Zwölf Soldaten starben im Sommer 2025 bei einem Raketeneinschlag auf eine ukrainische Ausbildungseinheit. Damals trat Mychajlo Drapatyj als Kommandeur der Bodentruppen zurück und übernahm die Verantwortung — ein Vorgang, der in sowjetisch geprägten Militärhierarchien so nicht vorgesehen war. Dieser Rücktritt ist keine Fußnote. Er ist der Schlüssel, warum Selenskyj ihn jetzt an die Spitze der gesamten Streitkräfte setzt.

Protest als Hebel

Die Ernennung Drapatyjs am 21. Juli 2026 war kein geplanter Führungswechsel. Sie war die Folge einer unerwarteten Druckdynamik: Selenskyj hatte kurz zuvor Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entlassen, den Architekten der ukrainischen Drohnenstrategie. Die öffentliche Reaktion war schärfer als kalkuliert — Proteste auf mehreren Plätzen, Forderungen nach Rücknahme. Selenskyj entließ daraufhin Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj, ernannte Drapatyj zu seinem Nachfolger und Ihor Skybiuk zum neuen Chef des Generalstabs. Fedorow soll eine neue Rolle im Bereich technologischer Entwicklung erhalten.

Syrskyj hatte das Amt seit Februar 2024 inne — er übernahm, als Walerij Saluschnyj unter ungeklärten Umständen abgelöst wurde. Seine Bilanz ist zweideutig: Die Verteidigung Kiews 2022 gilt als sein strategischer Höhepunkt, die Gegenoffensive 2023 als sein schwerstes Erbe. Kritiker warfen ihm einen Führungsstil vor, der Verluste als kalkulierten Einsatz behandelte, nicht als Variable, die man zu minimieren versucht.

Was Drapatyj anders macht — und was das bedeutet

Drapatyj, 1980 geboren, steht für eine Generation ukrainischer Offiziere, die ihre Lehre nicht in sowjetischen Stabsakademien, sondern in zwei russischen Angriffen gelernt hat: der Annexion der Krim 2014, bei der er in Mariupol kämpfte, und der Abwehr des russischen Vorstoßes auf Charkiw 2024. Diese Erfahrungen formen eine andere Grundfrage: Wie hält man eine überlegene Feuermacht auf, wenn man ihr an konventionellen Mitteln unterlegen ist?

Die Antwort, die Kiew in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat, ist Dezentralisierung und Masse aus der Fabrik statt aus der Kaserne. Die Ukraine produziert nach Angaben des Atlantic Council inzwischen jährlich Millionen Drohneneinheiten — FPV-Drohnen und modifizierte Handelsgeräte, gefertigt in einer Produktionsstruktur, die bewusst auf schnelle Modifizierbarkeit ausgelegt ist. Syrskyj akzeptierte diese Entwicklung; er prägte sie nicht. Drapatyj gilt als Vertreter des Lagers, das sie als doktrinäres Fundament versteht, nicht als Ergänzung.

Das Small Wars Journal beschreibt die operative Logik dahinter: Ukraine verteilt Feuerkraft auf die kleinstmögliche taktische Einheit, die unter permanenter UAV-Präsenz, elektronischer Störung und Kommunikationsunterbrechung handlungsfähig bleibt. Entscheidungen wandern nach unten, weil sie oben zu langsam sind. Das ist der organisatorische Kern dessen, was oft als „Drohnenkrieg" verkürzend bezeichnet wird — tatsächlich ist es eine Neuverteilung von Führungsautorität.

Die NATO lernt, aber langsam

Westliche Militäranalysten beobachten den ukrainischen Ansatz mit wachsender Intensität. NATO-Übungen haben in den vergangenen Monaten gezeigt, was die Ukraine schon weiß: dass konventionell ausgebildete Verbände unter dauerhafter Drohnenbeobachtung dramatisch langsamer und verletzlicher werden. Das Hudson Institute beschreibt diesen Übergang als „machine-speed adaptive hyperwar" — Kriegsführung, in der Reaktionszeit zur entscheidenden Variablen wird, nicht Feuerkraft.

Angekündigt waren westliche Anpassungen seit dem russischen Einmarsch 2022. 2025 besaßen die wenigsten NATO-Staaten eigene Drohnenproduktionskapazitäten in relevantem Maßstab. Die Lehre aus der Ukraine wird breit zitiert; die industriepolitische Konsequenz folgt zögerlicher.

Eine offene Flanke bleibt: Die kritischen Komponenten für Drohnen — Sensoren, Motoren, Steuerungschips — stammen mehrheitlich aus China. Das PONARS-Eurasia-Institut hat darauf hingewiesen, dass diese Abhängigkeit für die Ukraine tolerierbar ist, für westliche Partner unter Bündnisverpflichtungen jedoch ein Sicherheitsrisiko darstellt, das noch nicht strukturell adressiert ist.

Fedorows Erbe — und die institutionelle Frage

Versprochen hatte Kiew die Technologisierung der Streitkräfte seit 2022. Fedorow lieferte: die Drohnenproduktion stieg, Zielsysteme wurden digitalisiert, KI-gestützte Datensätze aus tatsächlichen Operationen fließen inzwischen in die Systemoptimierung. Was offen bleibt, ist die institutionelle Verankerung: Fedorow war ein Ministerium, nicht eine Doktrin. Drapatyj kann aus der Aufbauposition des Oberbefehlshabers etwas tun, was Fedorow nicht konnte — die operative Praxis mit der Führungsstruktur verbinden.

Selenskyj hat die neue Führung offiziell mit zwei Aufgaben betraut: Mobilisierung verbessern und Effizienz steigern. Beides ist unspezifisch genug, um fast alles zu umfassen. Konkret bedeutet es laut ukrainischem Verteidigungsministerium, dass Drapatyj sich auf Gefechtsfragen und die Front konzentrieren soll, während organisatorische Aufgaben neu verteilt werden — Skybiuk als Generalstabschef übernimmt dabei eine koordinierende Rolle, die bisher mit dem Oberbefehlshaber verzahnt war.

Was in drei Monaten entscheidbar ist

Die doktrinäre Richtung ist sichtbar; die institutionelle Verarbeitung noch nicht. Daran lässt sie sich erkennen: Wenn Drapatyj die dezentrale Führungslogik in neue Ausbildungsvorschriften und Gefechtsvorschriften überführt — nicht nur in Übungsszenarien —, hat der Führungswechsel strukturelle Tiefe. Bleibt es bei Signalen und Personaldekreten, ändert sich die Pose, nicht das Gefecht.

Der neue Generalstabschef Skybiuk ist dabei mindestens so entscheidend wie Drapatyj selbst. Militärische Doktrin entsteht im Stab, nicht im Hauptquartier. Wie Skybiuk die Führungsschicht unter sich besetzt, ist die Variable, die in den nächsten Wochen zu beobachten ist.