Der durchschnittliche Verkaufspreis eines Mercedes-Pkw in China fiel von 67.700 auf 64.700 Euro – in einem Markt, in dem der Absatz gleichzeitig um 30 Prozent einbrach. Das ist der Kern des Problems: Die Luxuswette verliert in ihrem wichtigsten Markt gerade auf beiden Seiten der Rechnung.
Dass der Konzern trotzdem mehr verdient als vor einem Jahr, hat strukturelle Gründe. Drei davon lassen sich belegen; alle drei haben Grenzen.
Der Mechanismus I: Kosten heraus, Marge rein
Die bereinigte Umsatzrendite im Pkw-Geschäft lag 2025 bei 5,0 Prozent – nach 8,1 Prozent im Jahr zuvor. Die Jahresprognose für 2026 sieht eine Marge zwischen 3 und 5 Prozent vor, also keine Erholung, sondern Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Dass das EBIT dennoch steigt, ist arithmetisch: Ein Konzern, der aggressiv Kosten senkt und Abfindungen verbucht, kann den Gewinn kurzfristig aufhellen, auch wenn die Absatzbasis schrumpft. Mercedes-Benz hat dafür ein Programm namens „Next Level Performance" aufgelegt, dessen genaue Kostenwirkung das Unternehmen nicht vollständig offenlegt. Was belegt ist: Der freie Cashflow des Industriegeschäfts sank von 1,9 auf 1,1 Milliarden Euro – ein Zeichen, dass die operative Substanz unter der Gewinnanzeige schwächer wird.
Der Mechanismus II: Die Nebenlinien tragen
Mercedes-Benz Financial Services steigerte das bereinigte EBIT im zweiten Quartal um 70 Prozent auf 492 Millionen Euro, die bereinigte Eigenkapitalrendite lag bei 15,3 Prozent. Die Van-Sparte erzielte eine bereinigte Umsatzrendite von 10,2 Prozent – mehr als doppelt so viel wie das Pkw-Kerngeschäft. Beide Sparten profitieren davon, dass steigende Zinsen das Finanzierungsgeschäft attraktiver machen und Transporter in Europa strukturell nachgefragt werden. Sie erklären, warum der Konzerngewinn trotz Pkw-Schwäche wächst. Sie erklären nicht, ob das auf Dauer trägt: Zinsumfeld und Transporternachfrage sind keine Strategievariablen.
Das China-Problem: strukturell, nicht zyklisch
Im ersten Halbjahr 2026 kauften chinesische Kundinnen und Kunden 210.200 Mercedes-Fahrzeuge – 28 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, während der weltweite Absatz nur um 7 Prozent zurückging. Der Kontrast ist scharf: China fällt dreimal so schnell wie der Rest der Welt.
Die Ursachen sind bekannt und überlagern sich. Lokale Hersteller wie BYD, NIO und Xiaomi-Partner Huawei verkaufen Premiumelektroautos zu Preisen, bei denen Mercedes preislich nicht mithalten will und technologisch zunehmend aufholen muss. Im ersten Quartal 2026 hielten deutsche Hersteller zusammen noch 1,6 Prozent Marktanteil bei Batterieelektrofahrzeugen in China – in einem Markt, in dem im zweiten Quartal 44 Prozent aller Neuwagen rein elektrisch waren. Chinas Luxussteuer, die seit diesem Jahr auch teure Elektrofahrzeuge erfasst, belastet zusätzlich Modelle wie den EQS.
Selbst das Aushängeschild Maybach – über 60 Prozent seiner weltweiten Verkäufe gehen nach China – verliert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden knapp 9.000 Maybach-Fahrzeuge ausgeliefert; 2023 waren es noch rund 28.000. Mercedes-Benz hat auf China-Einheiten 704 Millionen Euro Wertminderungen abgeschrieben.
CFO Harald Wilhelm hat ein mittelfristiges Absatzziel von bis zu 600.000 Fahrzeugen pro Jahr in China formuliert – deutlich unter den Spitzenwerten. Bis 2027 plant der Konzern sieben neue Modelle für den chinesischen Markt, darunter Entwicklungen mit dem Technologiepartner Momenta für Fahrerassistenzsysteme. Ob das reicht, ist offen: Der chinesische BEV-Markt wächst schnell, die lokalen Anbieter wachsen schneller.
Das Militärgeschäft: real, aber kein Ausgleich
CEO Ola Källenius hat öffentlich erklärt, eine Ausweitung des Rüstungsgeschäfts für denkbar zu halten. Die operative Basis dafür liegt nicht bei Mercedes-Benz selbst, sondern bei Daimler Truck, an der Mercedes-Benz größter Anteilseigner bleibt, seit die Lkw-Sparte 2021 ausgegliedert wurde. Daimler Truck Defence produziert Militärlastwagen – Unimog, Arocs, Zetros – für mehr als 20 Länder; Frankreich hat 7.000 Zetros-Einheiten bestellt, die Bundeswehr mehrere Hundert Arocs. Eine Partnerschaft mit General Dynamics Land Systems besteht bereits.
Der Kontext ist industriepolitisch eindeutig: Die europäischen Verteidigungsausgaben steigen seit 2022 kontinuierlich, und die Nachfrage nach logistischen Militärfahrzeugen wächst mit ihnen. Das Unternehmen hat klargemacht, keine eigenen Waffensysteme zu entwickeln – Fahrzeuge und Plattformen bleiben der Rahmen.
Was das für die Konzernrechnung bedeutet, ist schwerer zu beziffern. Konkrete Umsatz- oder Margenangaben für das Militärsegment veröffentlicht Daimler Truck nicht gesondert. Als struktureller Ersatz für entfallende China-Absätze im Pkw-Segment – zuletzt rund 100.000 Fahrzeuge Rückgang im halben Jahr – taugt das Militärgeschäft schon größenordnungsmäßig nicht. Es ist ein Wachstumsfeld unter veränderten geopolitischen Vorzeichen, kein Gegengewicht.
Was zeigt, ob die Rechnung aufgeht
Die Jahresprognose sieht einen Umsatz leicht unter Vorjahresniveau vor. Die Pkw-Marge soll zwischen 3 und 5 Prozent liegen – ein Korridor, der nach oben kaum Spielraum lässt. Ob die Entkopplung von Absatz und Gewinn dauerhaft trägt oder ein Effekt aus Kostensenkung und Sonderbeiträgen der Nebensparten ist, wird sich daran zeigen, wie sich der Cashflow des Industriegeschäfts in den nächsten zwei Quartalen entwickelt: Steigt er wieder in Richtung 1,5 Milliarden Euro, trägt die Struktur. Bleibt er unter einer Milliarde, hat der Konzern Kosten gedrückt, aber keine neue Ertragsbasis gebaut.
