Gut dreißig Jahre nach der Einführung des ersten deutschen Indexfonds ist die Produktkategorie ETF kaum noch trennscharf. Rund 2.800 ETFs sind an deutschen Börsen handelbar — von breit gestreuten Weltindexfonds bis zu gehebelten Tages-Produkten auf einzelne Rohstoffe. Was Anleger als homogene Klasse wahrnehmen, ist in Wahrheit ein Spektrum von sehr unterschiedlicher Qualität.
Was einen schlechten ETF definiert
Eine offizielle Klassifizierung „Schrott-ETF" existiert nicht; BaFin und ESMA kennen den Begriff nicht. Der Ausdruck beschreibt in der Anlegerpraxis Produkte, bei denen Konstruktionsmerkmale — nicht das Kursrisiko des abgebildeten Marktes — Anleger strukturell benachteiligen.
Fünf Kriterien lassen sich aus der Fachliteratur und Regulierungspraxis destillieren:
Erstens das Fondsvolumen. Liegt es unter 100 Millionen Euro, steigt das Schließungsrisiko messbar: Fondsgesellschaften stellen unrentable Produkte ein oder fusionieren sie — was Anlegern erzwungene Umschichtungen und Steuerfolgen bringen kann. Unter 50 Millionen Euro gilt ein ETF in der Praxis als gefährdet.
Zweitens die Replikationsmethode. Synthetische ETFs bilden ihren Index nicht durch direkten Wertpapierkauf ab, sondern über Swap-Verträge mit einem Kreditinstitut. Das Kontrahentenrisiko ist nach UCITS-Recht auf 10 Prozent des Fondsvermögens begrenzt — bei Ausfall des Swap-Partners sind aber genau diese 10 Prozent ungesichert. Zusätzliche Wertpapierleihe, die viele physisch replizierende ETFs betreiben, schafft ein analoges Ausfallrisiko auf der anderen Seite der Struktur.
Drittens die Themenenge. Themen-ETFs — auf künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Cannabis oder Edelmetalle — bilden oft Indizes mit zwanzig bis dreißig Titeln ab. Klumpenrisiken entstehen, und die Indexkonstruktion liegt bei wenig bekannten Providern, deren Methodologie sich schwer prüfen lässt. Goldminen-ETFs etwa verbuchten 2025 eine Wertsteigerung von rund 150 Prozent — wer Ende 2025 einstieg, erlebte unmittelbar danach die Marktkorrektur.
Viertens Hebelprodukte und inverse Strukturen. Täglich neu berechnete Hebel-ETFs verlieren durch den sogenannten Pfadeffekt systematisch Wert in seitwärts tendierenden Märkten: Steigt ein Index an Tag 1 um 10 Prozent und fällt an Tag 2 um 10 Prozent, liegt er bei 99 Prozent seines Ausgangswerts — ein doppelt gehebeltes Produkt landet bei 96 Prozent. Über längere Zeiträume akkumuliert sich dieser Abrieb.
Fünftens Buffer-ETFs, die auch in Europa wachsen: Sie begrenzen Verluste durch Optionsstrukturen — erkaufen diese Begrenzung aber mit einem Cap auf Kursgewinne. Der tatsächliche Nutzen hängt stark vom Einstiegszeitpunkt innerhalb des Jahreszyklus ab, was für Kleinanleger kaum kalkulierbar ist.
Der blinde Fleck im Preisschild
Die Gesamtkostenquote (TER) ist das am häufigsten genannte Vergleichskriterium — und das unvollständigste. Sie erfasst laufende Verwaltungs- und Lizenzgebühren, nicht aber drei wesentliche Kostentreiber:
Spread-Kosten entstehen bei jedem Kauf und Verkauf als Differenz zwischen Brief- und Geldkurs. Morningstar-Analysen zeigen, dass der Spread bei illiquiden Themen-ETFs außerhalb europäischer Haupthandelszeiten auf ein Vielfaches des typischen Niveaus steigen kann — bei einem ETF mit einer TER von 0,20 Prozent können Spread-Kosten bei ungünstigem Handlungszeitpunkt höher ausfallen als die Jahresgebühr.
Swap-Gebühren bei synthetischen Produkten tauchen in keiner Standarddarstellung auf. Transaktionskosten durch Index-Umschichtungen — besonders relevant bei Faktor-ETFs mit hohem Rebalancing-Aufwand — ebenfalls nicht. Eine einheitliche gesetzliche Regelung für eine „Total Cost of Ownership" existiert in der EU nicht.
Faktor-ETFs, die systematisch Eigenschaften wie Value, Momentum oder Low Volatility übergewichten, versprechen Überrenditen gegenüber dem Marktindex. Die akademische Evidenz für anhaltende Faktorprämien ist gemischt: Faktoren können über lange Zeiträume — mitunter ein Jahrzehnt — negativ zur Marktrendite abweichen. Die Kostenquoten dieser Produkte liegen typischerweise fünf- bis zehnmal höher als bei einfachen Marktindex-ETFs.
Das ETC-Problem bei Edelmetallen
Ein struktureller Sonderfall: In Europa sind klassische Gold-ETFs, die direkt physisches Metall halten und als UCITS-Fonds firmieren, nicht zulässig. Was Anleger kaufen, sind Gold ETCs — Exchange Traded Commodities. Der Unterschied ist rechtlich erheblich: ETCs sind Schuldverschreibungen des Emittenten, kein Sondervermögen. Bei Insolvenz des Emittenten stehen ETC-Inhaber als Gläubiger, nicht wie Fondsanteilseigner.
Der Goldpreiseinbruch Ende Januar um rund 9 Prozent und der Silbereinbruch um bis zu 35 Prozent illustrieren die Mechanik: Margin Calls, Liquiditätsereignisse und überfüllte spekulative Positionen verstärkten die Bewegung. Ob dieser Abverkauf eine Flucht aus intransparenten Fondsstrukturen widerspiegelt oder primär durch geldpolitische Erwartungen und Spekulations-Deleveraging ausgelöst wurde, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht trennen — die Kausalrichtung bleibt offen. Sicher ist: Anleger, die Gold-ETCs als ruhigen sicheren Hafen wahrgenommen hatten, erlebten Volatilität wie bei Aktienprodukten.
Die Grauzone der Vermarktung
Online-Broker und Vergleichsportale stehen in der regulatorischen Pflicht zur Geeignetheitsprüfung und Risikoaufklärung — in der Praxis füllt sich diese Pflicht oft mit KIID-Dokumenten (Basisinformationsblättern), die Anleger selten lesen und noch seltener verstehen.
Das Bundeskartellamt hat Vergleichsportale auf provisionsbeeinflusste Sortierungen und mangelnde Transparenz über Geschäftsmodelle untersucht. Die BaFin warnte 2025 explizit vor irreführenden Anlageempfehlungen über Social-Media-Plattformen. Ob klassische Broker proaktiv auf Produktrisiken hinweisen, hängt derzeit von ihrem Eigeninteresse ab: Gehebelte und synthetische Produkte erzeugen Handelsvolumen und damit Provisionen.
Versprochen war mit dem Aufstieg passiver Investments: Transparenz, Kosten nahe null, Marktrendite. Gemessen an diesem Versprechen liefert ein erheblicher Teil des heutigen ETF-Universums etwas anderes — Verpackungen, deren Komplexität das eigentliche Risiko erzeugt.
Ob die EU-Kommission ihre angekündigte Überprüfung der PRIIP-Regulierung und der Transparenzpflichten für strukturierte Produkte in konkrete Verschärfungen ummünzt, ist zu beobachten. Daran lässt sich ablesen, ob der regulatorische Maßstab mit der Produktinnovation Schritt hält — oder weiter hinterherläuft.
