Mitte Juli 2026, Tage nach dem WM-Finale: Gianni Infantino veröffentlichte auf Instagram einen 15-teiligen Beitrag. Er lobte Sicherheit, Atmosphäre und Rekordumsätze. Wer das Turnier kritisierte – wegen Visa-Blockaden für den iranischen Kader, wegen des Todes von vier Menschen in Mexiko-Stadt, wegen der politischen Intervention im Fall des US-Stürmers Folarin Balogun –, dem bescheinigte Infantino, „Hass und falsche Gerüchte" zu verbreiten. Sein Rat: meditieren, beten oder Fußball schauen.

Das Format war neu, der Mechanismus nicht.

Die Rhetorik der Delegitimierung

Wenn ein Institutionschef sachliche Kritik öffentlich als Hassbotschaft rahmt, verändert sich die Debatte: Nicht mehr der Inhalt des Einwands steht zur Verhandlung, sondern die Motivation desjenigen, der ihn erhebt. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare hat diesen Mechanismus präzise beschrieben. Sie hatte im Dezember 2025 und erneut im Juli 2026 Beschwerden bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht – wegen Infantinos öffentlicher Unterstützung für US-Präsident Donald Trump und wegen der Vergabe eines FIFA-Friedenspreises an Trump, dessen Vergabekriterien nie offengelegt wurden. Das IOC wies eine parallele Beschwerde mit der Begründung ab, die Angelegenheit liege außerhalb seiner Ethikzuständigkeit.

Das ist die erste Eigenart des FIFA-Governance-Modells: Wer sich beschwert, wird an eine Instanz verwiesen, die sich für nicht zuständig erklärt.

Reformen, die die Machtfrage offenlassen

Infantino trat 2016 mit einem Reformversprechen an. Tatsächlich wurden unter seiner Präsidentschaft einige formale Änderungen umgesetzt: eine nominelle Trennung von politischen und Managementfunktionen, Amtszeitbegrenzungen für Mitglieder ausgewählter Ausschüsse, Vergütungsoffenlegungen, die Einrichtung unabhängiger Mitglieder in Komitees. Der FIFA-Kongress in Bangkok 2026 genehmigte zudem eine Umstrukturierung der FIFA-Ausschüsse, die die Einbeziehung von Mitgliedsverbänden stärken soll.

Welche dieser Reformen die Entscheidungsgewalt des Präsidenten konkret beschnitten haben, ist aus den vorliegenden Dokumenten nicht zu rekonstruieren. Das Briefing benennt dies ausdrücklich als blinden Fleck: Die spezifische Einschränkung der Präsidentenmacht durch Kongressbeschlüsse ist nicht belegt. Was belegt ist: Der FIFA-Council tagte 2023 fünfmal und traf unter anderem Entscheidungen über die WM-Vergabe 2030 und 2034. Eine externe demokratische Kontrolle – durch unabhängige Gerichte, Parlamentsausschüsse oder gewählte Repräsentanten der nationalen Verbände mit echter Durchsetzungsmacht – ist in der FIFA-Satzung nicht vorgesehen.

Kontrast, der die Struktur zeigt: Die FIFA prognostiziert für den Zyklus 2023–2026 Rekordumsätze von elf Milliarden US-Dollar. Welche unabhängige Instanz prüft, ob diese Mittel satzungsgemäß verwendet wurden, ist nicht öffentlich einsehbar.

Die Ökologieachse: Versprechen gegen Spur

Die FIFA hat sich verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 zu halbieren und bis 2040 Netto-Null zu erreichen. Die Schweizerische Lauterkeitskommission rügte den Verband bereits im Juni 2023 öffentlich und verbot die Behauptung der Klimaneutralität für die WM in Katar.

Die WM 2026 erstreckte sich über drei Länder auf zwei Kontinente – das machte Flugreisen für Teams, Schiedsrichter und Funktionäre strukturell unvermeidbar. Infantino nutzte während der Gruppenphase nach vorliegenden Berechnungen mindestens 27 Privatjetflüge über rund 20.000 Kilometer, um 24 Spiele zu besuchen. Verschiedene Analysen beziffern die dadurch verursachten Emissionen auf 516 bis 813 Tonnen CO₂-Äquivalente – letztere Zahl entspricht etwa zweieinhalb Erdumrundungen in fünf Wochen. Die FIFA hat auf Anfragen der BBC dazu nicht öffentlich Stellung bezogen.

Versprochen war die Halbierung. Nachgewiesen ist: ein Präsident, der während eines einzigen Turniers mehr CO₂ verursacht hat, als 78 Menschen im globalen Durchschnitt in einem Jahr erzeugen.

Das stärkste Argument der Gegenseite

Wer Infantino verteidigt, kann auf Folgendes verweisen: Die FIFA hat in den Zyklen 2016–2022 rund 2,8 Milliarden US-Dollar über das FIFA-Forward-Programm in die weltweite Fußballentwicklung investiert; für 2023–2026 sind acht Millionen US-Dollar pro Mitgliedsverband vorgesehen. Reformen wurden tatsächlich eingeführt, nicht nur angekündigt. Und: Ein Verband, der 211 nationale Verbände koordiniert, muss Entscheidungen auch gegen Widerstände treffen können – lähmende Konsensanforderungen wären ebenfalls dysfunktional. Fußball war in vielen Ländern das einzige Medium, das Millionen Menschen während der WM 2026 an einen gemeinsamen Punkt gebracht hat.

Das Argument ist berechtigt. Es trägt nur nicht weit genug: Wer Entscheidungsmacht zentralisiert und Verteilungsansprüche verteidigt, muss zeigen, wie er sich gegen Missbrauch sichert. Genau das fehlt.

Was die Beschwerde-Architektur zeigt

Die Kampagne „Reboot FIFA" sammelt seit Sommer 2026 Sammelklagen gegen Infantino. FairSquare arbeitet an weiteren Beschwerden. Das IOC erklärte sich für nicht zuständig. Die FIFA-Ethikkommission hat zu laufenden Verfahren keine öffentlichen Ergebnisse bekanntgegeben.

Das ergibt ein Muster: Externes Feedback wird entweder als Hass markiert oder in Zuständigkeitsfragen aufgelöst. Interne Kontrollmechanismen sind formal vorhanden, ihre Unabhängigkeit vom Präsidium aber nicht extern überprüfbar.

Ob die Governance-Architektur der FIFA tatsächlich reformierbar ist oder ob die Reformen seit 2016 im Wesentlichen die bestehende Machtstruktur mit neuem Vokabular ausgestattet haben, zeigt sich an drei Punkten, die bis Ende 2026 entscheidbar sein dürften: Veröffentlicht die FIFA-Ethikkommission ein begründetes Ergebnis zu den FairSquare-Beschwerden? Legt die FIFA die Vergabekriterien des Trump-Friedenspreises offen? Und werden die Bangkok-Reformen so umgesetzt, dass nationale Verbände Entscheidungen des Präsidiums tatsächlich anfechten können?

Bleibt all das offen, ist der Instagram-Post vom Juli 2026 kein Einzelereignis – sondern Betriebszustand.