Ein Teleskop in der chilenischen Atacama-Wüste hat im September 2024 ein Signal aufgezeichnet, das Astronomen fast zwei Jahre lang interpretierten, prüften und schließlich im Juli 2026 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten. Das Signal: eine erhöhte Absorption von Sternlicht bei genau 10.833 Angström – der spektralen Fingerabdruck von Helium. Der Planet, auf dem es entweicht: LHS 1140 b, eine Super-Erde mit 5,6 Erdmassen und einem 70 Prozent größeren Radius als die Erde, 49 Lichtjahre entfernt.
Das allein wäre unremarkabel. Helium-Entweichungen wurden auf heißen Gasriesen bereits mehrfach beobachtet. Das Besondere: LHS 1140 b sitzt in der habitablen Zone seines roten Zwergsterns LHS 1140 – jener Distanzzone, in der Wasser theoretisch flüssig vorliegen kann. Kein Gesteinsplanet in dieser Lage hatte bis dahin eine bestätigte Atmosphäre.
Wie die Messung funktionierte
Das Werkzeug war der WINERED-Spektrograf am Magellan Clay Telescope im Las Campanas Observatorium in Chile. Während LHS 1140 b seinen Stern passierte – ein Transitereignis –, filterte das Instrument das Sternlicht durch die Planetenrandatmosphäre. Bestimmte Wellenlängen werden dabei selektiv absorbiert, je nachdem, welche Gase vorliegen. Bei 10.833 Angström liegt eine der drei metastabilen Helium-Absorptionslinien im Nahinfrarot; diese Linie ist besonders sensibel, weil sie kaum durch die Erdatmosphäre gestört wird.
Das Ergebnis von 2024: ein statistisch signifikantes Absorptionssignal während des Transits, das in mehreren Durchläufen reproduzierbar war. Der Mechanismus dahinter, dem die Forscher folgen: Die intensive Röntgen- und extreme Ultraviolettstrahlung des Roten Zwergs ionisiert die oberste Atmosphärenschicht und treibt leichte Gase – Wasserstoff und Helium – nach außen. Diesen Prozess nennt man hydrodynamischen Ausfluss.
Das Signal, das verschwand
2025 wiederholten die Astronomen die Beobachtung. Das Helium-Signal war weg.
Das ist nicht zwingend ein Widerspruch, aber es zwingt zur Präzision: Was genau wurde 2024 gemessen, und was fehlt 2025? Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in der Sternaktivität. Rote Zwerge sind variabel – ihre Röntgenstrahlung schwankt. Schwächere Strahlung bedeutet weniger ionisierter Ausfluss, weniger Helium in der oberen Atmosphäre, schwächeres Signal. Die Atmosphäre wäre damit nicht weg, nur in einem anderen Zustand.
Diese Variabilität macht das Signal schwerer zu systematisieren, aber auch interessanter: Es eröffnet die Möglichkeit, die Kopplung zwischen Sternstrahlung und Atmosphärendynamik direkt zu verfolgen – etwas, das für Planeten innerhalb unseres Sonnensystems nur begrenzt möglich ist.
Was JWST dazu beiträgt
Parallel zu den Bodenbeobachtungen wertete ein weiteres Team Daten aus, die das James Webb Space Telescope bereits 2024 gesammelt hatte. JWST maß das Transmissionsspektrum von LHS 1140 b in einem breiteren Wellenlängenbereich und schloss eine wasserstoffreiche, ausgedehnte Hülle – wie sie bei Mini-Neptuns typisch wäre – statistisch aus. Was bleibt: eine Atmosphäre mit hohem Molekulargewicht. Kandidaten sind Stickstoff, Wasserdampf, Kohlendioxid – die Bausteine, die auf der Erde für Atemluft und Treibhauseffekt zuständig sind.
Das ist eine negative Aussage: JWST sagte, was die Atmosphäre nicht ist. Die Frage, was sie ist, bleibt offen. Ausgeschlossen ist eine Anreicherung mit Wasserstoff; bestätigt ist das Vorhandensein einer Gashülle überhaupt. Beide Befunde zusammen – Helium-Ausfluss von unten, kein leichtes Gas oben – passen zum Bild einer gravitativ gebundenen, langlebigen Hülle, aus der die leichtesten Bestandteile sukzessive entweichen.
Frühere Messungen mit dem Hubble Space Telescope Ende 2020 hatten bereits schwache Hinweise auf Wasserdampf ergeben, mit unzureichendem Signal-Rausch-Verhältnis für eine belastbare Aussage. Dass diese Daten seinerzeit veröffentlicht, aber nicht als Atmosphären-Nachweis gewertet wurden, illustriert das eigentliche Muster: Das Instrument war vorhanden, die Deutung fehlte.
Das Nachbarsystem als Kontrollfall
Im gleichen Sternsystem umkreist LHS 1140 c, ein kleinerer Planet, ebenfalls seinen Stern – näher dran, heißer. Für LHS 1140 c zeigten weder der WINERED-Spektrograf noch JWST Atmosphären-Signale. Dieser Nullbefund ist instruktiv: Gleiches Instrument, gleiche Bedingungen, kein Signal. Er stärkt die Interpretation, dass das Signal auf LHS 1140 b nicht Rauschen ist, sondern Physik.
Neue Klassifizierungsmodelle
Die Entdeckung trifft auf ein Feld im Umbruch. Ein Team der Stanford University hat im Juni 2026 das Smaller Than Earth Habitability Model (STEHM) vorgestellt. Dessen zentrale Aussage: Planeten mit einem Radius unter 0,8 Erdradien verlieren ihre Atmosphären statistisch innerhalb einer Milliarde Jahre. LHS 1140 b liegt mit 1,73 Erdradien deutlich darüber – und bestätigt damit nicht nur das Modell, sondern liefert ihm erstmals einen direkten Beobachtungsanker.
Ältere Habitabilitätskriterien stützten sich fast ausschließlich auf Abstandsparameter: Liegt ein Planet in der habitablen Zone, galt er als Kandidat. STEHM und vergleichbare Ansätze verschieben das Gewicht auf atmosphärische Stabilität: Ein Planet in der richtigen Distanz ohne Atmosphäre ist kein bewohnbarer Kandidat. LHS 1140 b erfüllt erstmals beide Kriterien gleichzeitig – nicht weil er der erste Planet in einer habitablen Zone ist, sondern weil er der erste mit nachgewiesener Hülle ist.
Das verändert die Suche praktisch: Teleskopzeit wird künftig stärker auf Planeten mit vorhergesagter Atmosphärenstabilität konzentriert werden, nicht auf solche mit bloß günstiger Bahngeometrie.
Was offen bleibt
Helium zeigt Atmosphäre. Es sagt nichts über Sauerstoff, nichts über Kohlendioxid, nichts über die Temperaturen in tieferen Schichten. Die Dichte von LHS 1140 b legt nahe, dass er neun bis 19 Prozent seiner Masse als Wasser enthält – mehr als eine klassische Felsenwelt, weniger als ein Ozeanplanet. Ob dieses Wasser flüssig, gefroren oder gasförmig vorliegt, hängt von Faktoren ab, die noch nicht gemessen sind.
Die entscheidende nächste Messung: das Emissionsspektrum des Planeten abseits des Transits. Damit ließe sich die Temperaturverteilung ableiten – und erstmals klären, ob die Tagseite warm genug für flüssiges Wasser ist.
JWST hat Beobachtungszeit für LHS 1140 b reserviert. In zwei bis drei Jahren, wenn die Auswertungen vorliegen, wird sich zeigen, ob das Helium-Signal der Beginn eines vollständigen Atmosphären-Porträts war – oder ein Einzeldatenpunkt an einem System, das seine Hülle gerade verliert.
