Der Verlauf lässt sich in drei Phasen teilen: Aufstieg und Spezialisierung, der Einzel-Kunden-Fehler, die gescheiterte Restrukturierung.
Phase eins: die Wette auf Apple
Varta war lange kein Batteriekonzern im Sinne der großen Elektroauto-Lieferkette, sondern ein Präzisionshersteller. Die sogenannten CoinPower-Knopfzellen — eine Generation besonders kompakter und leistungsdichter Zellen — brachten ab den frühen 2010er-Jahren enorme Wachstumsschübe. Abnehmer war in erster Linie Apple, für dessen kabellose Kopfhörer und andere Miniaturgeräte Varta lieferte. Der Umsatz stieg, die Marge war gut, der Aktienkurs kletterte bis 2019 auf über 140 Euro.
Das Problem: Ein Zulieferer, der einen Großkunden wie Apple bedient, ist in einer strukturell abhängigen Position. Apple liefert keine Erklärungen, wenn es die Bezugsquelle wechselt. Genau das geschah: Apple verlagerte die Fertigung der Knopfzellen schrittweise zu chinesischen Produzenten. Der Umsatz in diesem Segment brach ein. Am Standort Nördlingen, wo rund 350 Menschen für diesen Auftrag arbeiteten, ist die Schließung für Herbst 2026 angekündigt.
Phase zwei: die Sanierung, die keine war
Im Juli 2024 durchlief Varta ein Restrukturierungsverfahren nach dem Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen (StaRUG). Michael Tojner, der österreichische Investor und Miteigentümer, brachte die Porsche AG als Partnerin für die Hochleistungsbatterien-Sparte ins Haus. Das Ergebnis galt im April 2025 offiziell als abgeschlossen. Es hat nicht gehalten.
2024 wies Varta bei einem Umsatz von rund 793 Millionen Euro einen Verlust von 64,5 Millionen Euro aus. Die Gründe sind mehrschichtig: schwächere Nachfrage in relevanten Märkten, negative Währungseffekte, der anhaltende Rückzug Apples. Wer nach einem Investor suchte, der die verbleibende Finanzierungslücke für den Gesamtkonzern schließt, fand keinen.
Phase drei: die Gläubiger entscheiden
Die Ad-hoc-Gruppe der Hauptgläubiger — Deutsche Bank, RBC BlueBay Asset Management, Blantyre Capital und Whitebox — hält die relevanten Schuldtitel und damit die Hebel. Ihre Strategie ist nachvollziehbar: Das Haushaltsbatteriengeschäft, das unter der Marke Varta Consumer Batteries läuft, ist profitabel. Es produziert AA- und AAA-Zellen für den europäischen Einzelhandel, hat stabile Margen und einen bekannten Markennamen. Dieses Geschäft wollen die Gläubiger übernehmen und aus dem Insolvenzverfahren herauslösen.
Was im Verfahren verbleibt, sind die drei Einheiten Varta Microbattery GmbH, Varta Micro Production GmbH und Varta Storage GmbH. Hier sitzt die technologische Tiefe: Knopfzellen für Hörgeräte und medizinische Geräte, industrielle Speicherlösungen, Zellchemie für Spezialbatterien. Tobias Wahl von der Kanzlei Anchor ist als vorläufiger Sachwalter bestellt.
Für das Gesamtunternehmen gibt es zwei öffentlich bekannte Interessenten: Tojner selbst, der die Microbattery-Sparte und das Lösungsgeschäft kaufen will, um das Knowhow in Europa zu halten; und Pino Sergio von der Schweizer Allswiss-Gruppe, der den Konzern als Ganzes übernehmen und auf Natrium-Ionen-Batterien umrüsten möchte. Ob Sergios Finanzierungsplan trägt, ist nicht belegt.
Die strukturelle Frage
Bundesland Baden-Württemberg und Varta-Chef Michael Ostermann formulieren dasselbe Argument: Das technologische Knowhow — Zelldesign, Fertigungsprozesse, Materialien — verlasse das Unternehmen, wenn die Sparten zerschlagen werden. Nicole Hoffmeister-Kraut, Wirtschaftsministerin des Landes, betont den Verlust von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung. Ostermann will die Natrium-Ionen-Technologie noch entwickeln.
Dem steht die Logik der Gläubigerposition gegenüber: Eine Ad-hoc-Gruppe, die sich nach dem StaRUG-Verfahren 2024 mit Sicherheiten auf das profitable Segment hat eindecken können, hat keinen Anreiz, Verlustbringer zu quersubventionieren. Die Maximierung des realisierbaren Werts aus dem gesicherten Vermögen ist legales Gläubigerhandeln — und führt hier zur Trennung des liquidierbaren Teils vom technologisch wertvollen, aber defizitären Rest.
Staatliche Fördermittel spielen in diesem Kräftefeld eine ambivalente Rolle. Frühere Zusagen an Varta lagen Berichten zufolge bei bis zu 300 Millionen Euro; wie viel tatsächlich geflossen ist und an welche Bindungen die Mittel geknüpft waren, ist aus den vorliegenden Quellen nicht belastbar zu entnehmen. Diese Lücke ist selbst ein Befund: Wenn die öffentliche Hand Fördermittel auszahlt, ohne Rückforderungsklauseln bei Zerschlagung zu vereinbaren, trägt sie das Risiko, Industriesubstanz auf Staatskosten liquidierbar zu machen.
Unabhängige Einschätzungen von Industrieökonomen zur Frage, wie gravierend der Verlust der spezifischen Varta-Zellkompetenz für die europäische Batterietechnologie-Landschaft wäre, liegen in den Recherchematerialien nicht vor — das ist eine offene Lücke, die das Stück nicht schließen kann.
Was als Nächstes entscheidet
Das Amtsgericht Stuttgart muss die Eigenverwaltung formell genehmigen. Dann laufen die Verhandlungen über die Verwertung der einzelnen Unternehmensteile. Drei Fragen bestimmen, was von Varta übrig bleibt: Kann Tojner oder Sergio die Finanzierung für die technologischen Sparten belastbar nachweisen? Gelingt es dem Sachwalter, einen Käufer zu finden, bevor die operative Liquidität aufgezehrt ist? Und: Knüpft die öffentliche Hand eine Hilfe an Bedingungen, die den Erhalt der Zellfertigungskompetenz sichern?
An diesen drei Punkten lässt sich in drei bis sechs Monaten ablesen, ob das Verfahren eine echte Sanierung wird oder eine geordnete Verwertung.
