Roland Korn, der es mitverantwortet hat, starb am 20. Juli 2026 im Alter von 96 Jahren in Gera.

Am 11. Mai 1930 in Saalfeld geboren, gehörte Korn zu einer Architektengeneration, die in der Bundesrepublik vielleicht Büros gegründet hätte und in der DDR verstaatlicht wurde — nicht im Sinne von Enteignung, sondern von Einbau. Die Entwurfsprozesse liefen in Kollektiven innerhalb staatlicher Betriebe; Autorschaft war eine Frage der Funktion, nicht des Namens. Korn stieg trotzdem auf, oder gerade deshalb: Er verstand das System und arbeitete in ihm, bis er an dessen Spitze stand.

Der Chefarchitekt als Scharnier

Das Amt des Chefarchitekten von Ost-Berlin war kein kreatives Refugium. Es war eine Planstelle zwischen Partei, Stadtplanung und Baukollektiven, deren Aufgabe darin bestand, politische Ziele in Beton zu übersetzen. Die SED formulierte die Leitlinien — Hauptstadtrepräsentation, sozialistischer Städtebau, Schaufenster nach Westen —, der Chefarchitekt übersetzte sie in Raum. Korn übernahm das Amt 1973, in einer Phase, in der die DDR-Architektur zunehmend auf Plattenbau-Rationalisierung setzte und gleichzeitig am Alexanderplatz Ausnahmen pflegte, die zeigen sollten, was möglich war.

Die sogenannten Sonderbauten — Korn verwendete den Begriff selbst — folgten einer anderen Logik als die Wohnscheiben in Marzahn. Sie sollten nicht reproduzierbar sein, sondern unverwechselbar. Das Haus des Reisens (1969–1971), dessen Sockel mit Reliefs arbeitet, die an ein Wikingerschiff erinnern sollen, war kein Wohngebäude; es war ein Signal. Die Großgaststätte Ahornblatt (1970–1973) war kein Provisorium; sie war Programm. Dass das Ahornblatt nach 1990 abgerissen wurde, ist in der Debatte um DDR-Architektur zum Standardbeispiel für voreilige Abrissentscheidungen geworden — ein Fall, der sich nicht rückgängig machen lässt.

Staatsratsgebäude: Das Portal als Argument

Das früheste und politisch aufgeladenste Projekt, an dem Korn beteiligt war, ist das Staatsratsgebäude (1961–1964). Es entstand am Schlossplatz, wo bis 1950 die Ruine des Berliner Schlosses stand. In die Fassade integriert ist Portal IV des abgerissenen Schlosses — jenes Portal, von dem aus Karl Liebknecht im November 1918 die sozialistische Republik ausgerufen haben soll. Der Einbau war kein denkmalpflegerischer Reflex, sondern ein Argument: Der neue Staat erbte die Geschichte, die in sein Narrativ passte, und ließ den Rest fallen.

Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz, wurde zwischen 2004 und 2006 saniert und wird von einer privaten Hochschule genutzt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz führt es als eines der bedeutendsten Baudenkmäler der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das Portal IV ist geblieben. Das Schloss ist zurückgekehrt — als Humboldt Forum, wenige Meter entfernt. Franco Stella, der Rekonstruktionsarchitekt, soll sich mit Korn über die Bauten am Schlossplatz ausgetauscht haben. Was dabei gesagt wurde, ist nicht belegt.

Marzahn und der Maßstab des Massenauftrag

Parallel zu den Sonderbauten am Alexanderplatz lag Korns eigentlicher Massenauftrag woanders: die Wohnsiedlung Berlin-Marzahn. In den 1970er Jahren entstand dort, am nordöstlichen Rand der Stadt, ein Ensemble aus Plattenbau-Quartieren, das zum Symbol des industriellen Wohnungsbaus der DDR wurde. Korn war für den Aufbau mitverantwortlich; die Forschung der Universität Bamberg zu Architektur- und Planungskollektiven der DDR belegt, wie arbeitsteilig solche Prozesse verliefen — wer den Entwurf verantwortete und wer die Ausführung, lässt sich oft nicht trennscharf rekonstruieren.

Bemerkenswert: Korn informierte sich für Marzahn auch in West-Berlin. Die genauen Referenzen sind nicht überliefert, aber der Vorgang selbst widerspricht dem Bild eines Systems, das sich gegen westliche Vorbilder immunisiert hätte. Städtebau ist pragmatischer als Ideologie, auch unter sozialistischen Vorzeichen.

Die Ostmoderne und ihre ungleiche Gegenwart

Was nach 1990 aus Korns Bauten wurde, folgt keiner einheitlichen Logik. Das Staatsratsgebäude wurde saniert und umgenutzt. Das Interhotel Stadt Berlin überlebte als Park Inn, verändert, aber stehend. Das Nikolaiviertel, wo Korns Team historisierende Plattenelemente zur Nachgestaltung von Fassaden einsetzte, gilt heute als umstrittenes Beispiel von Kulissenrekonstruktion — es steht, aber die Debatte um seinen Wert ist nicht abgeschlossen. Das Ahornblatt ist weg.

Die Universität Bamberg forscht systematisch zu Architektur- und Planungskollektiven der DDR; das Netzwerk Ostmoderne setzt sich für den Erhalt von DDR-Architektur ein; die Bundeszentrale für politische Bildung hat den Kontext des DDR-Städtebaus dokumentiert. Die institutionelle Aufarbeitung läuft — aber sie läuft ohne die Zeitzeugen, die bald vollständig fehlen werden.

Korn äußerte sich zuletzt kritisch zur Entwicklung am Alexanderplatz. Investoren bauten ungeordnet, sagte er sinngemäß; der Platz verliere seinen Zusammenhang. Das ist ein Urteil über das Jetzt, nicht nur über das Damals — und es ist das Urteil eines Mannes, der den Alexanderplatz einmal als Gesamtprojekt verstanden hatte, auch wenn dieses Projekt staatlich verordnet war.

Woran sich zeigen wird, ob seine Einschätzung trug: In den nächsten Jahren entscheiden laufende Bebauungsplanverfahren am Alexanderplatz, ob die verbliebenen Korn-Bauten in ein neues Gesamtensemble integriert oder von ihm absorbiert werden. Das ist die operative Frage. Die grundsätzlichere — nach welchem Maßstab DDR-Architektur bewertet wird, wenn niemand mehr lebt, der sie entworfen hat — stellt sich von selbst.