Drei Viertel verlieren. Das ist kein Warnhinweis auf einem Beipackzettel, den niemand liest — das ist das Ergebnis. Die BaFin hat zwischen 2019 und 2023 den deutschen Markt für Turbo-Zertifikate untersucht: Knapp drei Viertel der Kleinanleger machten Verluste, im Schnitt 6.358 Euro pro Person. Bei Anlegern mit über 1.000 Transaktionen lag die Verlustquote bei 91 Prozent. Für CFDs melden Broker in der EU, dass 74 bis 89 Prozent der Kleinanlegerkonten Verluste schreiben. Perpetual Futures sind strukturell verwandt: unbegrenzte Laufzeit, Hebelwirkung, tägliche Funding-Gebühren zwischen Long- und Short-Positionen als Preisanker.

Am 29. Mai 2026 hat die CFTC den ersten Bitcoin Perpetual Contract auf einer registrierten US-Börse, KalshiEX, zugelassen. Der globale Markt für diese Produkte hatte 2025 ein Volumen von 61,7 Billionen Dollar — fast ausschließlich auf Offshore-Plattformen, außerhalb US-amerikanischer Aufsicht. Die CFTC nennt das einen Fortschritt: „verantwortungsvolle Innovation", so CFTC-Vorsitzender Michael S. Selig. Einlösen lässt sich das Versprechen an den Details, die das Policy Statement noch offenlässt: Marginanforderungen, Positionsgrenzen, Berichtsregeln — alles Fall-zu-Fall.

Das stärkste Argument der Deregulierungsbefürworter verdient eine ernsthafte Fassung, bevor man es auseinandernimmt. Senatorin Cynthia Lummis und ihr Responsible Financial Innovation Act stehen für die Position: Wenn Amerikaner ohnehin Perpetual Futures handeln, tun sie es besser auf geregelten Plätzen unter US-Aufsicht als auf Binance ohne Rückgriffsmöglichkeit. Regulatorische Klarheit zieht Liquidität an, zieht Kapitalanforderungen nach sich, schafft Haftungsstrecken. Der Vergleich ist nicht ohne Gewicht: Wer FTX und den Zusammenbruch von 2022 als Argument für mehr Offshore nennt, hat die Reihenfolge umgedreht.

Nur zerschellt dieses Argument an einem Detail, das das Briefing klar formuliert: Es gibt keine belastbaren Daten, die zeigen, dass regulierte Umgebungen die Verlustquoten bei hochgehebelten Derivaten strukturell senken. Was regulierte Umgebungen liefern, sind Risikohinweise, Wissenstests, standardisierte Warnformulare. Die BaFin hat all das für Turbo-Zertifikate ab dem 16. Juni 2026 eingeführt — nachdem die Verlustdaten vorlagen. Drei Viertel haben trotzdem verloren. Die Regulierung kommt hinter den Verlusten her, nicht vor ihnen.

Was in den USA dazukommt, ist ein Interessenkonflikt von institutioneller Qualität. Die Trump-Administration hat im Januar 2025 einen „Strategic Bitcoin Reserve" eingerichtet, eine Arbeitsgruppe für digitale Vermögensmärkte eingesetzt und eine Reihe von Klagen der SEC gegen Krypto-Unternehmen fallen gelassen. Gleichzeitig bewegt Donald Trump mit handelspolitischer Rhetorik und geopolitischen Eskalationen — Iran, Straße von Hormus — sowohl Ölpreise als auch Bitcoin-Kurse. Er ist Marktregulator, Marktkommentator und Marktteilnehmer in Personalunion. Wer in diesem Umfeld Bitcoin Perpetual Futures mit bis zu 100-fachem Hebel handelt, wettet nicht nur auf den Kurs. Er wettet auf die Berechenbarkeit eines Mannes, der Unberechenbarkeit zur Methode erklärt hat.

Das ist die eigentliche Systemfrage, nicht die technische: Wer trägt das Risiko, wenn ein staatlich lizenziertes Instrument in einem politisch volatilen Markt in die falsche Richtung läuft? Nicht der Emittent, dessen Gebühren bei jeder Transaktion fließen. Nicht die Börse, die die Zulassung beantragt hat. Nicht die CFTC, die das Policy Statement Fall-zu-Fall schreibt.

Gut darin, die Offshore-Probleme zu benennen. Schwächer darin, zu erklären, warum dieselben Anleger mit staatlichem Stempel besser abschneiden sollen.

Wall Street wartet ab — das ist die diskreteste Aussage in diesem Vorgang. Institutionelle Investoren mit eigenen Risikomanagement-Abteilungen, Kapitalanforderungen und Haftungsregeln treten nicht ein, solange „weitere Marktliquidität, klare Kapitalanforderungen und regulatorische Sicherheit" fehlen. Für Privatanleger gilt diese Vorsicht offenbar nicht, weil sie keine Risikomanagement-Abteilung haben — und weil die Lizenz bereits erteilt ist.

Die Verlustquote von 91 Prozent bei Vielhandlern ist keine Warnung mehr. Sie ist eine Beschreibung dessen, was kommt.