Dass die israelische Armee ihn auch dem militärischen Flügel der Hamas zurechnete, erklärt die Entscheidung. Was sie nicht erklärt: was danach kommt.
Seit Januar 2024 erklärte Israel die Hamas-Militärstruktur im nördlichen Gazastreifen für „demontiert“. Seitdem wurden Dutzende Polizisten und Führungsfunktionäre getötet. Der Befund, den dieser Zeitraum nahelegt: Die Struktur wächst nach, oder es entsteht etwas Schlechteres als sie.
Der Steelman der israelischen Position ist ernstzunehmen. Die Hamas hat am 7. Oktober 2023 Kriegsverbrechen begangen — Massaker, Geiselnahmen, gezielte Tötungen von Zivilisten. Kein Staat, der seinen Bürgern Schutz schuldet, kann dem zusehen, wenn Teile dieser Organisation weiter intakt sind. Die These, dass gezielte Tötungen von Kommandeuren die Angriffskapazitäten der Hamas schwächen, ist nicht bloß israelische Propaganda — sie hat eine militärische Logik. Netzwerke brauchen Koordination, Koordination braucht Personen, Personen sind verwundbar. Das ist kein Argument, das man wegmoderiert.
Aber es ist ein Argument mit einem Preis, und dieser Preis wird nicht ehrlich benannt.
Gut darin, Führungsstrukturen zu beseitigen; erkennbar schwächer darin, zu erklären, was an ihre Stelle treten soll. Al-Makadma war Polizeichef und Gouverneur — das heißt: er organisierte Nahrungsmittelverteilung, Ordnung an Kontrollpunkten, rudimentäre Verwaltung in einem Gebiet mit über 85 Prozent Vertriebenenanteil. Die UN meldeten zuletzt, dass weniger als die Hälfte der benötigten Hilfslieferungen Gaza überhaupt erreicht. Ein ziviles Vakuum in dieser Lage ist nicht neutral — es ist gefährlich. Wo kein Apparat steht, stehen bewaffnete Gruppen.
Das ist der Mechanismus, den die Hamas ihrerseits instrumentalisiert: Sie wirft Israel vor, die Polizei gezielt zu treffen, um Chaos zu stiften und den Waffenstillstand zu torpedieren. Diese Lesart ist propagandistisch überformt — und sie enthält dennoch eine Beobachtung, die unabhängige Stellen teilen. Das IKRK dokumentiert, dass zivile Infrastruktur in Gaza systematisch zerstört wurde; Amnesty International benennt den fehlenden Schutz der Zivilbevölkerung explizit. Das sind keine antiisraelischen Quellen, das sind die Institutionen, an denen sich humanitäres Völkerrecht orientiert.
Woran die israelische Strategie im Maßstab der Effizienz gemessen werden muss — und nach diesem Kriterium allein soll hier geurteilt werden —, ist die Frage, ob das Ziel erreicht wird: dauerhafte Sicherheit für israelische Bürger. Ist Dezimierung ohne Nachkriegsordnung dafür ein geeignetes Instrument?
Die Antwort des Zeitraums seit Oktober 2023 ist ernüchternd. Israel erklärte die Hamas-Struktur im Norden für demontiert — und tötete danach weiter Dutzende Sicherheitsfunktionäre. Das widerspricht sich nicht nur logisch, es widerspricht sich auch strategisch: Entweder war die Struktur nicht wirklich demontiert, oder die Nachfolgestrukturen sind bereits das neue Ziel. In beiden Fällen ist „demontiert“ eine Lagebeschreibung, die mit dem nächsten Angriff veraltet.
Der Mangel an einem politischen Nachkriegskonzept ist kein Vorwurf, der nur moralisch klingt — er ist eine operative Schwäche. Wer eine Ordnung zerstört, ohne eine andere zu errichten oder zu ermöglichen, produziert Unordnung. Unordnung im Gazastreifen bedeutet: Gruppen jenseits der Hamas füllen das Vakuum, humanitäre Versorgung bricht zusammen, die Verhandlungsposition für jedes künftige Abkommen wird für alle Seiten schlechter.
Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung. Es hat die Kapazität für punktuelle Militäroperationen. Was es bislang nicht vorgelegt hat, ist eine Antwort auf die Frage, welche Ordnung nach der Hamas gelten soll — wer Gaza regiert, wer Schutzrechte garantiert, wer Nahrung verteilt.
Die Antwort liegt nicht in Sheikh Radwan. Sie liegt in Jerusalem und Washington — und wird dort nicht geführt.
