Rafah, Juli 2026: Marokkanische und kosovarische Offiziere sind bereits eingetroffen. Ugandische Soldaten sollen folgen. 200 Mann, zwei Jahre Mandat, ein „Board of Peace" unter Donald Trumps Vorsitz. Israel hat dem Pilotprojekt zugestimmt; der UN-Sicherheitsrat hat Trumps Plan mit Resolution 2803 vom 17. November 2025 abgesegnet. Die Ankündigung wird als Durchbruch gehandelt.

Das stärkste Argument dafür verdient eine ehrliche Prüfung. Humanitäre Korridore, von einer neutralen Truppe gesichert, könnten tatsächlich Leben retten. Wo israelische Soldaten nicht präsent sind, wo weder Hamas noch eine funktionsfähige palästinensische Polizei die Grundordnung halten, entsteht ein Vakuum, das humanitäre Hilfe blockiert und bewaffnete Gruppen anzieht. Eine externe Sicherheitspräsenz kann dieses Vakuum zumindest provisorisch füllen. Das ist kein triviales Argument.

Aber es ist nicht das Argument, das die Befürworter wirklich meinen. Sie meinen: Die ISF ist der erste Schritt einer Nachkriegsordnung. Und genau das kann sie nicht sein.

Hier liegt der Kern der Sache — gemessen an der Effizienz-Achse, also daran, ob ein eingesetztes Mittel seinen erklärten Zweck erreicht. Sicherheit setzt Souveränität voraus, oder zumindest deren anerkannte Stellvertretung. Die ISF hat keine. Sie operiert in Gebieten, die Israel nicht kontrolliert — aber Israel behält die Kontrolle über den Zugang, über Genehmigungen für einzelne Kontingente, über das, was hineingeht und herauskommt. Die Hamas, die das Gelände politisch und militärisch prägt, lehnt Entwaffnung ab; ihr Sprecher nannte die ISF eine Gefahr der „internationalen Vormundschaft". Die palästinensische Übergangsverwaltung, die zivil regieren soll, hat keine demokratische Legitimation, keinen Apparat, keine Geschichte. Und der „Board of Peace", dessen Vorsitz Trump übernehmen soll, ist kein Mandat — er ist ein Markenname.

Was die genauen Regeln für den Waffeneinsatz der ISF sind, ist nicht veröffentlicht. Das Briefing der beteiligten Stellen spricht von der „Befugnis, alle notwendigen Mittel einzusetzen" — eine Formel, die alles bedeuten und nichts binden kann. Für eine Truppe, die in einem aktiven Konfliktgebiet operiert, in dem Hamas-Strukturen nicht aufgelöst sind, ist das keine Einsatzdoktrin. Es ist eine Haftungsabweisung.

Die Fähigkeits-Antithese schreibt sich fast von selbst: Die ISF ist gut darin, Anwesenheit zu signalisieren. Sie ist strukturell außerstande, die politische Ordnung herzustellen, von der ihre eigene Wirksamkeit abhängt.

Das Muster ist nicht neu. Die Geschichte internationaler Stabilisierungsmissionen — von UNMIK im Kosovo bis MINUSMA in Mali — zeigt: Externe Truppen können einen Waffenstillstand verlängern, manchmal Zivilisten schützen, selten humanitäre Lieferungen ermöglichen. Sie können keine Legitimitätslücke schließen. Wo die politische Frage offen bleibt, werden sie Teil des eingefrorenen Konflikts. Im Kosovo dauerte die internationale Verwaltung neun Jahre; die Statusfrage brannte trotzdem weiter. In Mali verließ die Mission das Land 2023, zehn Jahre nach ihrer Entsendung, ohne einen funktionsfähigen Staat zu hinterlassen.

Gaza ist kein Kosovo und kein Mali. Aber der strukturelle Fehler ist derselbe: Man schickt Soldaten dorthin, wo man keine politische Antwort hat, und nennt das Stabilisierung.

Der Wiederaufbau Gazas wird auf rund 70 Milliarden US-Dollar geschätzt — eine Fläche von 365 Quadratkilometern, auf der nach dem Krieg kaum ein Haus unversehrt steht. Wer zahlt, wer baut, wer entscheidet, wer kontrolliert: Keine dieser Fragen ist durch die Entsendung von 200 Soldaten auch nur berührt. Die palästinensische Autonomiebehörde soll bis Ende 2027 bereit sein, die Regierung Gazas zu übernehmen — über den Zeitrahmen hinaus, in dem das ISF-Mandat gilt. Was in der Zwischenzeit entsteht, ist keine Übergangsordnung. Es ist ein Dauerprovisiorium mit befristeten Truppen.

Extremistische Minister wie Itamar Ben-Gvir lehnen die ISF ab — nicht weil sie zu wenig Mandat hätte, sondern weil sie israelische Kontrolle einschränkt. Israel behält die Genehmigungspflicht für jedes Kontingent. Das ist kein neutrales Umfeld, das eine neutrale Truppe absichert; es ist ein Raum, in dem Israel entscheidet, wer Sicherheit produzieren darf und für wen.

Die ISF hat ein Mandat zur Demilitarisierung des Gazastreifens. Die Hamas hat ein Mandat zur Bewaffnung — in ihrer eigenen Logik: Solange israelische Truppen im Land sind, ist Entwaffnung Kapitulation. Wer zwischen diesen beiden Mandaten vermitteln soll, ist nicht benannt. Wer es notfalls erzwingen kann, erst recht nicht.

200 Soldaten in Rafah. Kein Souverän. Keine Einsatzregeln, die öffentlich Stand halten. Kein Wiederaufbaukonzept. Keine politische Perspektive vor 2028. Das ist keine Friedenssicherung. Es ist die Verwaltung des Ruins unter internationalem Briefkopf — und der Preis dafür liegt nicht bei den Truppen, sondern bei den Palästinensern, die in diesem Ruin leben.