Ein Schiff wurde angegriffen. Zwei Positionen stehen einander gegenüber — und dahinter liegt ein Verkehrsweg, der für den Krieg in der Ukraine erheblich mehr bedeutet als sein geringer Bekanntheitsgrad vermuten lässt.
Das Kaspische Meer ist kein Randmeer. Es ist das größte Binnengewässer der Erde — rund 371.000 Quadratkilometer, größer als Deutschland — und grenzt an fünf Staaten: Russland, Iran, Kasachstan, Turkmenistan und Aserbaidschan. Keiner dieser Anrainer ist NATO-Mitglied. Keiner lässt fremde Kriegsschiffe ein; das Teheraner Übereinkommen von 2003 sowie das Übereinkommen von Aktau (2018) reservieren das Meer ausdrücklich für die Anrainerstaaten. Für Russland bedeutet das: Die Kaspische See ist der einzige größere Seeweg, auf dem Güter aus dem Iran ankommen können, ohne ein NATO-kontrolliertes oder -überwachtes Seegebiet zu passieren.
Dieser Umstand hat in den vergangenen zwei Kriegsjahren politisches Gewicht bekommen.
Der Nord-Süd-Korridor als Sanktionsumgehungsroute
Der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC) verbindet Indien über den Iran und das Kaspische Meer mit Russland. Die Kernachse läuft von iranischen Häfen — vor allem Bandar Anzali und Amirabad am Kaspischen Ufer — per Schiff nach Astrachan, wo Güter in das russische Binnenwasserstraßennetz eingespeist werden: die Wolga, dann den Wolga-Don-Kanal, von dort theoretisch bis zum Schwarzen Meer. Dieser Korridor war vor dem Krieg primär ein Handelsprojekt, das Transitzeiten zwischen Indien und Nordeuropa verkürzen sollte. Seit 2022 hat er eine zweite Funktion.
Westliche Nachrichtendienste und Sanktionsbeobachter — darunter das ukrainische Verteidigungsministerium sowie die Forschungsgruppe Conflict Armament Research — haben wiederholt dokumentiert, dass Iran über diese Route Drohnen vom Typ Shahed-136 und verwandte Systeme nach Russland geliefert hat. Der exakte Umfang ist umstritten; unabhängige Verifikation ist schwierig, weil weder Russland noch Iran Einsichtnahme gestatten. Doch Schadensmuster an in der Ukraine geborgenen Trümmern, Seriennummern und Bauelemente deuten konsistent auf iranische Herkunft hin.
Bandar Anzali ist dabei der logische Verladepunkt: Der Hafen liegt an der kaspischen Küste der Provinz Gilan, hat Kapazitäten für Ro-Ro-Fracht (Roll-on/Roll-off, also Fahrzeuge und schweres Gerät) und ist über die iranischen Hauptstraßen mit den Produktionsstandorten verknüpft. Von Astrachan beträgt die Seestrecke je nach Route rund 450 bis 500 Kilometer — eine Nachtfahrt für ein Frachtschiff mittlerer Geschwindigkeit.
Was am 25. Juli passiert ist — und was unklar bleibt
Nach iranischen Angaben wurde am frühen Samstagmorgen ein Handelsschiff unter iranischer Flagge in Kaspischen Gewässern durch einen Ferndrohnenangriff getroffen. Außenminister Hossein Amirabdollahian bestellte den Leiter der ukrainischen Vertretung in Teheran ein und sprach mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas. Teheran bezeichnet den Angriff als Verstoß gegen Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta — das allgemeine Gewaltverbot — und behält sich das Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 vor.
Selenskyj bestätigte an demselben Tag Angriffe im Kaspischen Meer: Die Ukraine greife Schiffe an, die für militärische Frachttransporte mit iranischer Beteiligung eingesetzt würden; es gebe „solide Ergebnisse". Der SBU ergänzte, die angegriffenen Schiffe seien sanktioniert gewesen und hätten Rüstungsgüter transportiert.
Frachtpapiere, Zollunterlagen oder unabhängige Inspektionsberichte, die die Art der Ladung belegen würden: keine. Der Widerspruch zwischen „Handelsschiff" (Iran) und „Rüstungstransporter" (Ukraine) ist damit nicht aufgelöst. Beide Seiten haben ein offensichtliches Interesse an ihrer eigenen Darstellung.
Die Rechtsfrage: Kombattantenprivileg auf See
Das humanitäre Völkerrecht — konkret das erste Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen sowie das Gewohnheitsvölkerrecht — lässt den Angriff auf Handelsschiffe unter bestimmten Bedingungen zu: wenn das Schiff direkt an Feindseligkeiten teilnimmt oder wenn es militärisches Material transportiert, das für den Kampfeinsatz bestimmt ist. Letzteres ist als Konzept im Seekriegsrecht bekannt und in den San-Remo-Regeln von 1994 kodifiziert — einem nicht verbindlichen, aber weitgehend anerkannten Leitfaden. Sanktionierte Schiffe, die nachweislich Rüstungsgüter transportieren, könnten danach als Kriegskonterbande eingestuft und angegriffen werden.
Der Knackpunkt ist das Wort „nachweislich". Das Kaspische Meer unterliegt keinem westlichen Seerechtsregime, kein NATO-Verband inspiziert die Schiffe. Die Ukraine beansprucht die Klassifikation als Kriegskonterbande auf eigene Feststellung — ohne unabhängige Kontrolle. Das ist rechtlich möglich, aber die Rechtmäßigkeit jedes konkreten Angriffs hängt dann vollständig von der Belastbarkeit der eigenen Geheimdienstinformation ab. Trifft eine Drohne ein tatsächliches Zivilschiff ohne militärische Ladung, wäre das ein schwerer Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht — unabhängig davon, dass der Iran seinerseits durch die Rüstungslieferungen an Russland gegen UN-Sicherheitsratsresolutionen verstoßen hat.
Der Anspruch des Iran, das Kaspische Meer sei als Binnensee ausschließlich den Anrainern vorbehalten, ändert an dieser Analyse nichts: Das humanitäre Völkerrecht gilt im bewaffneten Konflikt auch in Binnengewässern.
Was die Verschiebung bedeutet
Der Schwarzmeerkrieg läuft seit 2022: Die Ukraine hat mit Seedrohnen russische Kriegsschiffe versenkt oder beschädigt und damit die russische Schwarzmeerflotte faktisch aus dem westlichen Schwarzmeer zurückgedrängt. Dieser Operationsraum ist dem Kaspischen Meer nicht vergleichbar — aber das Prinzip ist dasselbe: Versorgungswege als militärische Ziele. Im Schwarzen Meer war das strategisch gegen die russische Flotte gerichtet; im Kaspischen Meer richtet es sich gegen den Nachschub.
Das Kaspische Meer hat für Russland keine militärische Flotte von strategischer Bedeutung — die Kaspische Flottille umfasst einige Korvetten und Kleinkampfschiffe, kein Hochseekapital. Was dort läuft, ist Nachschub. Wenn die Ukraine diesen Weg unter Druck setzt, fehlt Russland ein Ausweichkorridor, der ähnlich unauffällig und sanktionsresistent wäre.
Ob eine regelmäßige, skalierte ukrainische Drohnenoperation im Kaspischen Meer möglich ist, hängt an Reichweite und Geheimdienstkapazität: Die kürzeste Distanz von ukrainisch kontrolliertem Territorium zu Bandar Anzali beträgt Luftlinie rund 2.000 Kilometer — das überschreitet die bewährte Reichweite der bisherigen ukrainischen Seedrohnen bei weitem. Welches System eingesetzt wurde, hat die Ukraine nicht spezifiziert. Das ist die zentrale offene technische Frage.
Ob weitere Angriffe folgen und ob sie wiederholbar sind, lässt sich bis Herbst 2026 an zwei Indikatoren ablesen: erstens an Versicherungsraten und Schiffsankünften in Bandar Anzali und Amirabad — steigen die Raten oder sinken die Anläufe, ist der Druck spürbar; zweitens daran, ob Iran seine Kaspische Handelsflotte sichtbar umroutet oder verstärkt schützt.
