Die BloombergNEF-Prognose vom Juli 2026 ist präzise: 194 Gigawatt Leistungsbedarf für US-Rechenzentren bis 2035 – das Äquivalent von rund 160 Millionen durchschnittlichen Haushalten, ununterbrochen versorgt. Heute liegt der Anteil bei 5,9 % des US-Stroms. Ein einzelnes modernes Rechenzentrum verbraucht so viel wie 80.000 Haushalte. Die Branche plant Dutzende davon gleichzeitig.
Der Befund ist nicht neu. Er wird nur systematisch aus dem KI-Narrativ herausgehalten.
Was die Tech-Konzerne sagen – und warum es stimmt
Das stärkste Argument der Industrie lautet: KI erhöht kurzfristig den Energieverbrauch, setzt aber langfristig Effizienzgewinne in der gesamten Volkswirtschaft frei. Logistik optimiert, Energienetze stabilisiert, Produktion gesteuert – KI-Systeme können, in dieser Lesart, mehr Strom einsparen, als sie verbrauchen. Das Lawrence Berkeley National Laboratory hat historisch dokumentiert, dass der Stromverbrauch von Rechenzentren trotz massiv gestiegener Rechenleistung zwischen 2010 und 2020 kaum wuchs – weil Effizienzgewinne den Zuwachs absorbierten.
Das Argument verdient Respekt. Es erklärt nur nicht, wer in der Zwischenzeit die Netzstabilität sichert.
Wo das Argument aufhört
Das PJM Interconnection versorgt rund 65 Millionen Menschen in 13 Bundesstaaten mit Strom. Bis 2035 könnten Rechenzentren dort 34 % des regionalen Stroms beanspruchen. In Virginia lag der Rechenzentrums-Anteil bereits 2025 bei einem Viertel des gesamten Landesstroms. Die Netze wurden nicht für diese Lastspitzen dimensioniert – Transformatoren haben Lieferzeiten von 18 bis 24 Monaten, Genehmigungsverfahren für neue Leitungen dauern länger.
Das Netz kann nicht warten, bis die KI effizienter geworden ist.
apple-Produzent Foxconn, ein Stahlhersteller aus Ohio, meldete im Juli 2026 eine Verdopplung seiner Stromrechnung gegenüber 2024 um 70 %. Das ist kein Einzelfall: Der Industriesektor verlor seit 1991 acht Prozentpunkte seines Anteils am US-Endstromverbrauch – von 34 auf 26 %. Der gewerbliche Sektor, zu dem Rechenzentren zählen, gewann von 31 auf 37 %. Diese Verschiebung läuft schon lange; der KI-Boom beschleunigt sie.
Greenpeace hat 2025 dokumentiert, dass US-Rechenzentren im Schnitt ein Drittel klimaschädlicher betrieben werden als europäische – das relativiert die oft zitierten Ökostromversprechen der Hyperscaler erheblich. Ökostromzertifikate kaufen und physisch erneuerbaren Strom ins Netz einspeisen sind zwei verschiedene Dinge.
Die Versorgungslücke ist bereits kalkuliert
BloombergNEF erwartet, dass selbst bei hohem Anschlusstempo bis 2035 eine Versorgungslücke von 19 Gigawatt verbleibt. Die IEA prognostiziert, dass Rechenzentren bis 2030 weltweit 945 Terrawattstunden verbrauchen – mehr als ganz Japan. In den USA würden Rechenzentren bis 2030 mehr Strom verbrauchen als die Erzeugung sämtlicher energieintensiver Güter zusammengenommen.
Bürgerinitiativen haben 2025 etwa vier Dutzend Rechenzentrumsprojekte mit einem Investitionsvolumen von über 150 Milliarden Dollar blockiert oder verzögert. Das ist kein Nimbysimus. Das ist eine Infrastrukturabwägung, die die Bevölkerung trifft, bevor die Regulierungsbehörden sie stellen.
Wer zahlt
Die Kosten der Netzstabilisierung landen in der Grundlast. Netzausbauten werden über Netzentgelte finanziert – das zahlen Haushalte und Industriebetriebe, nicht vorrangig die Hyperscaler, die den Bedarf erzeugen. Microsoft und Google bauen inzwischen eigene Stromnetze, um Engpässe zu umgehen. Das löst ihr Problem. Das Netzproblem der übrigen Verbraucher löst es nicht.
Wer KI-Skalierung feiert, ohne die Energieerzeugung zu sichern, verbucht den Effizienzgewinn bei sich und die Infrastrukturkosten bei anderen. Das ist eine Umverteilung, keine Innovation.
Die Antwort liegt bei Regulierungsbehörden und Netzplanung – nicht bei den Pressemitteilungen der Hyperscaler.
