Am 25. Juli 2026 war der Berliner Christopher Street Day mit über 80 Wagen und 55 Fußgruppen eine der größten queeren Demonstrationen der Stadt seit Jahren. Die Berliner Polizei war mit mehr als 2.200 Beamtinnen und Beamten vor Ort, teils schwer bewaffnet, teils verdeckt. Der mutmaßliche Täter Abdul B. fuhr trotzdem in die Menschenmenge. Er trug eine Machete bei sich. Er galt als Gefährder. Und er sollte am nächsten Morgen einen Beratungstermin zur Deradikalisierung wahrnehmen.
Das ist keine Zusammenfassung eines Versagens. Das ist ein Zustandsbericht.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt stufte die Tat als „islamistischen Terroranschlag" ein — eine der klarsten Formulierungen, die ein Kabinettsmitglied in den Stunden nach dem Anschlag wählte. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach davon, dass Extremisten „bei uns keinen Platz" hätten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte die Tat als Angriff auf die offene Gesellschaft. Alfonso Pantisano, Berlins Queer-Beauftragter, beschrieb einen „Tag großer Trauer für die queere Community". Die Initiative Queer Nations war präziser: Sie benannte den Islamismus als tödliche Ideologie und beklagte, dass diese Gefahr systematisch übersehen werde.
Letzteres verdient mehr als einen Halbsatz Aufmerksamkeit.
Das stärkste Argument gegen diese Kritik
Es ist legitim einzuwenden, dass pauschale Zuschreibungen islamistischer Gewalt auf „den Islam" oder „die Migration" mehr Schaden anrichten als nützen — dass sie Muslime kollektiv unter Generalverdacht stellen und jenen in die Hände spielen, die Sicherheitsdebatte und Lagerpolitik gern kurzschließen. Die AfD, die den Anschlag reflexartig als Beweis eines „sicherheitspolitischen Totalversagens" rahmte, belegt diesen Reflex auf der Stelle. Wer also die ideologische Dimension des Islamismus betont, muss aufpassen, nicht instrumentalisiert zu werden.
Das ist ein echtes Argument. Es trägt nur nicht weit genug.
Denn der Preis der Gegenstrategie — Benennung vermeiden, um Spaltung zu vermeiden — ist kein rhetorischer, sondern ein praktischer: Wer die Ideologie nicht beim Namen nennt, kann die Radikalisierungskette nicht unterbrechen. Abdul B. ist kein psychisch Kranker ohne Kontext, kein Einzelfall ohne Netzwerk, kein Krimineller ohne Weltbild. Er ist, nach allem, was die Ermittlungen bisher ergeben haben, jemand, der IS-Sympathien hegte, der als Gefährder geführt wurde, der deradikalisiert werden sollte — und der dennoch an diesem Abend ein Auto als Waffe benutzte. Das Islamismuspotenzial in Deutschland belief sich 2025 laut Verfassungsschutz auf rund 28.600 Personen, davon über 9.000 als gewaltorientiert eingeschätzt. Das FBI hatte bereits 2024 explizit vor islamistischen Angriffen auf Pride-Veranstaltungen gewarnt.
Die Grenze zwischen Sicherheit und Sicherheits-Rhetorik
Das Muster der politischen Reaktionen auf diesen Anschlag unterscheidet sich in seiner Grammatik kaum von früheren Vorfällen: Verurteilung, Solidaritätsbekundung, die Forderung, sich nicht einschüchtern zu lassen. Innenminister Dobrindt mahnte Veranstalter und CSDs zur Überprüfung ihrer Sicherheitskonzepte. Das ist richtig — und reicht nicht.
Denn die Frage, die nach dem 25. Juli im Raum steht, ist nicht, ob man 2.200 auf 3.000 Polizistinnen aufstockt. Sie lautet: Warum wird ein als Gefährder bekannter Mann, der im Mai aus dem Jugendarrest entlassen wurde und am nächsten Morgen einen Deradikalisierungstermin hätte wahrnehmen sollen, am Abend nicht überwacht — oder nicht konsequent untergebracht? Das ist kein rhetorisches Problem. Das ist eine Frage der Zuständigkeit, der Kapazität, des politischen Willens.
Die offene Gesellschaft hat eine strukturelle Schwäche: Sie schützt ihre Feinde besser als sich selbst. Das ist ihr Wert und ihr Risiko zugleich. Aber aus diesem Paradox folgt kein Freifahrtschein für die Verwaltung des Risikos als Dauerzustand. Wer Vielfalt zur Staatsräson erklärt, muss auch die Feinde dieser Vielfalt staatsraison-tauglich behandeln.
Gut darin, Angriffe auf queere Menschen zu verurteilen. Schwächer darin, die Ideologie zu benennen, die sie rechtfertigt — und die Strukturen zu schaffen, die sie unterbrechen.
Das ist die eigentliche Schutzlücke. Sie liegt nicht im Tiergarten. Sie liegt in Berlin, in Bundesministerien, in Zuständigkeitsketten — und in der politischen Sprache, die lieber Solidarität inszeniert als Gefährdung benennt.
Eine Frau ist tot. Der Täter war bekannt. Der Termin für morgen war gebucht.
