Ein Markt, der Risiken ignoriert, tut das selten aus Dummheit. Er tut es, weil die Anreize stimmen — solange es gut geht.

Sebastian Raedler, Aktienstratege bei der Bank of America, hat im Juli 2026 eine Kennzahl veröffentlicht, die diesen Mechanismus beschreibt: Die Aktienrisikoprämie in Europa — also der Aufschlag, den Anleger gegenüber risikolosen Staatsanleihen fordern — liegt auf einem 20-Jahres-Tief,. Raedler schlussfolgert daraus, dass der Markt ein Szenario einpreist, in dem alles gut läuft: keine Eskalation im Nahen Osten, keine KI-Investitionsenttäuschung, keine fiskalischen Erschütterungen. Eine Normalisierung der Risikoprämie auf historische Werte würde, so seine Rechnung, 100 bis 150 Basispunkte Expansion erfordern — und 10 bis 15 Prozent Abwärtsrisiko für europäische Aktien bedeuten,.

Der Preis der Perfektion

Was Raedler beschreibt, ist keine Meinung über die Zukunft, sondern eine Bestandsaufnahme der Gegenwart: Anleger zahlen für europäische Aktien Preise, die keinen Puffer für Störungen enthalten. Besonders exponiert sieht er Banken, Halbleiter- und Bergbauunternehmen — Sektoren, die bei steigenden Risikoprämien überproportional reagieren, weil ihre Bewertungen stark vom Zinsumfeld und von Wachstumserwartungen abhängen.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese Einschätzung richtig sein kann — und trotzdem lange Zeit keine Konsequenzen hat. Märkte können falsch bepreist bleiben, solange die Liquidität stimmt. Das ist keine Anomalie, das ist die Mechanik.

BlackRock und das Problem der Indizes

Das BlackRock Investment Institute beschreibt für 2026 eine strukturelle Verschiebung, die das Diversifikationsproblem schärfer macht: Die zunehmende Konzentration auf wenige KI-getriebene Titel — Halbleiter, Rechenzentren, Strominfrastruktur — führt dazu, dass breite Indizes nach außen hin stabil wirken, während darunter die Streuung der Einzelwerte historisch hoch ist. BlackRock nennt das „historische Dispersion".

Für passive Anlagestrategien hat das eine konkrete Implikation: Wer einen marktbreiten Index kauft in der Erwartung, damit das Risiko zu streuen, trägt tatsächlich eine konzentrierte Wette auf wenige Geschäftsmodelle. Die Indexgewichtung folgt der Marktkapitalisierung, nicht der Risikodiversifikation.

BlackRock empfiehlt daher eine szenariobewusste Allokation — also Portfolios, die nicht auf ein einzelnes Makroszenario optimiert sind, sondern unter mehreren Bedingungen funktionieren. Die genaue Eintrittswahrscheinlichkeit geopolitischer Kipppunkte hält das Institut dabei ausdrücklich für nicht quantifizierbar. Der Rat lautet entsprechend: nicht Ereignisse vorhersagen, sondern Portfolios bauen, die den Eintritt eines Ereignisses überstehen.

Frankreich: das Risiko, das niemand preist

Der Renditeaufschlag zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen lag am 24. Juli 2026 bei rund 80 Basispunkten — verglichen mit etwa 50 Basispunkten vor der politischen Verschlechterung im Sommer 2024. Die Rendite der zehnjährigen OAT selbst lag an diesem Tag bei 3,98 Prozent, 45 Basispunkte höher als noch einen Monat zuvor.

Fitch hat die französische Bonität bereits auf A+ gesenkt, fünf Stufen unter AAA,. Morgan Stanley empfiehlt die Reduktion französischer Staatsanleihen. UBS bezeichnet die französischen Haushaltspläne als zu optimistisch. Moody's und S&P werden ihre Ratingprüfungen im Oktober und November bekanntgeben.

Das ist keine abstrakte fiskalische Debatte. Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone; französische Staatsanleihen sind in nahezu jedem europäischen Rentenfonds als risikoarme Basisanlage gehalten. Ein weiterer Ratingabstieg würde institutionelle Anleger zwingen, Bestände zu reduzieren — nicht aus Überzeugung, sondern wegen interner Anlagerichtlinien, die Mindestratings vorschreiben. Das wäre ein erzwungener Verkaufsdruck, kein willentlicher.

Gleichzeitig zeigen die europäischen Aktienmärkte trotz dieser Lage eine starke Performance. Beides — der gestiegene Spread und der hohe Aktienmarkt — gilt gleichzeitig. Der Spread signalisiert, dass der Kreditmarkt die fiskalische Lage Frankreichs als ernst einschätzt. Der Aktienmarkt ignoriert das.

Kreditmarkt gegen Aktienmarkt

Diese Divergenz ist der zentrale Befund. Kreditmärkte — also der Markt für Unternehmens- und Staatsanleihen — gelten unter Marktbeobachtern als informierter als Aktienmärkte, weil Anleihegläubiger im Insolvenzfall zuerst bedient werden und deshalb stärker auf Ausfallrisiken achten. Wenn der Kreditmarkt für wachstumsorientierte Emittenten steigende Spreads zeigt, während der Aktienmarkt weiter steigt, entsteht eine Inkonsistenz: Beide Märkte preisen denselben Schuldner, aber zu unterschiedlichen impliziten Ausfallwahrscheinlichkeiten.

Das löst sich auf zwei Arten auf: Entweder korrigiert der Aktienmarkt nach unten, oder der Kreditmarkt entspannt sich nach oben. Welche Richtung sich durchsetzt, hängt davon ab, was als Nächstes eintritt — und das ist, redlich formuliert, offen.

Die Rückendeckungs-Erwartung

Raedlers Kerndiagnose lautet, dass Märkte nicht Resilienz einpreisen, sondern die Erwartung dauerhafter staatlicher und geldpolitischer Rückendeckung. Das ist eine präzisere Aussage als die häufig gehörte Version, Märkte seien irrational. Die Erwartung der Rückendeckung war in den vergangenen fünfzehn Jahren mehrfach berechtigt: Die EZB hat im Zweifel interveniert, Regierungen haben im Zweifel gestützt. Wer darauf gewettet hat, hat gewonnen.

Das Argument ist also nicht, dass diese Erwartung falsch ist. Das Argument ist, dass sie nicht zum Preis entschädigt wird. Risikoprämien auf 20-Jahres-Tief bedeuten: Anleger verzichten auf die Vergütung für das Risiko, dass die Rückendeckung diesmal ausbleibt — oder zu spät kommt.

Woran sich die Deutung messen lässt

Ob Raedlers Einschätzung trägt, zeigt sich an drei prüfbaren Größen. Erstens: Werden Moody's oder S&P Frankreich in der zweiten Jahreshälfte 2026 herabstufen — und wie reagieren europäische Rentenindizes unmittelbar danach? Zweitens: Weiten sich die Kreditspreads wachstumsorientierter Unternehmensanleihen über den Sommer weiter aus, während Aktienindizes stabil bleiben — oder schließt sich die Lücke? Drittens: Enttäuscht ein größerer KI-Infrastrukturinvestor in den Quartalsergebnissen des Herbstes 2026 — und führt das zu einem koordinierten Abverkauf in den konzentrationsstarken Indizes?

Treffen alle drei nicht ein, war der Markt weniger blind, als es die Risikoprämien nahelegen. Trifft auch nur einer ein, war der Preis nicht gerechtfertigt.