Frankreich hatte im Juli 2026 einen Notfallplan. Er sah Abkühlungszentren vor, koordinierte Evakuierungen, verteilte Zuständigkeiten. Als bei Bordeaux 20.000 Touristen ihre Unterkünfte räumen mussten, lief der Plan — soweit das geht, wenn der Wald brennt. Was der Plan nicht vorsah: dass es dieses Jahr nicht hätte passieren sollen.

Das ist das eigentliche Problem. Europa ist gut geworden darin, auf Hitze zu reagieren. Es bleibt erschreckend schwach darin, strukturell auf Hitze zu antworten.

Die World Weather Attribution, ein internationales Forschungsnetzwerk, hat für das Frühjahr 2026 berechnet, dass eine Bodenfeuchte-Dürre dieser Intensität heute fünfmal wahrscheinlicher ist als in einem vorindustriellen Klima. Die Hitzewelle im Juni, die Spanien mit über tausend Toten traf, hätte ohne menschengemachte Erwärmung in dieser Form schlicht nicht stattgefunden. Das sind keine Wahrscheinlichkeitsaussagen über ferne Zukünfte — das ist die Beschreibung des laufenden Sommers.

Spaniens staatlicher Wetterdienst Aemet gab Anfang Juli die zweite Hitzewelle des Sommers aus, mit Temperaturen bis zu 44 Grad Celsius in Andalusien. Für Teile des Südostens galt Warnstufe Rot. Wettermodelle prognostizierten für Anfang August lokal bis zu 49 Grad für Sevilla. Fast 120.000 Hektar Wald- und Buschland waren zu diesem Zeitpunkt bereits verbrannt — doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.

Man kann dagegen halten, dass Prävention leichter gefordert als getan ist. Dass Wahlzyklen und Katastrophengedächtnisse nicht zusammenpassen. Dass jeder Euro in Kühlzentren und Notfallpläne einem politisch sichtbaren Ergebnis dient, während Bodenfeuchte-Management und hitzeresistente Infrastruktur abstrakt bleiben, bis es zu spät ist. Das ist das stärkste Argument für die bestehende Logik — und es erklärt, warum sie sich hält.

Es erklärt sie, aber es rechtfertigt sie nicht.

Denn die Kosten der Reaktionspolitik sind längst quantifiziert, und sie steigen. Europäische Stromnetze geraten unter Hitzedruck in eine Doppelzange: Kühlwasser aus Flüssen wird zu warm, Kraftwerke müssen drosseln, gleichzeitig schießt die Klimaanlagen-Nachfrage nach oben. In Italien wurden die jährlichen Ausfallkosten durch hitzebedingte Stromunterbrechungen auf rund 154,7 Millionen Euro geschätzt, Spanien gilt als ähnlich exponiert. Für Deutschland projiziert eine Analyse hitzebedingte Wirtschaftsschäden von bis zu 112,5 Milliarden Euro bis 2030 — ein Betrag, der Prävention in anderen Dimensionen finanzierbar macht.

Die Straßen der Autobahn GmbH zeigen dasselbe Muster im Kleinen: Hitzeschäden, Blow-ups bei Betonfahrbahnen, Flickarbeit Sommer für Sommer. Auch das ist kein Naturereignis. Es ist die Abschreibung auf Infrastruktur, die für andere klimatische Grundbedingungen gebaut wurde.

Spanien hat gesetzlich festgelegt, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken. Das Ziel steht. Die Bodenfeuchte in Südspanien sinkt trotzdem weiter; die Stauseen stehen auf Rekordtiefs; die Waldbrandsaison beginnt früher und endet später. Zwischen dem, was auf dem Papier steht, und dem, was auf dem Boden passiert, liegt eine Lücke, die kein Notfallplan schließt.

Die EU-Kommission verfügt über Katastrophenschutzmechanismen, über Fonds, über Koordinierungsstrukturen. Was sie nicht verfügt: einen systematischen Umbau der Prioritäten weg von der Bewältigung und hin zur Anpassung. Hitzeaktionspläne existieren in vielen Mitgliedstaaten; sie regeln, wen man anruft, wenn es 42 Grad sind. Sie regeln nicht, wie man Städte baut, damit es für Ältere und Arme nicht sofort lebensbedrohlich wird. Sie regeln nicht, welche Flächen nicht bebaut werden, damit Böden Wasser halten können. Sie regeln nicht, welche Kraftwerke bis 2030 für welche Kühllastszenarien ausgelegt sein müssen.

Das ist der Unterschied zwischen einem Krisenplan und einer Klimapolitik.

Météo-France nannte den Notfallplan vom Juli 2026 beispiellos. Das stimmt — für Frankreich. Für den Sommer selbst stimmte es nicht: Es war die dritte Hitzewelle des Jahres. Der nächste Sommer wird nicht besser werden. Er wird, sofern die globale Erwärmung nicht stoppt, statistisch wahrscheinlich schlimmer. Die WWA-Daten beschreiben keinen Ausnahmefall, den man verwalten kann, sondern eine neue Grundlage, auf der verwaltet wird.

Frankreich hat alles getan, was sein Notfallplan vorsah. Die Frage ist, ob der Notfallplan das Richtige vorsieht.