Gunther von Hagens hat dreißig Jahre lang versprochen, den Tod ehrlich zu zeigen. Er hat ihn poliert, beleuchtet und in 58 Millionen Besucher-Begegnungen überführt. Was davon bleibt, ist keine Antwort auf die Frage nach dem Tod — sondern ein Befund über die Art, wie wir ihr ausweichen.
Das verdient Respekt und Kritik zugleich, und beides an derselben Sache.
Die Plastination, 1977 in Heidelberg entwickelt und 1995 erstmals in Tokio öffentlich ausgestellt, war zunächst ein genuiner wissenschaftlicher Durchbruch. Wasser und Fett durch Kunststoff zu ersetzen — bis zu 1.500 Arbeitsstunden pro Exponat, Kosten bis zu 50.000 Euro — schuf Präparate von einer Detailschärfe, die kein Lehrbuch erreicht. Universitätsinstitute weltweit nutzen das Verfahren. Diese Seite des Werks ist unbestritten: Wer einen menschlichen Körper von innen verstehen will, sieht bei von Hagens etwas Wirkliches.
Das Stärkste, was seine Verteidiger sagen können, ist daher nicht wenig: „Körperwelten" hat Millionen Menschen an Anatomie, Krankheit und leibliche Vergänglichkeit herangeführt, die sonst nie ein Präparat berührt hätten. Philosophen wie Franz-Josef Wetz argumentierten, die Plastinate seien keine Leichen im religiösen Sinne, sondern transformierte Körper — und das Unbehagen daran sei oft eher konfessionell als rational begründet. Es stimmt, dass ein Großteil der frühen Kritik aus Kirchenkreisen kam und die Ausstellungen gerichtlich standhielten: Deutsche Verwaltungsgerichte entschieden, dass plastinierte Körper keiner Bestattungsgenehmigung bedürfen, solange sie didaktischen Zwecken dienen.
Aber genau dort, wo die Verteidiger die stärkste Linie ziehen, liegt das Problem vergraben.
„Körperwelten" diente nicht nur didaktischen Zwecken. Es war ein kommerzielles Spektakel, das dem Tod seine Sperrigkeit ausgetrieben hat. Plastinate in Radsportpose, in Schachspielerhaltung, in Bewegungsstudien, die an Degas erinnern — das ist keine Anatomie, das ist Choreografie. Die Muskelpräparate, die im Berliner Körperwelten-Museum seit Jahren als Dauerausstellung hängen, haben denselben Status wie ein Naturkundemuseum: Der Besucher tritt ein, zahlt, staunt, geht. Der Tod als erlebte Zumutung wird zur begehbaren Installation. Was einst Schauder erzeugte, wird Sonderschau.
Das ist die eigentliche Leistung von Hagens' — und ihr Preis. Wer den Tod ins Eventformat überführt, domestiziert ihn. Die Ausstellung verspricht Aufklärung und liefert Distanzierung: Man hat den Tod gesehen, von einem Meter Abstand, hinter Glasvitrinen, mit Audiodeskription und Museumscafé im Anschluss. Das Unbehagen, mit dem Gesellschaften seit Jahrhunderten auf den toten Körper reagierten, war nicht nur Aberglauben. Es war eine Reaktion auf etwas, das der Erfahrung von Endlichkeit nah ist. „Körperwelten" hat dieses Unbehagen zur Eintrittskarte gemacht.
Die rechtlichen Verhältnisse verstärkten das Problem, anstatt es zu rahmen. Das Verwaltungsgericht Berlin verlangte zwar für jedes Exponat eine ausreichende Einverständniserklärung des Körperspenders — doch wer kontrolliert das unabhängig? Eine staatliche Aufsichtsbehörde für kommerzielle Körperspendeprogramme existiert in Deutschland nicht. Das Institut für Plastination verweist auf schriftliche Verfügungen; was das im Einzelfall bedeutet, bleibt intern. Universitätsinstitute wie Tübingen lehnen Präparate kommerzieller Anbieter aus genau diesem Grund ab und orientieren sich an den Richtlinien der World Federation of Anatomical Societies (WFAS) — Informed Consent, Einbeziehung der Angehörigen, Ausschluss kommerzieller Verwertung. Über 22.000 registrierte Körperspender weltweit haben dem Institut für Plastination ihr Einverständnis gegeben; wie viele von ihnen vollständig darüber aufgeklärt wurden, dass ihr Körper in Radsportpose neben einem Museumsshop stehen könnte, ist nicht öffentlich dokumentiert.
Vorwürfe, einzelne Exponate stammten aus China ohne Zustimmung der Verstorbenen oder ihrer Angehörigen, wurden nie vollständig ausgeräumt.
Die säkulare Gesellschaft hat kein funktionierendes Ritual für den Tod — das ist kein Vorwurf, sondern Befund. In dieses Vakuum trat von Hagens mit einem Angebot: Ihr wollt den Tod verstehen, ohne ihm zu begegnen? Kommt her. Das war ehrlich, insofern es das Bedürfnis korrekt beschrieb. Es war unehrlich, insofern es so tat, als könnte die Ausstellung die Begegnung ersetzen.
Ein Körper, der einbalsamiert, beleuchtet und beschriftet ist, sagt uns etwas über Muskelfasern. Er sagt uns nichts darüber, was es bedeutet, sterblich zu sein. Die Differenz zwischen beiden ist genau die Lücke, die von Hagens mit Folklore und Eventlogik füllte.
Das Lebenswerk bleibt gespalten. Die Plastination als Verfahren hat die Anatomie verändert. Die Ausstellungen haben den öffentlichen Umgang mit dem Tod nicht vertieft — sie haben ihn bequemer gemacht. Das sind zwei verschiedene Dinge. Von Hagens hat das, soweit erkennbar, nie getrennt gehalten.
Die Antwort auf die Frage, was von der Plastination als Kulturtechnik bleibt, lautet deshalb: die Technik bleibt, das Format ist eine Sackgasse. Wer dem Tod wirklich begegnen will, braucht keine Eintrittskarte.
