Am 7. Januar 2026 einigten sich Israel und Syrien unter US-amerikanischer Aufsicht auf einen Kommunikationskanal zur Koordinierung von Geheimdienst-, Sicherheits- und Handelsfragen. Keine Fanfare, keine gemeinsame Pressemitteilung — ein diskretes Instrument, das Missverständnisse verhindern soll zwischen zwei Staaten, die seit 1948 offiziell im Kriegszustand sind.

Sechs Monate später spricht al-Scharaa in einem Interview mit Al-Dschasira von einem angestrebten Sicherheitsabkommen, das mehrere beteiligte Länder einschließe und den Weg zu einem umfassenden Frieden ebnen solle. Den Anspruch auf die Golanhöhen werde Syrien dabei nicht aufgeben.

Damit ist das Grundgerüst des Problems benannt. Syrien will Sicherheit ohne Preis, Israel will Normalität ohne Konzession, und zwischen beiden liegt ein Plateau von rund 1.150 Quadratkilometern, das seit 1981 israelisch annektiert ist — eine Annexion, die der UN-Sicherheitsrat in Resolution 497 einstimmig für null und nichtig erklärt hat und die außer den USA kein Staat der Erde anerkennt.

Was al-Scharaa antreibt

Die syrische Übergangsregierung, geführt von der früheren Rebellenbewegung Hay'at Tahrir al-Sham, hat seit dem Sturz Baschar al-Assads im Dezember 2024 ein strukturelles Problem: Sie kontrolliert nicht das gesamte Territorium, das sie beansprucht. Im Norden ist die Türkei mit eigenen Verbänden präsent, im Nordosten halten die kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces ihre Gebiete, im Süden greift Israel wiederholt militärisch ein — zur Zerstörung von Waffenlagern, zur Reaktion auf Gewalt gegen die drusische Minderheit, zur Absicherung einer selbst ausgeweiteten Pufferzone nach dem Assad-Sturz.

Für eine Regierung, die Staatlichkeit aufbauen muss, ist dieser Zustand existenziell bedrohlich. Jeder externe Akteur, der ungehindert Militärschläge führen kann, untergräbt die innenpolitische Glaubwürdigkeit al-Scharaas. Ein Sicherheitsabkommen mit Israel — selbst ein minimales — würde diese Schläge in einen geregelten Rahmen zwingen. Es wäre kein Friedensvertrag, sondern ein Mechanismus zur Begrenzung von Eskalation.

Hinzu kommt das Kalkül gegenüber dem Iran. Teheran hatte im Assad-Syrien seinen Landkorridor zum Libanon, seine Hisbollah-Versorgungsroute, seinen strategischen Brückenkopf zum Mittelmeer. Al-Scharaa hat kein Interesse daran, dieses Erbe anzutreten. Eine Annäherung an Israel signalisiert Washington, Riad und Brüssel, dass Damaskus den Iran-Einfluss nicht perpetuiert — und verbessert die Chancen auf Sanktionserleichterungen und Wiederaufbauhilfe, beides dringend benötigt.

Die internationale Staatengruppe als Hebel

Al-Scharaa hat mehrfach betont, mehrere Länder seien in die Verhandlungen eingebunden. Namen nennt er nicht vollständig, aber die Struktur ist erkennbar: Die USA vermitteln den Kommunikationskanal, Katar gilt als möglicher Unterhändler, Saudi-Arabien und die Golfstaaten üben eigenen Druck auf Israel aus — sie forderten Jerusalem zum Rückzug aus syrischem Gebiet auf und haben eine Normalisierung mit Israel an diesen Rückzug geknüpft.

Das ist das Hebelprinzip, das al-Scharaa meint: Syrien allein kann Israel nicht zu einer Kurskorrektur bewegen. Eine Gruppe arabischer Staaten plus US-Engagement erzeugt einen Verhandlungsrahmen, in dem israelische Konzessionen möglich werden, ohne als bilaterale Schwäche zu erscheinen. Die Türkei verkompliziert dieses Bild — Ankara hat erheblichen Einfluss im Norden Syriens und pflegt eine Rivalität mit Israel in der Region, die Koordination erschwert, selbst wo gemeinsame Interessen bestehen.

Der Golan als struktureller Knoten

Die Golanhöhen sind in dieser Konstellation kein verhandelbares Element, sondern ein Definitionsproblem. Syrien kann den Anspruch nicht aufgeben, ohne innenpolitisch zu scheitern — jede syrische Verfassung, jede öffentliche Position der Übergangsregierung enthält ihn. Israel kann den Golan nicht zurückgeben, ohne seine eigene Koalition zu sprengen und eine strategisch wertvolle Höhenlage aufzuopfern, die Militärplaner seit 1967 als unverzichtbar bezeichnen.

Die Geschichte zeigt, wo das hinführt. Die Madrider Konferenz 1991 brachte Israel und Syrien erstmals an einen Tisch — das Prinzip „Land für Frieden" stand im Raum, scheiterte aber an innenpolitischen Blokaden beider Seiten. Die Verhandlungsrunden 1999 und 2000 unter US-Vermittlung kamen dem Abschluss näher: Berichte zufolge waren sich die Parteien über einen Rückzug Israels weitgehend einig, bis der Streit über den Zugang zum See Genezareth und über den genauen Grenzverlauf am Seeufer die Gespräche beendete. Selbst unter Ariel Scharon gab es diskreten Kontakt, ohne dass daraus eine offizielle Verhandlungsrunde wurde.

Der Befund dieser Präzedenzfälle ist eindeutig: Sobald der Golan die Verhandlungsagenda betritt, verlässt er sie als Einigung nicht. Das liegt nicht allein an böser Absicht beider Seiten, sondern an einer strukturellen Inkompatibilität: Syriens Minimalposition und Israels Maximalposition überlappen sich nicht.

Was das angestrebte Abkommen leisten kann — und was nicht

Unter diesen Bedingungen ist die realistischste Interpretation von al-Scharaas Initiative keine Friedensdiplomatie im klassischen Sinn, sondern Deeskalationsmanagement. Ein Sicherheitsabkommen, das die Truppenpräsenz im Grenzgebiet regelt, Eskalationsmechanismen einrichtet und israelische Militärschläge in einen vorhersehbaren Rahmen überführt, wäre funktional erreichbar — ohne den Golan zu berühren. Der Kommunikationskanal vom Januar 2026 deutet genau in diese Richtung.

Die Frage ist, ob al-Scharaa innenpolitisch durchhält, wenn er diese Begrenzung offenbart. Der öffentliche Framing — Sicherheitsabkommen als Weg zu umfassendem Frieden — weckt Erwartungen, die ein funktionales Deeskalationsregime nicht erfüllen kann. Die syrische Öffentlichkeit hat den Golan nicht vergessen, und die Übergangsregierung sitzt auf einer fragilen Machtbasis, die keine sichtbare Konzession an Israel erlaubt.

Israel seinerseits hat Bedingungen gestellt, die über den Golan hinausgehen: vollständige Demilitarisierung im Süden Syriens, Schutz der Drusen, keine feindlichen Milizen im Grenzgebiet. Das sind Forderungen, die al-Scharaa nicht vollständig erfüllen kann — die syrische Armee befindet sich im Aufbau, die Integration diverser Milizen ist unabgeschlossen, und was „feindlich" bedeutet, definiert Israel.

Drei Monate als Prüfhorizont

Ob der eingeschlagene Weg zu einem belastbaren Rahmen führt oder im Ungefähren verbleibt, wird sich an konkreten Schritten ablesen lassen: Hält Israel weitere Großangriffe auf syrisches Gebiet zurück? Zieht es Kräfte aus der ausgeweiteten Pufferzone zurück? Und liefert der Kommunikationskanal messbare Ergebnisse — weniger Zwischenfälle, klarere Absprachen über Grenzregeln?

Bleiben diese Schritte aus, ist al-Scharaas Initiative das, was viele Nahost-Verhandlungen sind: ein Signal an westliche Hauptstädte und Geldgeber, dass Damaskus kooperationswillig ist — kein Abkommen, sondern sein Versprechen.