Zwischen Juli und August bewegt sich der Kiefernprozessionsspinner durch Brandenburgs Forste. Die Raupen marschieren in charakteristischen Kolonnen, die Brennhaare — mikroskopisch kleine Widerhaken — bleiben nach dem Abzug der Tiere jahrelang im Boden liegen. Für Hunde, die am Boden schnüffeln, ist das Risiko besonders hoch: Die Haare können in Schleimhäute eindringen und ernsthafte Entzündungen auslösen. Für Menschen bedeuten sie vor allem Hautreizungen, Augenreizungen und Atemwegsbeschwerden.
Das Gesundheitsamt des Landkreises Ostprignitz-Ruppin hat Anfang der Saison vor vermehrtem Auftreten in Neuruppin gewarnt. Teltow-Fläming berichtete vor allem aus den Waldgemeinden Borkheide und Borkwalde. Eine flächendeckende Kartierung für alle Brandenburger Landkreise liegt für 2026 noch nicht vor; Vergleichszahlen zur Nachweisdichte aus dem Vorjahr fehlen in den bisherigen behördlichen Berichten.
Was die Abfolge verrät. Dass in einer Saison erst der Eichenprozessionsspinner, dann der Kiefernprozessionsspinner auf dem Vormarsch ist, ist keine Koinzidenz. Beide Arten profitieren von milden Wintern, die die Überwinterungsrate der Eier erhöhen, und von Trockenphasen, die Bäume schwächen und ihre chemischen Abwehrstoffe reduzieren. Die klassische Forstwirtschaft arbeitete lange mit Schadschwellenmodellen, die Einzelereignisse bewerteten: Liegt der Befall unter einer definierten Dichte je Hektar, wird nicht eingegriffen. Diese Schwellen entstanden in einer Zeit, als Extremsommer und Trockenheit als Ausnahmen galten. Die Waldschutzinformation des Landesbetriebs Forst Brandenburg aus Juli 2025 dokumentiert die Beobachtungslogik — flächige Gefährdungsprognose erst nach Überschreitung festgelegter Ei-Dichten — ohne auf veränderte Klimagrundlagen einzugehen.
Brandenburg hat ein strukturelles Problem: Rund 70 Prozent seiner Waldfläche sind Kiefernforste, historisch angepflanzte Monokulturen auf Sandböden, die seit dem 18. und 19. Jahrhundert bewirtschaftet werden. Diese Homogenität ist ökologisch fragil. Wo ein Schädling eine passende Wirtspflanze findet, findet er Millionen davon. Kahlfraß durch den Kiefernspinner hat es in Brandenburg in zurückliegenden Dekaden wiederholt gegeben; die Waldschutzdaten des Landes für 2023 dokumentieren erhebliche Schäden durch Sturm- und Trockenholz, ohne spezifische Kiefernspinner-Zahlen auszuweisen — was die Einordnung erschwert, da verschiedene Stressoren in denselben Beständen wirken.
Das Bekämpfungsdilemma. Beim Eichenprozessionsspinner hat sich der Einsatz von Bacillus thuringiensis var. kurstaki — in der Formulierung Dipel ES — aus der Luft bewährt. Das Bakterium tötet Schmetterlingsraupen selektiv, gilt als verträglich für Warmblüter und ist naturschutzrechtlich akzeptabler als synthetische Insektizide. Für den Kiefernprozessionsspinner ist die Sachlage komplizierter: Die Raupen befallen Nadeln in Kronenbereichen, die für Sprühfahrzeuge am Boden schwer erreichbar sind; Luftbehandlungen erfordern Einzelgenehmigungen, Windstille, exaktes Timing im frühen Raupenstadium. Das Pflanzenschutzgesetz verlangt zudem, dass biologische, biotechnische oder mechanische Verfahren Vorrang vor chemischen Mitteln haben — eine Hierarchie, die der NABU Brandenburg ausdrücklich einfordert und die die Handlungsspielräume der Forstbehörden faktisch einengt. Direkte behördliche Änderungen der Bekämpfungsvorgaben für 2026 sind aus den vorliegenden Quellen nicht belegbar; das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ist die zuständige Zulassungsbehörde für Pflanzenschutzmittel.
Ökonomische Lage. Forstwirtschaftliche Verbände prognostizieren Verluste durch den anhaltenden Schädlingsbefall, konkrete Zahlen für die Holzernte 2026 liegen nicht vor. Eine Studie im Journal für Kulturpflanzen aus April 2025 hat versucht, die ökonomischen Kosten von Waldschutzmaßnahmen gegen den Kiefernspinner in Brandenburg zu bewerten — als Fallstudie, nicht als landesweite Hochrechnung. Das Muster ist bekannt: Kahlfraß schwächt Kiefern, geschwächte Kiefern werden anfällig für Borkenkäfer und Pilzkrankheiten, das so gestresste Holz verliert Qualitätsstufen oder muss als Schadholz vermarktet werden, zu niedrigen Preisen. Der Schaden ist kumulativ, nicht episodisch.
Was die Schadschwellen nicht messen. Das eigentliche analytische Problem liegt in der Zeitverzögerung zwischen Klimadaten und forstwirtschaftlicher Praxis. Die Schadschwellenmodelle, die den Eingriff rechtfertigen oder verweigern, wurden entwickelt, als die durchschnittlichen Sommertemperaturen in Brandenburg um ein bis zwei Grad niedriger lagen als heute, als Frostperioden die Überwinterungsrate der Eier zuverlässig drückten. Dass nun Eichenprozessionsspinner und Kiefernprozessionsspinner in derselben Saison auf dem Vormarsch sind, lässt sich mit diesen Modellen nicht angemessen erfassen: Sie wurden für Einzelereignisse gebaut, nicht für chronischen Mehrfachstress in geschwächten Beständen.
Ob die aktuellen Schadschwellen des Landesbetriebs Forst Brandenburg den klimatisch veränderten Ausgangsbedingungen noch entsprechen, ist die Frage, die sich in drei bis fünf Jahren beantworten lässt — dann nämlich, wenn die Monitoring-Daten aus 2025 und 2026 in die periodischen Waldschutzberichte eingehen und zeigen, ob die Eingriffsschwellen tatsächlich überschritten wurden oder ob die Behörden mangels Anpassung zu spät handelten.
