Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) unter seinen ostdeutschen Mitgliedern.
Seit 2022 ist die Produktion energieintensiver Branchen in Deutschland um 15,2 Prozent zurückgegangen; rund 53.200 Stellen sind in diesem Zeitraum weggefallen. Im ersten Halbjahr 2026 lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie weitere drei Prozent unter dem Vorjahreswert, der Umsatz sank um ein Prozent. Sachanlageinvestitionen gingen bereits im dritten Jahr in Folge zurück — eine Richtung, keine Delle.
Energie: der Preisabstand
Im zweiten Halbjahr 2025 zahlten mittlere Industriekunden in Deutschland 22,64 Cent pro Kilowattstunde — EU-weit der dritte Platz, deutlich über dem Durchschnitt von 18,37 Cent. Für energieintensive Chemieunternehmen, die 2024 rund 27,9 Prozent des gesamten industriellen Energieverbrauchs in Deutschland auf sich vereinten, ist dieser Abstand kein Randposten, sondern ein Fixkostenproblem, das direkt in die Investitionsrechnung eingeht.
Ab 2026 soll ein subventionierter Industriestrompreis von rund 5 Cent pro Kilowattstunde Entlastung bringen — genehmigt von der EU-Kommission unter beihilferechtlichen Auflagen, die unter anderem Investitionen in klimafreundlichere Produktion vorschreiben. Das Programm ist auf 3,8 Milliarden Euro gedeckelt und läuft bis 2028. Für Unternehmen, die Investitionsentscheidungen über Dekaden planen, ist ein zweijähriger Subventionspflock kein verlässlicher Anker. Ob die Maßnahme Investitionsentscheidungen tatsächlich umkehrt, ist offen: Drei Viertel der ostdeutschen Chemieunternehmen bewerten die Energie- und Klimapolitik der Bundesregierung als ungenügend — auch nach Ankündigung des Industriestrompreises.
Genehmigungen: das halbe Jahr, das zählt
Planungs- und Genehmigungsverfahren dauern im Schnitt ein halbes Jahr länger als gesetzlich vorgesehen; bei jedem neunten Unternehmen dehnt sich die Wartezeit auf zwei Jahre oder mehr. Der VCI berichtet, dass zwischen Investitionsentscheid und Inbetriebnahme einer Anlage oft viele Jahre vergehen können. Welche konkreten Verfahrensschritte — BImSchG-Genehmigung, Umweltverträglichkeitsprüfung, Raumordnung — die meiste Zeit kosten, lässt die vorliegende Datenlage nicht differenzieren; der VCI benennt das Problem als Verbund, nicht als Abfolge messbarer Einzelschritte.
Im April 2026 unterzeichneten Bundesregierung und ostdeutsche Länder einen Chemie- und Raffineriepakt, der unter anderem schnellere Genehmigungen vorsieht. Ob und wie sich dieser Pakt auf laufende Verfahren ausgewirkt hat, ist noch nicht evaluiert.
Bürokratie: der Befund einer Studie
Eine Untersuchung von Boston Consulting Group und VCI aus November 2024 ergab: 86 Prozent der bundesweit befragten Chemieunternehmen nennen Bürokratie als größtes Investitionshemmnis, gefolgt von nicht wettbewerbsfähigen Energiekosten (59 Prozent) und langen Genehmigungsverfahren (51 Prozent). Diese Rangfolge gilt für die Branche insgesamt; eine gesonderte Auswertung für ostdeutsche Unternehmen liegt nicht vor. Was die VCI-Ostumfrage 2026 zeigt, ist konsistent: Neun von zehn ostdeutschen Chemieunternehmen nennen hohe Kosten als Haupthemmnis.
Einzelfall und Ausnahme
Der Pharmakonzern Merz investiert mehr als 100 Millionen Euro in Dessau-Roßlau und schafft rund 150 Arbeitsplätze. Das ist kein Widerspruch zur Gesamtlage, sondern ihre Illustration: Sparten mit hoher Wertschöpfung je Energieeinheit — Pharma, Spezialchemie — sind weniger exponiert als die Grundstoffchemie. Der Düngemittelhersteller SKW Piesteritz steht für das andere Ende der Kurve: energieintensive Produktion mit dünnen Margen, direkt im Fadenkreuz hoher Strompreise.
Europaweit hat sich die Zahl der Schließungen von Chemieanlagen seit 2022 versechsfacht; 20.000 Jobs und 37 Millionen Tonnen Kapazität sind vom Markt verschwunden, so eine Analyse von Roland Berger für den europäischen Chemieverband Cefic. Ostdeutschland ist kein Sonderfall, sondern Teil einer breiteren Verlagerungsbewegung, bei der die Wachstumsinvestitionen nach Asien wandern.
Datenlücke und offene Variable
Konkrete Projekte, die im ersten Halbjahr 2026 offiziell verschoben oder abgesagt wurden, sind nicht öffentlich dokumentiert. Der VCI nennt keine Unternehmensnamen. Was vorliegt, sind Absichtserklärungen aus einer Umfrage unter rund 20 Betrieben — statistisch belastbar als Tendenz, nicht als vollständige Erhebung. Regionale Differenzierungen innerhalb Ostdeutschlands — etwa zwischen dem Chemiedreieck Sachsen-Anhalt, dem Industrieraum Leuna und Thüringer Standorten — lässt das verfügbare Material nicht zu.
Woran sich in den nächsten Monaten ablesen lässt, ob der Industriestrompreis die Investitionsabsichten tatsächlich dreht: Die VCI führt die Ostumfrage regelmäßig durch. Steigt bis Frühjahr 2027 der Anteil der Unternehmen, die Inlandsinvestitionen planen, wieder über 60 Prozent, wäre das ein Signal. Bleibt er darunter — oder sinkt er weiter —, hat der befristete Subventionspflock die strukturelle Lücke nicht geschlossen.
