Doch der Abbau ist kein Betriebsunfall, er ist das sichtbarste Symptom eines Marktes, der seit Jahren unter denselben Bedingungen leidet.
Im Januar 2026 beschäftigte O2 Telefónica Deutschland rund 6.820 Vollzeitkräfte. Bis Ende des Jahres sollen davon mehr als 1.000 Stellen wegfallen, möglicherweise bis zu 1.400. Parallel schließt das Unternehmen rund 60 der eigenen Shops – von bundesweit rund 800. Die Restrukturierung läuft unter dem internen Namen „Future Operating Model" und kostet in der ersten Phase rund 265 Millionen Euro; für eine zweite Runde bis 2028 sind weitere Rückstellungen von bis zu 155 Millionen Euro eingeplant. Das Ziel: ab 2028 jährlich rund 185 Millionen Euro einsparen.
Versprochen waren Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiges Wachstum. Erreicht wurde 2025 ein Umsatzrückgang auf 8,2 Milliarden Euro und ein Betriebsergebniseinbruch von fast neun Prozent.
Der unmittelbare Auslöser ist gut dokumentiert. 1&1, einst Großkunde mit rund 12 Millionen Mobilfunkkunden im O2-Netz, wechselte 2024 zu Vodafone. Das Großhandelsgeschäft war für Telefónica überdurchschnittlich profitabel – sein Wegfall trifft also nicht nur den Umsatz, sondern die Marge doppelt. Allein im dritten Quartal 2025 brach der Umsatz um 6,6 Prozent ein, das bereinigte Betriebsergebnis um 9,5 Prozent.
Was die Meldung zum Branchen-Befund macht: O2 ist kein Einzelfall.
Die Deutsche Telekom strich im Rahmen ihres Sparprogramms „Booster" mindestens 1.650 Stellen in den Jahren 2024 und 2025, davon allein rund 1.300 in der Deutsche Telekom IT GmbH – die Belegschaft dort soll von 5.400 auf 3.600 sinken. Vodafone begann bereits 2022, seine Filialpräsenz zu reduzieren, und schloss bis 2024 rund sieben Prozent seiner Shops. Drei Unternehmen, dasselbe Muster, derselbe Zeitraum.
Der gemeinsame Nenner ist eine Schere, die sich seit Jahren öffnet. Der Betrieb von Mobilfunk- und Glasfasernetzen wird nicht billiger: Ausbau, Wartung, Frequenzkosten steigen. Die Durchschnittserlöse pro Kunde aber stagnieren oder sinken – der Markt ist gesättigt, der Preiswettbewerb hart, und das Wachstumspotenzial durch neue Anschlüsse ist in einem Land mit 84 Millionen Einwohnern und bereits flächendeckender Mobilfunkversorgung begrenzt. Der VATM notierte in seiner Marktanalyse 2026, dass die Marktdominanz der Deutschen Telekom von Jahr zu Jahr zunimmt – ein Konsolidierungsdruck, der kleinere Anbieter verdrängt und die verbleibenden Großen zwingt, ihre Kostenbasis zu schärfen.
Auf der Investitionsseite entsteht daraus ein Paradox. Die Branche gibt mehr denn je aus: 2024 investierten Unternehmen im deutschen Festnetz- und Mobilfunkbereich laut Bundesnetzagentur über 15 Milliarden Euro. O2 selbst hielt in den ersten beiden Quartalen 2025 ein Capex-Tempo von rund 200 Millionen Euro pro Quartal. Vodafone steckt gemeinsam mit dem Joint Venture OXG bis 2030 sieben Milliarden Euro in den Glasfaserausbau, die Telekom mehr als fünf Milliarden pro Jahr. Mitte 2025 waren rund 5,8 Millionen Haushalte und Unternehmensstandorte an das aktive Glasfasernetz angeschlossen, weitere 3,7 Millionen technisch bereitgestellt; 94,6 Prozent der Bundesfläche verfügten zu diesem Zeitpunkt über mindestens einen 5G-Anbieter.
Die Investitionen laufen also – aber sie laufen parallel zum Personalabbau, nicht statt seiner. Das ist die strukturelle Wette der Branche: dass sich Netzausbau und Betrieb zunehmend automatisieren lassen, dass KI-gestützte Prozesse den menschlichen Aufwand im Kundenservice und in zentralen Abläufen ersetzen. O2 nennt genau das als strategische Begründung für das „Future Operating Model". ver.di bestreitet nicht den technologischen Wandel, sondern das Fehlen eines transparenten Zukunftsbilds: Was genau die Arbeit künftig kostet, wer sie macht und in welcher Qualität, ist nach Gewerkschaftsangaben ungeklärt.
Das ist keine reine Interessenposition. Die Frage ist analytisch relevant, weil Netzausbau keine reine Kapitalfrage ist. Glasfaser- und Mobilfunkinfrastruktur braucht Fachkräfte – für Planung, Verlegung, Entstörung. Wer jetzt im Kundendienst und in Zentralbereichen abbaut, setzt darauf, dass der Bedarf dort sinkt, schneller als anderswo steigt und sich intern verschieben lässt. Ob das aufgeht, ist empirisch offen.
Einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor liefert die Regulierung. Die Bundesnetzagentur begleitet den Übergang vom Kupfer- zum Glasfasernetz aktiv und hat ein Regulierungskonzept zur sogenannten Kupfer-Glas-Migration vorgelegt; Ziel ist es, den Wettbewerb auf der neuen Infrastruktur zu sichern. Der VATM beobachtet diesen Prozess kritisch: Wer Zugang zur neuen Glasfaser-Infrastruktur bekommt, zu welchen Konditionen und mit welcher Verbindlichkeit, wird darüber entscheiden, ob die Konsolidierung auf drei große Netzbetreiber zuläuft oder ob ein Restwettbewerb erhalten bleibt.
Woran lässt sich 2028 ablesen, ob die Wette aufgegangen ist? Drei Indikatoren: Erstens die Capex-Quoten – sinken sie nach dem Restrukturierungsabschluss, wurde Investitionsfähigkeit gegen kurzfristige Margensicherung getauscht. Zweitens die Netzqualitätsmessungen der Bundesnetzagentur – verschlechtern sich Entstörzeiten oder Abdeckungslücken in ländlichen Regionen, hat der Stellenabbau operative Substanz getroffen. Drittens die Marktanteilsentwicklung – gewinnt die Telekom weiter Boden, bestätigt das den VATM-Befund einer sich beschleunigenden Konzentration. Treffen alle drei ein, war die Restrukturierung kein Umbau, sondern ein Aufschub.
