Der Europäische Rat hat am 23. Juli 2026 sein 21. Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet. 218 neue Listungen, fast 3.000 Sanktionierte insgesamt, 33 Banken vom SWIFT-System getrennt, die Moskauer Börse auf der Liste. Kaja Kallas sprach von einem Paket, das Russlands Kriegswirtschaft Stein für Stein abtrage. Das ist die Erzählung, an der Brüssel festhält.
Das stärkste Argument für diese Politik ist kein rhetorischer Trick, sondern ein ernstes Datum: Die russische Wirtschaft schrumpfte 2022 um 2,1 %, der Staatsfonds hat seit Kriegsbeginn über zwei Drittel seiner liquiden Reserven verbraucht. Sanktionen wirken — langsam, kumulativ, aber messbar. Wer jetzt locklässt, kauft Russland Zeit. Das ist das Argument, und es verdient Respekt.
Nur ist es nicht das einzige Argument, das der Realität standhalten muss.
Die Ausnahme als Systemprinzip
Das 21. Paket enthält Gazprombank und Raiffeisen Bank International nicht. Österreich hatte Einwände. Griechenlands Schifffahrtsindustrie erhielt Spielraum. Die Fischereifraktion scheiterte im Verhandlungsmarathon, aber sie war präsent. Für jeden dieser Kompromisse gibt es eine Erklärung. Zusammengenommen ergeben sie keine Strategie, sondern eine Systematik: Die härteste Sanktion ist die, die niemanden der Eigenen wirklich trifft. Das ist keine Kritik an einzelnen Mitgliedstaaten. Es ist eine Beschreibung dessen, wie die EU Recht macht, wenn Recht unbequem wird.
Daselbe Prinzip, andere Weltregion.
Das amerikanische Goldstandard-Problem
Washington hat mit Riad einen 30-Jahres-Vertrag über zivile Nuklearkooperation unterzeichnet. Rüstungsdeals im Wert von bis zu 142 Milliarden US-Dollar wurden angekündigt. Außenminister Marco Rubio verteidigte die Abkommen mit dem Argument, amerikanische Beteiligung erhöhe die Kontrolle. Energieminister Chris Wright sprach von höchsten Sicherheitsstandards.
Was fehlt: der sogenannte Goldstandard der nuklearen Nichtverbreitung — der Verzicht des Empfängerlandes auf eigene Urananreicherung und Wiederaufarbeitung von Atommüll. Die VAE haben diesen Standard 2009 akzeptiert. Saudi-Arabien nicht. Kronprinz Mohammed bin Salman hat öffentlich angekündigt, dass sein Land Atomwaffen entwickeln würde, sollte der Iran dies tun. Saudi-Arabien ist Vertragspartei des Nichtverbreitungsvertrags — aber der NVV enthält das Recht auf zivile Nutzung, und die Grenze zwischen zivil und militärisch ist genau das, was der Goldstandard zieht.
Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) nannte den Deal eine Untergrabung des Nichtverbreitungsregimes. Einige US-Gesetzgeber erwarten ihn mit Widerstand. Die Trump-Regierung sieht ihn als strategische Partnerschaft.
Glaubwürdigkeit als knappe Ressource
Das ist der Punkt, an dem beide Vorgänge konvergieren: Brüssel und Washington betreiben Sanktions- und Proliferationspolitik nicht als Regelanwendung, sondern als Machtinstrument. Das ist keine weltfremde Einsicht — Mächte haben immer so gehandelt. Das Problem ist die Sprache, in der sie es tun. Von der Leyen spricht von universellen Rechtsnormen. Rubio spricht von Ordnungsrahmen. Beide meinen: Ordnung für alle, Ausnahmen für die, die wir brauchen.
Die Drittstaaten, die das EU-Sanktionsregime unterlaufen — Kirgisistan verzeichnete seit Oktober 2022 einen Anstieg der EU-Exporte hochsensibler Güter um 1.682 %, Kasachstan um 333 % —, tun dies nicht, weil sie Russland sympathisch finden. Sie tun es, weil sie gesehen haben, wie die Regeln für Alliierte buchstabiert werden. Das Sanktionsregime hat ein Umgehungsproblem. Es hat auch ein Legitimationsproblem. Beides hängt zusammen.
Was eine ehrliche Bilanz bedeuten würde
Sie würde nicht fordern, Raiffeisen sofort zu listen oder den Saudi-Deal zu platzen. Sie würde fordern, den Preis der Ausnahme zu benennen. Wie viel kostet Russland die RBI-Lücke konkret — in Transaktionsvolumen, in Refinanzierungsspielraum? Welche Anreicherungskapazitäten darf Saudi-Arabien nach dem Vertrag aufbauen, und wer prüft das? Solange diese Fragen keine öffentlichen Antworten haben, bleibt die Berufung auf Regelbasiertheit eine Behauptung.
Brüssel hat 33 russische Banken aus dem SWIFT-System gesperrt. Washington hat Saudi-Arabien Nukleartechnologie ohne Goldstandard zugesagt. Beide nennen das internationale Ordnung. Der Unterschied zwischen Ordnung und Verwaltung von Ausnahmen ist nicht rhetorischer Natur. Er entscheidet darüber, ob Drittstaaten in der nächsten Runde mitspielen — oder einfach die Lücken suchen, die das System selbst eingebaut hat.
