busch und Sewing drängen öffentlich auf Umsetzung, weil sie intern sehen, was die Zwischenbilanz zeigt. Das ist keine Erfolgsmeldung. Das ist ein Stresstest, den die Regierung bisher nicht bestanden hat.
Die Aufschlüsselung kommt im September 2026. Dann wird man sehen, wie viel von über 800 Milliarden neu, gebunden und zusätzlich ist. Bis dahin ist „Made for Germany" ein gut gemeintes Versprechen — von Unternehmen, die auf einen Staat warten, der zurückliefert.
