Der Wettbewerb um den günstigsten Welt-ETF ist real. Die Frage, die er verdeckt, ist eine andere: Was passiert im Rest des Marktes?

Was „Welt-ETF" meint — und was nicht. Ein MSCI World ETF bildet rund 1.300 Aktien aus 23 Industrieländern ab. Der FTSE All-World kommt auf etwa 3.800 Titel aus Industrie- und Schwellenländern. Beide Indizes sind breit gestreut, liquide, reguliert — und inzwischen so günstig, dass die Verwaltungsgebühr für einen Langfristanleger kaum noch entscheidend ist: Wer 10.000 Euro über 20 Jahre anlegt, zahlt bei 0,05 Prozent TER rund 10 Euro pro Jahr, bei 0,14 Prozent rund 14 Euro. Der Unterschied liegt im Bereich des Irrelevanten.

Das ist das Paradox des Preiskampfes: Je günstiger Standard-ETFs werden, desto mehr verliert die Gebühr als Unterscheidungsmerkmal ihre Wirkung — und desto attraktiver wird es für Anbieter, daneben etwas zu verkaufen, das mehr kostet.

Das Segment daneben. Themen-ETFs bilden Megatrends ab — künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien, Robotik, Cybersicherheit. Sie sind in der Regel spezialisierter als Sektor-ETFs, aber schmaler als Weltindizes: Viele halten nur 20 bis 50 Unternehmen, was die Streuung gegenüber einem Welt-ETF dramatisch einschränkt. Ihre Verwaltungsgebühren liegen häufig deutlich über dem, was Standardprodukte kosten. Hinzu kommt ein strukturelles Risiko, das Kostentabellen nicht abbilden: Themen-ETFs werden oft auf dem Höhepunkt eines Hypes aufgelegt, wenn die erwarteten Wachstumsraten bereits im Kurs stehen. Einige der vor 15 Jahren aufgelegten Themen-ETFs existieren heute nicht mehr — das Anlagethema verlor an Bedeutung, das Fondsvolumen fiel unter die Rentabilitätsschwelle von rund 100 Millionen Euro, der Fonds wurde geschlossen.

Genaue Volumendaten, die zeigen, wie viel Kapital 2025 und 2026 in diese Nischensegmente geflossen ist, liegen für den Gesamtmarkt nicht vor — das ist eine echte Datenlücke. Was die Marktstruktur zeigt: Das globale ETF-Marktvolumen wuchs von 80 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf über 15 Billionen Euro bis 2025. Ein wachsender Teil dieses Marktes besteht nicht aus breiten Indexprodukten.

Wie Vertrieb funktioniert. Günstige Kern-ETFs erfüllen eine Funktion, die über ihre eigene Marge hinausgeht: Sie ziehen Anleger auf Plattformen. Wer einmal ein Depot für einen Sparplan auf den Vanguard FTSE All-World eröffnet hat, ist von dort aus mit einem Klick in einem Themen-ETF auf KI-Infrastruktur. Provisionsbasierte Beratung — dort, wo sie noch existiert — bevorzugt strukturell Produkte mit höheren Ausschüttungen an den Vertrieb. Plattformen, die keine Provision nehmen, verdienen an Ordergebühren und Spreads, was Häufigkeit des Handelns belohnt: auch das ein Anreiz, der eher Themen- als Langzeit-ETFs begünstigt.

Robo-Advisor und ETF-Sparpläne haben echte Fortschritte gebracht — der Vanguard FTSE All-World verwaltet Stand Juli 2026 rund 66 Milliarden Euro und erhielt 2026 bereits Nettomittelzuflüsse von etwa 14 Milliarden Euro. Das sind Zahlen, die zeigen, dass breite Streuung massentauglich geworden ist. Aber dieselben Plattformen, die diesen Erfolg ermöglichen, sind die Kanäle, über die Nischenprodukte vermarktet werden.

Das stärkste Argument für die Gegenseite. Man kann einwenden, dass ein mündiger Anleger Themen-ETFs bewusst als Beimischung wählt — als spekulativen Anteil eines ansonsten breit gestreuten Portfolios. Die niedrigen Kosten bei Kern-ETFs schaffen tatsächlich Spielraum für solche Entscheidungen: Wer bei der Basis spart, kann bewusst einen Anteil für risikoreichere Wetten einsetzen. Das ist eine rationale Strategie. Sie setzt allerdings voraus, dass der Anleger die Struktur des Marktes versteht — die Kostenunterschiede, die Schließungsrisiken, das Kontrahentenrisiko bei synthetisch replizierenden ETFs wie dem Invesco MSCI World. Genau diese Voraussetzung ist nicht überall gegeben.

Die synthetische Fußnote. Invesco repliziert seinen MSCI World ETF synthetisch — über Swaps statt über den direkten Kauf der Indexaktien. Das ermöglicht günstigere Kostenstrukturen und eine präzise Indexnachbildung. Es trägt aber ein Kontrahentenrisiko: Fällt der Swap-Partner aus, haftet der Fonds für den Differenzbetrag. Regulierung begrenzt dieses Risiko auf maximal zehn Prozent des Fondsvermögens. Das ist kein Totalverlustrisiko — aber es ist ein Risiko, das in der TER nicht auftaucht, und das bei einem Produkt, das mit 0,05 Prozent beworben wird, in der Kommunikation leicht untergeht.

Was als Nächstes zu beobachten ist. Der Preiskampf bei Welt-ETFs dürfte nicht bei 0,04 Prozent enden — iShares steht unter Druck, sein Core MSCI World-Produkt mit aktuell rund 0,20 Prozent TER anzupassen. Ob das geschieht und wie schnell, ist eine der prüfbaren Fragen der zweiten Jahreshälfte 2026. Die andere: Ob die Nettozuflüsse in Themen- und Hebelprodukte proportional schneller wachsen als in Standardindizes. Liegen die Daten dazu vor — etwa in den Halbjahresberichten der großen Plattformen — zeigt sich, ob der Preiskampf unten tatsächlich Kapital nach oben in riskantere Segmente drückt oder ob er vor allem bestehende Indexfonds-Anleger günstiger stellt.