Prag, Brüssel, Montpellier: Wer in der Europäischen Union Christopher Nolans „The Odyssey" in dem Format sehen will, in dem er gedreht wurde, muss an einen dieser drei Orte reisen. Cinema City Flora in Prag, Kinepolis Brüssel und ein Standort in Montpellier gelten derzeit als die einzigen EU-Kinos mit der Ausstattung für analoge 70mm-IMAX-Projektion. Für Großbritannien kommen das BFI IMAX Waterloo und das Science Museum in London dazu — außerhalb der Union, aber geografisch in Reichweite.
Das ist keine Randnotiz für Technik-Enthusiasten. Es ist die materielle Grundlage eines Nachfragedrucks, der Kinotickets zu Spekulationsobjekten gemacht hat.
Was das Format leistet — und was es kostet
Das 70mm-IMAX-Format verwendet 15-Perforationen-Film, der horizontal durch den Projektor läuft. Das Ergebnis ist ein Seitenverhältnis von bis zu 1,43:1 — signifikant breiter als Kinostandard — und eine Auflösung, die digitale Systeme bis heute nicht vollständig replizieren. Nolan hat dieses Format bereits für Teile von „Oppenheimer" und „Dunkirk" eingesetzt; „The Odyssey" ist laut IMAX Corporation der erste Spielfilm, der vollständig darauf gedreht wurde.
Die Seltenheit hat einen handfesten Grund: Die Projektionssysteme sind teuer, wartungsintensiv und erfordern spezialisiertes Personal. Kinos, die heute auf digitale Laser-IMAX-Systeme umgestellt haben, genießen zwar eine hohe Bildqualität, können den 70mm-Film jedoch physisch nicht abspielen — die Mechanik fehlt. Kinepolis Brüssel hat seine Anlage im Mai 2026 in Betrieb genommen; Kinepolis wurde damit nach Prag und London einer der wenigen kontinentaleuropäischen Standorte für das Format.
Was diese Infrastruktur-Seltenheit auslöst, ist messbar: Als der Vorverkauf für „The Odyssey" startete, brachen die Server des US-Kinobetreibers AMC zusammen. Auf eBay erschienen Tickets für 70mm-IMAX-Vorstellungen zu Preisen von bis zu 1.000 US-Dollar — der reguläre Kinopreis liegt je nach Markt zwischen 20 und 40 Dollar. Fans berichteten davon, mehrstündige Reisen auf sich zu nehmen, um einen der verfügbaren Plätze zu erreichen; The Guardian dokumentierte diese Pilgerbewegung als Kulturphänomen.
Der Mechanismus hinter der Knappheit
Die Verknappung entsteht zunächst durch technische Realität: Es gibt schlicht wenige dieser Kinos. Was sich analytisch von dieser Ausgangsbedingung trennen lässt, ist die Frage, ob das System — Studio, IMAX Corporation, Verleiher Universal Pictures — ein Interesse daran hätte, diese Knappheit zu beheben.
Die Antwort ist strukturell nein. Die Seltenheit der Standorte ist kein Fehler im Marktgefüge, sondern seine Funktion. Ein knappes Erlebnis, das nur an wenigen Orten zugänglich ist, erzeugt Nachrichtenwert — jeder Bericht über überfüllte Server, über Pilgerzüge nach Prag oder über Tausend-Dollar-Tickets auf eBay ist unbezahlte Werbung für einen Film mit 250-Millionen-Dollar-Budget. Der Sekundärmarkt kostet Universal nichts; die Medienberichterstattung darüber verlängert den Hype-Zyklus über den Starttermin hinaus.
Das ist kein Verschwörungsmodell. Es ist eine Beschreibung dessen, wie Knappheitsmarketing wirkt, und die Forschung dazu ist gesichert: Begrenzte Verfügbarkeit erhöht wahrgenommenen Wert, beschleunigt Kaufentscheidungen und erzeugt soziale Dringlichkeit. Das Besondere ist hier, dass das knappe Gut ein Kulturprodukt ist — und dass seine Knappheit mit einem künstlerischen Anspruch gerechtfertigt wird.
Das Nostalgie-Argument und seine ökonomische Doppelnatur
Nolan ist ein überzeugter Vertreter des analogen IMAX-Films. Das ist keine PR-Konstruktion; seine filmografische Linie ist konsistent. Er dreht, wie er dreht, weil er überzeugt ist, dass das Ergebnis besser ist.
Das ändert nichts an der ökonomischen Wirkung dieser Überzeugung. Der Appell an die Authentizität des analogen Films — „so, wie der Regisseur es meinte" — übernimmt in dieser Konstellation eine Legitimationsfunktion für ein Zweiklassen-Kino. Wer Zugang zur „echten" Version hat, sitzt in Prag oder Brüssel und hat, wenn kein reguläres Ticket mehr zu bekommen war, womöglich mehrere Hundert Dollar gezahlt. Wer ein digitales IMAX sieht — noch immer ein hervorragendes Erlebnis — bekommt von Enthusiasten den Hinweis, dass er nicht „das Original" gesehen hat.
Dieses Framing hat einen klaren Gewinner: die wenigen Standorte, die als kanonisch gelten dürfen, und den Mythos des Formats, der den nächsten Nolan-Film schon jetzt auflädt.
Der Gegeneinwand verdient ernsthafte Aufnahme: Analoge 70mm-IMAX-Projektion ist tatsächlich verschieden von digitaler Projektion — nicht im Sinne eines Marketingversprechens, sondern physisch unterschiedlich. Nolan trifft eine Handwerks-Entscheidung, keine Marktentscheidung. Und ein Großteil der Öffentlichkeit wird „The Odyssey" auch in digitaler Fassung sehen, ohne strukturell benachteiligt zu sein. Rotten Tomatoes verzeichnet 96 Prozent positive Kritiken für einen Film, den Kritiker überwiegend auf normalen Digitalkopien sahen.
Was dennoch bleibt, ist die Asymmetrie im Zugang. Die Frage, ob das „vollständige" Kinoerlebnis eines 250-Millionen-Dollar-Films von öffentlichem Interesse geografisch und ökonomisch so eng gefasst sein sollte, stellt sich — unabhängig davon, was die Antwort ist.
Die Ausbreitung des Modells
„The Odyssey" ist kein Einzelfall, sondern eine besonders scharfe Version eines breiteren Trends. Kinos haben in den vergangenen Jahren systematisch Premiumformate ausgebaut — IMAX, Dolby Cinema, 4DX, ScreenX — und damit ein Preistableau geschaffen, das von unter zehn bis weit über dreißig Euro pro Ticket reicht. Die Differenzierung funktioniert: Zuschauer zahlen Aufpreise, wenn das Format als einzigartig wahrgenommen wird.
Das 70mm-IMAX-Modell treibt diese Logik auf ihre extreme Spitze. Es erzeugt nicht nur einen Aufpreis, sondern eine kategoriale Trennung zwischen denen, die das Format erreichen können, und denen, für die es schlicht nicht existiert — weil kein Kino in zumutbarer Entfernung verfügbar ist. In Deutschland gibt es kein einziges Kino mit 70mm-IMAX-Fähigkeit. Wer in Hamburg, München oder Berlin wohnt, hat zwei Optionen: eine mehrstündige Reise ins Ausland oder die digitale Version.
Ob das ein Problem ist, hängt davon ab, was man vom Kino erwartet — ein Marktprodukt mit variablen Qualitätsstufen oder ein Kulturgut mit universalem Zugriffsanspruch. Diese Frage beantwortet der Markt nicht; er stellt sie nur, in Form von Serverausfällen und Tausend-Dollar-Tickets auf eBay.
Ob die Analogfilm-Renaissance, die Nolan und andere befeuern, zu einer breiteren Investitionswelle in 70mm-Kapazitäten führt oder die Seltenheit als permanentes Marketinginstrument perpetuiert, zeigt sich an einer Kennzahl: der Zahl der neu installierten 70mm-IMAX-Systeme in den zwölf Monaten nach Kinostart. Wächst sie, ist das Modell Infrastruktur. Bleibt sie konstant, ist es Kalkül.
