Bis 2030 soll eine Packung Zigaretten in Deutschland fast 12 Euro kosten, etwa 4 Euro mehr als heute. Das Bundesfinanzministerium erwartet bis dahin 4,4 Milliarden Euro Mehreinnahmen. Diese Zahl steht für sich — und gegen sie steht eine andere: Im ersten Halbjahr 2026 flossen bereits 15 Prozent weniger Tabaksteuer in den Bundeshaushalt als im selben Zeitraum des Vorjahres. Der Rückgang trat ein, bevor die schärfere Erhöhung überhaupt beschlossen war.
Das ist kein Zufall. Es ist ein Mechanismus.
Was Tabaksteuern leisten — und was nicht
Tabaksteuern folgen einer eigentümlichen Logik: Sie sind so konstruiert, dass sie scheitern sollen. Wer raucht, wird besteuert; wer aufhört, schützt seine Gesundheit; wer ins Ausland ausweicht oder auf dem Schwarzmarkt kauft, entzieht sich dem Zugriff. Nur im mittleren Bereich — bei moderaten Anstiegen, die Raucher nicht schlagartig in andere Beschaffungskanäle treiben — funktionieren sie fiskalisch zuverlässig.
Die Tabaksteuer brachte Deutschland 2020 rund 14,7 Milliarden Euro, für 2024 wurden 15,6 Milliarden Euro erwartet. Das entspricht etwa 2 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des Bundes — eine beachtliche Summe, aber eben auch ein Signal, wie abhängig diese Einnahmen von einem schrumpfenden Konsumverhalten sind. Seit Jahren sinkt die Zahl der Raucher in Deutschland. Wer als Finanzplaner auf steigende Tabaksteuereinnahmen setzt, wettet damit gegen einen demographischen und gesellschaftlichen Trend.
Das Niederlande-Experiment und der deutsche Grenzwert
In den Niederlanden kauften nach den Tabaksteuererhöhungen 2024 rund 60 Prozent der Tabakwaren im Ausland — ein Anteil, der in kaum einem anderen EU-Land erreicht wird. Deutschland liegt derzeit bei 2,5 Prozent illegaler oder grenzüberschreitend bezogener Zigaretten, mit steigender Tendenz. Der Abstand zur niederländischen Situation erklärt sich vor allem geografisch und steuerlich: Die Niederlande haben kaum fiskalischen Puffer gegenüber Belgien und Deutschland, während Deutschland durch seine Lage und sein noch moderates Steuerniveau bislang einen relativen Vorteil hält.
Diesen Vorteil gibt die geplante Erhöhung schrittweise auf. Der Bundesverband der Tabakwirtschaft und Neuartiger Erzeugnisse (BVTE) und der Hersteller Reemtsma haben öffentlich vor genau diesem Effekt gewarnt. Dass Industrieverbände Steuererhöhungen ablehnen, ist keine Überraschung — die historischen Daten aber stützen die Warnung. Nach den deutschen Erhöhungen zwischen 2002 und 2005 kam es zu einem spürbaren Anstieg des Schmuggels; bereits damals sprachen Zollbehörden intern von einem „Beschaffungsmarkt" jenseits der Grenzen.
Europaweit: 22,4 Milliarden Euro Lücke
Europaweit wurden 2025 rund 55,3 Milliarden Zigaretten illegal konsumiert — das entspricht 11,1 Prozent des Gesamtmarkts. Die Steuerausfälle summierten sich dabei auf 22,4 Milliarden Euro, ein Betrag, der die angekündigten EU-weiten Mehreinnahmen durch die Richtlinienreform von 15 Milliarden Euro pro Jahr bereits im Ausgangszustand übersteigt. Der Anteil gefälschter Zigaretten wuchs 2025 um 13 Prozent.
Diese Zahlen stammen aus einer KPMG-Studie, die im Auftrag von Tabakherstellern erstellt wurde — eine Quelle mit erkennbarem Interesse. Unabhängige Korrekturstudien sind für Europa rar; die Grundrichtung der Befunde deckt sich jedoch mit den Erkenntnissen von OECD und EU-Kommission selbst, die in ihren eigenen Dokumenten auf die Ausweichrisiken hinweisen.
Die EU-Reformdebatte und ihr blinder Fleck
Die Europäische Kommission schlägt eine umfassende Reform der Tabaksteuerrichtlinie von 2011 vor: höhere Mindestsätze, neue Produktkategorien wie E-Zigaretten und Nikotinbeutel, eine stärkere Harmonisierung. Für Deutschland bedeutet das zusätzlichen Anpassungsdruck nach oben, weil die nationale Erhöhung mit der EU-Logik gleichläuft statt ihr vorzugreifen.
Die Kommission erwartet 15 Milliarden Euro Mehreinnahmen jährlich und 6 Milliarden Euro Einsparungen im Gesundheitssektor. Beide Zahlen sind Modellprognosen — sie setzen voraus, dass das Ausweichverhalten der Konsumenten gering bleibt und dass die Mitgliedstaaten einheitlich mitziehen. Beides ist historisch nicht belegt. Länder mit niedrigerer Tabaksteuer, wie mehrere osteuropäische Mitgliedstaaten, haben ein starkes Eigeninteresse daran, durch mäßige eigene Anhebungen als Einkaufsland attraktiv zu bleiben. Der Binnenmarkt mit freiem Personenverkehr macht das legale grenzüberschreitende Einkaufen strukturell unvermeidbar.
In Deutschland verdeutlicht die Besteuerung erhitzter Tabakprodukte die Komplexität der neuen Produktkategorien: 2023 erzielte dieser Bereich rund 500 Millionen Euro Einnahmen — und gleichzeitig wurden 32 Prozent des in Deutschland konsumierten Tabaks nicht hierzulande versteuert, ein Wert, der die offiziellen Marktanteile erheblich verschiebt.
Was treibt die Erhöhung wirklich an?
Gesundheitspolitische Ziele und fiskalische Motive laufen in der Tabaksteuerdebatte oft parallel, ohne dass klargestellt wird, welches Ziel wann dominiert. Die WHO und Suchtbeauftragte sehen höhere Preise als wirksamsten verfügbaren Hebel gegen den Einstieg ins Rauchen — das ist durch Forschung gestützt. Das Bundesgesundheitsministerium betont diesen Aspekt regelmäßig.
Frankreich liefert ein Anschauungsbeispiel für das Spannungsverhältnis: Die jährlichen Einnahmen aus der Tabaksteuer werden dort auf 13 Milliarden Euro geschätzt — die sozialen Kosten des Rauchens auf 156 Milliarden Euro. Die Steuer deckt damit weniger als ein Zwölftel der gesellschaftlichen Folgekosten. Als Frankreich 2020 die Tabaksteuer deutlich anhob und den Preis einer Packung auf durchschnittlich 10 Euro trieb, sank die Raucherquote — und der illegale Handel stieg. Beides gleichzeitig. Die Einnahmen stiegen kurzfristig, blieben aber hinter den Projektionen zurück.
Für Deutschland gilt dieselbe Grundstruktur. Die Koalition plant, bis 2027 rund 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen zu erzielen. Ob dieser Betrag tatsächlich beim Bund ankommt, hängt davon ab, in welchem Ausmaß Raucher bis dahin ihren Bezug verlagern.
Was als Nächstes erkennbar wird
Der Frühindikator ist bereits sichtbar: Ein Einnahmerückgang von 15 Prozent im ersten Halbjahr 2026, bevor die Erhöhung greift, deutet auf strukturelle Verschiebungen hin — möglicherweise in Richtung Substitute wie E-Zigaretten, möglicherweise in Richtung grenznaher Einkauf, möglicherweise als Reaktion auf frühere Anhebungsstufen. Ob die Mehreinnahmen-Prognose von 4,4 Milliarden Euro bis 2030 trägt, lässt sich an zwei Größen ablesen: der Entwicklung des Schwarzmarktanteils in Deutschland (derzeit 2,5 Prozent, Messung jährlich durch Zoll und KPMG) und der Kassenentwicklung der Tabaksteuereinnahmen nach dem ersten vollen Jahr der verschärften Erhöhung. Verbleibt der Schwarzmarktanteil unter 5 Prozent und stabilisieren sich die Einnahmen bis Ende 2027, war die Erhöhung fiskalisch tragfähig. Übersteigt er 5 Prozent, wiederholt sich das Muster der Jahre 2002 bis 2005.
