Am 12. Mai 2026 wurde die Prüfung nach Aufdeckung von Übereinstimmungen zwischen einem vorab kursierenden Lösungsbogen und dem echten Aufgabenblatt annulliert. Mehrere Insider der National Testing Agency (NTA), der durchführenden Bundesbehörde, wurden festgenommen; das Zentralbüro für Ermittlungen (CBI) übernahm den Fall. Berichte verzeichnen mindestens zwölf Todesfälle unter Prüfungskandidaten, die in direktem Zusammenhang mit dem Stress nach Bekanntwerden der Lecks stehen sollen.

Was folgte, war kein Protestzyklus, wie ihn Indien kennt: keine Parteiführung, kein zentrales Organisationsbüro, keine Gewerkschaftsstruktur. Die CJP — der Name ist programmatische Ironie, „Kakerlaken" als Selbstbezeichnung derer, die man nicht loswerden kann — formierte sich auf X und Instagram, koordinierte Demonstrationen in Delhi, Mumbai und Kolkata und blieb 37 Tage auf der Straße. Am 25. Juli 2026 gab Dharmendra Pradhan auf X seinen Rücktritt bekannt, „aus tiefer Sorge um die Studenten". Präsidentin Droupadi Murmu akzeptierte den Rücktritt noch am selben Tag; Pralhad Joshi übernahm das Ressort.

Die Mechanik des Versagens

Die NEET ist keine gewöhnliche Prüfung. Sie ist der einzige Zugangskanal für alle staatlichen Medizinstudienplätze in Indien — zentralisiert unter der NTA, die seit 2017 für ihre Durchführung zuständig ist. In einem Land mit über 1,4 Milliarden Einwohnern und chronisch zu wenig Studienplätzen ist sie de facto ein Knappheitsinstrument: Wer besteht, hat Chancen; wer scheitert oder durch ein Leck benachteiligt wird, verliert womöglich Jahre.

Genau diese strukturelle Asymmetrie macht Lecks politisch explosiv. Ein Papierdiebstahl bei einer optionalen Hochschulprüfung wäre eine Behördenpanne. Ein Papierdiebstahl bei der NEET ist ein Angriff auf die Lebenschancen von zwei Millionen Bewerbern gleichzeitig — eine Fläche so groß wie die Bevölkerung Hamburgs, multipliziert mit dreißig.

Gegen die NTA existierten schon vor 2026 Vorwürfe: Leckage-Vorfälle 2024, konzentrierte Netzwerke von Prüfungscoaching-Centern, die interne Behördenverbindungen pflegen, strukturelle Interessenkonflikte zwischen der durchführenden Stelle und dem prüfenden Ministerium. Das K.-Radhakrishnan-Komitee, 2024 eingesetzt, formulierte 101 Empfehlungen zur Systemreform — darunter eine institutionelle Trennung von Prüfungsdurchführung und Bildungsministerium sowie verschärfte Sicherheitsprotokolle für Testunterlagen. Die Umsetzungsquote bis zur NEET 2026: nicht vollständig dokumentiert, von der Opposition als unzureichend bewertet.

Modis Reaktionsschema und seine Grenzen

Modis Antwort folgte einem vertrauten Muster. Er akzeptierte Pradhans Rücktritt — der laut Medienberichten auf seinen Rat hin erfolgte — und kündigte eine hochrangige Task Force unter Leitung von Nandan Nilekani an, dem Mitgründer von Infosys und Architekten des Aadhaar-Identitätssystems. Außerdem wurden Schnellgerichte für Prüfungsbetrugs-Fälle in Aussicht gestellt.

Die Kongresspartei nannte die Task Force einen „hochrangigen Versuch, das beschädigte Image des Premiers zu reparieren". Der Einwand hat eine Substanz, die über Parteitaktik hinausgeht: Es ist die zweite Kommission innerhalb von zwei Jahren, die sich mit demselben Problemfeld befasst. Dass Nilekani — technologischer Pragmatiker, politisch unverdächtig — die Leitung übernimmt, verleiht dem Gremium Glaubwürdigkeit. Die Frage, die sein Bericht nicht beantworten kann, ist die nach dem institutionellen Willen zur Umsetzung.

Pradhan ist der zweite Unionsminister unter Modi, der nach einem öffentlichkeitswirksamen Skandal zurücktrat; der erste war M. J. Akbar 2018 im Zuge der #MeToo-Debatte. Die BJP hat das Instrument des kontrollierten Rücktritts — Schadensbegrenzung durch geordneten Abgang — schon einmal eingesetzt. Die Parteistruktur bleibt nach innen unerschüttert: Pradhan galt als loyaler Kabinettssoldat, nicht als Machtzentrum.

Das Wachstumsversprechen und seine Bildungsvoraussetzung

Hier liegt der systemische Befund, den die NEET-Krise freilegt. Modis Wirtschaftsversprechen — Indien als globaler Produktionsstandort, „Make in India", demografische Dividende durch eine junge Bevölkerung — setzt voraus, dass diese Bevölkerung eine Qualifikation erwirbt, die auf dem Weltmarkt verwertbar ist. Die National Education Policy (NEP) 2020 hat strukturelle Änderungen angestoßen: eine neue Schulstufengliederung (5+3+3+4), kompetenzbasiertes Lernen, verstärkte Digitalbildung. Die Umsetzungsquote wird für 2026 auf etwa 67 Prozent geschätzt — ein Wert, der die Lücke zwischen bildungspolitischem Anspruch und administrativer Realität benennt, nicht schließt.

Das NEET-System war dabei ein Puzzlestück, das Zentralisierung und Effizienz symbolisieren sollte: eine einheitliche Prüfung statt Dutzender unkoordinierter Landesverfahren. Das Symbol ist jetzt gebrochen. Wenn der zentrale Mechanismus, der Meritokratie garantieren soll, durch Insider untergraben werden kann, ist nicht nur eine Prüfung gescheitert — dann ist die Erzählung vom leistungsbasierten Aufstieg beschädigt.

Sonam Wangchuk, Bildungsreformer und Klimaaktivist mit erheblicher Follower-Basis, beendete nach 26 Tagen seinen Hungerstreik, nachdem der Rücktritt bekannt wurde. Die CJP rief die Demonstrationen ab, unter der Bedingung, dass keine strafrechtlichen Maßnahmen gegen Teilnehmer ergriffen werden. Ob alle weitergehenden Forderungen — institutionelle NTA-Reform, Entschädigung der annullierten Kandidaten, Neuterminierung unter unabhängiger Aufsicht — erfüllt werden, ist offen.

Woran sich der Ausgang erkennen lässt

Nilekani hat Aadhaar gebaut — ein Identitätssystem, das Indien in wenigen Jahren flächendeckend einführte. Dass Modi ihn wählt, signalisiert den Wunsch nach einem technischen Durchbruch, nicht nach einer Verwaltungsreform. Ob das ausreicht, lässt sich an einem spezifischen Indikator ablesen: Legt die Task Force bis Ende 2026 einen Vorschlag vor, der die institutionelle Trennung von Prüfungsdurchführung und Bildungsministerium gesetzlich verankert — also die Struktur angreift, die Interessenkonflikte erst ermöglicht —, wäre das mehr als das Radhakrishnan-Komitee erreicht hat. Bleibt es bei Digitalisierungsempfehlungen und schärferen Strafen, hat die nächste Generation der CJP ihren nächsten Auftritt bereits gebucht.