Richard Wagner wollte keinen Kulturbetrieb. Er wollte eine Zumutung. Das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel, 1876 eröffnet, sollte der Ort sein, an dem das bürgerliche Theaterpublikum seine Gewohnheiten nicht mitbringen konnte — keine Unterhaltungsroutine, kein Ankommen und Absitzen, sondern Erschütterung. Dass Bayreuth 150 Jahre später vor allem eines ist: ein Staatsempfang mit Opernbegleitung — das wäre ihm eine Diagnose gewesen, keine Hommage.

Zur Eröffnung der Jubiläumsfestspiele 2026 reisen Ministerpräsident Markus Söder und eine weitgespannte Reihe von Amtsträgern auf den Hügel. Das ist keine Randnotiz, sondern das Selbstverständnis der Veranstaltung: Bayreuth ist Repräsentationsbühne. Man ist dabei, weil man dabei ist. Der rote Teppich ist kein Ausrutscher — er ist das Programm.

Wer das als Schönrednerei abtut, übersieht die Finanzstruktur dahinter. Bund und Freistaat Bayern erhöhen ihre Förderung dauerhaft um je bis zu einer Million Euro. Für 2026 sind allein aus dem Bundeshaushalt über 5,2 Millionen Euro vorgesehen, Bayern steuert weitere 4,2 Millionen Euro bei — plus je 200.000 Euro Sondermittel für die Jubiläumsfeierlichkeiten. Die Stadt Bayreuth liegt bei 1,5 Millionen Euro, die Oberfrankenstiftung gibt 400.000 Euro hinzu. Insgesamt fließen rund 30 Millionen Euro öffentlicher Mittel jährlich in die Festspiele. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verteidigte die Zuschüsse und erklärte, die Festspiele hätten ihre Geschichte aufgearbeitet.

Das ist das stärkste Argument für Bayreuth, und es verdient ernstgenommen zu werden: Ein Festival, das sich seiner NS-Verstrickung stellt, das Wagners Antisemitismus nicht wegretouchiert, das Gedenkveranstaltungen für verfolgte jüdische Musiker ins Programm nimmt — das leistet Erinnerungsarbeit, die öffentliche Förderung rechtfertigen kann. Wo ein Festival seinen dunklen Gründungsmythos trägt, statt ihn zu verwalten, hat es mehr kulturelle Substanz als der gepflegte Konzertbetrieb, dem diese Debatten erspart blieben.

Nur: Das Jubiläumsjahr 2026 zeigt, wie weit Bayreuth von diesem Anspruch entfernt geblieben ist. Die Gedenkveranstaltung für NS-verfolgte Musiker wurde zunächst abgesagt — und fand erst nach heftiger öffentlicher Kritik wieder ins Programm. Das ist kein Beleg für gelebte Aufarbeitung. Das ist Aufarbeitung als Reaktionsmechanismus. Weimers Satz, die Geschichte sei aufgearbeitet, beschreibt einen Wunsch, nicht einen Befund.

Künstlerisch war das Jubiläumsjahr als programmatischer Aufbruch angekündigt. Geplant war, alle kanonisierten Werke Wagners sowie das selten gespielte Frühwerk „Rienzi" aufzuführen, dazu eine KI-gestützte Ring-Produktion, ein stadtweites Festival mit 150 Bühnen. Heraus kam: Programmkürzungen wegen Geldnot, Absage der Festmeile, ein Stadtfestival, das finanziell auf der Suche nach Deckung ist. Die KI-Produktion bleibt — gut darin, als Schlagzeile zu existieren, und deutlich schwächer darin, das zu sein, was Wagner verlangte: eine Erschütterung des Gewohnten.

Das Muster ist nicht neu und nicht auf Bayreuth beschränkt. Öffentlich finanzierte Kulturinstitutionen gravitieren mit der Zeit in Richtung ihres eigenen Fortbestands. Das Risiko, das Wagners Ansatz definierte — ein Werk, das scheitern kann, das polarisiert, das sein Publikum verstört —, ist für eine Institution mit 30 Millionen Euro öffentlichem Jahresetat strukturell unerwünscht. Was bleibt, ist das ästhetische Wagnis als Kommunikationsbotschaft.

Das Bewertungskriterium hier ist nicht nostalgische Treue zu einem unmöglichen Gründungsideal. Es ist die Frage, ob das Festival mit öffentlichem Geld tut, was öffentliche Kunstförderung legitimiert: ästhetische Positionen finanzieren, die der Markt nicht finanziert; Reibung erzeugen, die das Programm-TV nicht erzeugt; einen Raum halten, in dem etwas auf dem Spiel steht.

Bayreuth 2026 tut das nicht. Es finanziert mit öffentlichem Geld die Bestätigung eines Publikums, das keine Erschütterung sucht. Es lädt Politiker ein, die Bedeutsamkeit und Repräsentation suchen. Es kürzt das Programm aus Geldnot und verkauft die Reste als Jubiläum.

Wagner wollte eine Zumutung. Er hat ein Museum bekommen — eines, das die Eintrittspreise selbst festlegt und dessen Betrieb der Steuerzahler mitfinanziert.