Ende Juli 2026 zogen zwischen 25.000 und 40.000 Menschen durch Palma de Mallorca. Transparent: „Menys Turisme, Més Vida" — Weniger Tourismus, mehr Leben. Zur gleichen Zeit erwartete die Balearen-Regierung das zweite Rekordjahr in Folge: 2025 hatte der Flughafen Palma rund 33,8 Millionen Passagiere abgefertigt, 2024 kamen über 13,3 Millionen Besucher auf die Insel.
Palma und Venedig sind verschieden groß, verschieden alt und verschieden kaputt. Was sie teilen, ist eine Logik: Die Stadt beklagt, was der Tourismus anrichtet, und finanziert sich gleichzeitig über ihn.
Das venezianische Experiment
Venedig hat 2024 als erste europäische Großstadt Eintrittsgelder für Tagesbesucher eingeführt — fünf Euro pro Person an ausgewählten Tagen, zahlbar per App. Mehr als 650.000 Tagesbesucher leisteten die Zahlung; das Ergebnis: über fünf Millionen Euro Einnahmen. Die Stadtregierung nannte das einen Erfolg. Ob die Besucherzahl dadurch sank, ist eine andere Frage. Die Europäische Kommission beobachtet das Modell als Pilotprojekt für nachhaltigen Stadttourismus.
Wofür das Geld verwendet wird, ist weniger klar. Venedigs historische Altstadt — als UNESCO-Weltkulturerbe eingetragen und strukturell durch Grundwasserabsenkung, Schiffsschwell und Salzkorrosion beschädigt — benötigt nach Schätzungen des Istituto Superiore per la Conservazione ed il Restauro eine laufende Investition im dreistelligen Millionenbereich jährlich. Die fünf Millionen Euro Eintrittsgelder entsprechen einem Bruchteil davon. Eine gesetzliche Zweckbindung dieser Mittel für Bausubstanz oder Infrastruktur existiert im venezianischen Modell nicht — sie fließen in den allgemeinen Stadthaushalt.
Die Abgabe ist damit kein Erhaltungsfonds. Sie ist eine Gebühr, die das Recht zur Weiterexistenz des Problems verbrieft.
Mallorcas Ecotasa: zweckgebunden, aber undurchsichtig
Auf den Balearen funktioniert das anders — und ähnlich. Die Ecotasa, die Steuer für nachhaltigen Tourismus, ist gesetzlich zweckgebunden: Einnahmen dürfen nur für Umweltschutzprojekte, Kulturerbe und die Förderung nachhaltigen Tourismus verwendet werden. Das klingt nach mehr Konsequenz als Venedig.
Die Praxis ist trüber. Welche konkreten Projekte mit welchen Summen gefördert werden, weist die Inselregierung nicht transparent aus. Zweckbindung ohne Buchungsnachweis ist eine politische Geste, kein fiskalisches Instrument.
Gleichzeitig fehlt der Gegenseite der Gleichung. Weder die Gemeinde Palma noch die Balearen-Regierung haben die kommunalen Folgekosten des Tourismus — Reinigung, Müllentsorgung, Sicherheit, Infrastrukturverschleiß — in einem öffentlichen Bericht den Einnahmen gegenübergestellt. Das ist kein Zufall. Wer die Gegenrechnung nicht aufmacht, muss sie nicht erklären.
Der strukturelle Widerspruch
Das Dilemma beider Städte ist dasselbe: Eine kommunale Abgabe auf Tourismus löst einen fiskalischen Anreiz aus, den Tourismus beizubehalten. Wer weniger Gäste will, verliert Einnahmen — aus der Ecotasa, aus der Kurtaxe, aus der Mehrwertsteuer auf Hotelbetten und Restaurantmahlzeiten. Für Palma gilt das umso mehr, als der Tourismus mehr als 45 Prozent der balearischen Wirtschaftsleistung trägt.
Die Protestbewegung „Menys Turisme, Més Vida" hat das verstanden, ohne es direkt zu benennen. Ihre Forderungen zielen nicht auf die Abgabe, sondern auf den Markt: Lizenzstopp für neue Ferienunterkünfte — in Palma seit Februar 2026 in Kraft, unbefristet. Keine Verlängerung auslaufender Lizenzen. Mietpreisbindung für angespannte Wohnungsmärkte, sogenannte „zonas tensionadas", wie sie das balearische Wohnraumgesetz theoretisch vorsieht, die Regierung aber nicht ausruft. Reduzierung der Mietwagenflotte.
Das sind Eingriffe in das Angebotsvolumen, nicht in den Preis des Zugangs. Der Unterschied ist politisch erheblich: Obergrenzen für Touristen und Eintrittsgelder regulieren die Nachfrage — und schaffen dabei eine Zahlungsbereitschaftsfrage, die ärmere Reisende stärker trifft als reiche. Lizenzsperren und Mietrecht regulieren die Angebotsstruktur und treffen Investoren und Eigentümer.
Die Balearen-Regierung unter Ministerpräsidentin Marga Prohens hat Ersteres teils umgesetzt und Letzteres teils verweigert. Eine Mietpreisbremse lehnte sie ab — mit dem Argument, sie verknappe das Angebot. Wohnungsbau soll stattdessen liefern, wobei konkrete Projekte, Fristen und Volumina bislang nicht ausgewiesen sind.
Was das Modell trägt — und was es nicht trägt
Kommunale Lenkungsabgaben im Tourismus haben einen realen Effekt: Sie erzeugen Bewusstsein für externe Kosten, sie finanzieren — wenn zweckgebunden und transparent — konkrete Maßnahmen, und sie können, wenn der Preis hoch genug ist, die Besucherzusammensetzung verschieben. Venedigs fünf Euro tun das nicht; die Preiselastizität von Tagesausflüglern in der Lagunenstadt ist zu niedrig. Eine Wirkungsstudie dazu liegt noch nicht vor.
Obergrenzen dagegen erzeugen das Gegenteil eines Preismechanismus: Sie ratifizieren die aktuelle Verteilung von Zugangschancen und übergeben die Steuerung an Verwaltungskapazität — die in keiner der beiden Kommunen im Überschuss vorhanden ist.
Was beide Instrumente gemeinsam nicht leisten: den Wohnungsmarkt entlasten. Dafür braucht es Mietrecht, Bodenrecht, Baugenehmigungsrecht — alles Zuständigkeiten, die teils bei der Regionalregierung, teils beim Nationalstaat liegen, und keine davon lässt sich mit einer Tagespauschale kaufen.
Ob das Palma-Paket — Lizenzstopp, Angebotsrückbau, verschärfte Kontrollen illegaler Vermietung — die Mietkostenentwicklung bis 2028 messbar verlangsamt, wird sich zeigen. Der Wohnungsmarkt auf Mallorca, wo unter 1.500 Euro monatlich kaum noch eine Wohnung zu finden ist, reagiert träge auf regulatorische Eingriffe. Der nächste Sommer kommt schneller.
