Kernpunkte
- Die FIFA gründet eine Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE), die die Vermarktungsrechte an Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM bündelt und mit 20 Milliarden US-Dollar bewertet wird.
- Rund 20 Prozent der FFE-Anteile sollen an private Investoren gehen, angeführt von Thrive Capital des US-Investors Joshua Kushner; J.P. Morgan begleitet den Deal als Berater.
- Die UEFA bezeichnet das Vorhaben als Grenzüberschreitung und prüft rechtliche Schritte — eine direkte Konfrontation zweier Kontinentalverbände, die seit 2018 schwelt.
- Politische Verflechtungen bleiben opak: Ein US-Abgeordneter hat Infantino aufgefordert, Kontakte zur Trump-Regierung offenzulegen; die FIFA hat dazu bislang nicht Stellung genommen.
- Ob die zugesicherte Mehrheitskontrolle der FIFA langfristig schützt, was schützenswert ist, entscheidet sich erst dann, wenn Investoren Rendite vermissen — und Druck auf Format und Kalender ausüben.
Vier Milliarden US-Dollar sind mehr, als die FIFA in einem gesamten WM-Zyklus an Rundfunkrechten einnimmt. Für den Zyklus 2023 bis 2026 sind rund 4,26 Milliarden US-Dollar an Broadcasting-Erlösen budgetiert — die geplante Kapitalspritze käme also der Hälfte eines Vierjahreszyklus gleich, als Einmalzahlung. Die Logik dahinter ist Hebelwirkung: Die FFE soll mit frischem Kapital wachsen, und weil die FIFA Mehrheitseigentümerin bleibt, soll der Verkauf keine Kontrolle kosten — so die Selbstdarstellung des Verbands.
Wie die Konstruktion funktioniert
Die FIFA Forward Enterprise bündelt die kommerziellen Rechte an den drei größten FIFA-Wettbewerben in einer rechtlich eigenständigen Gesellschaft. Private Investoren erwerben Minderheitsanteile, die FIFA behält über 80 Prozent und damit formal die operative Kontrolle: Spielkalender, Regelwerk, Austragungsorte bleiben laut Verband in Verbandshänden. Die Mitgliedsverbände der FIFA sollen ebenfalls kleinere Anteile erhalten und im Rahmen des FIFA Forward Programme (FFP) Kapitalzuflüsse von bis zu 20 Millionen US-Dollar beziehen — gegenüber heute acht Millionen.
Thrive Capital, der Fonds von Joshua Kushner, führt die Investorensuche an. J.P. Morgan begleitet den Deal als strategischer Berater. Wer darüber hinaus zu den Investoren zählen soll, ist nicht öffentlich bestätigt; eine detaillierte Liste der in die FFE eingebrachten Vermögenswerte fehlt ebenfalls.
Was die UEFA kritisiert — und warum das Gewicht hat
UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat die Pläne scharf zurückgewiesen und von einer Grenzüberschreitung gesprochen, die Fußball zur Handelsware mache. Konkret rügt die UEFA zwei Punkte: die mangelnde Transparenz darüber, wer von dem Deal finanziell profitiert — und die grundsätzliche Frage, ob ein Sportverband seine Kernvermögenswerte privatisieren darf, ohne den Sport selbst zu privatisieren.
Diese Kritik hat einen Präzedenzfall im Hinterkopf. 2018 hatte die FIFA unter Infantino einen strukturell ähnlichen Deal mit SoftBank verhandelt — eine erweiterte Klub-WM und eine globale Nations League mit einem geplanten Investitionsrahmen von 25 Milliarden US-Dollar. Europas Verbände und Top-Klubs blockierten das Vorhaben damals erfolgreich. Acht Jahre später ist das Kräfteverhältnis ein anderes: Die FIFA hat die Club-WM trotzdem erweitert und durchgesetzt, und die UEFA hat dort, wo es auf Mehrheiten ankam, verloren.
Die wettbewerbsrechtliche Dimension ist offen. Die UEFA prüft nach eigenen Angaben rechtliche Schritte — welche Grundlage, auf welchem Gerichtsstand, mit welchen Erfolgsaussichten, ist nicht belegt. Hier klafft eine Wissenslücke, die das Briefing nicht schließt.
Die politische Dimension
Neben der institutionellen Auseinandersetzung zwischen den Verbänden gibt es eine kaum geklärte politische Ebene. Berichte über eine ehemalige Büroanmietung der FIFA im Trump Tower New York kursieren; ein US-Abgeordneter hat Infantino schriftlich aufgefordert, Kontakte zur Trump-Regierung offenzulegen. Der Zeitpunkt ist nicht trivial: Die WM 2026 findet gerade in den USA, Kanada und Mexiko statt, die WM 2030 folgt auf mehreren Kontinenten, und Infantino hat seinen Wohnsitz in den vergangenen Jahren nach Saudi-Arabien verlegt, während er zugleich seine Zugänge nach Washington ausbaut.
Ob und wie diese Nähe den Deal beeinflusst hat, lässt sich aus dem vorliegenden Material nicht belegen. Was belegt ist: Der Lead-Investor Thrive Capital steht Joshua Kushner nahe, dem Bruder von Jared Kushner, Schwiegersohn und ehemaliger Berater Donald Trumps. Thrive Capital hat sich gegenüber der Presse bisher nicht geäußert. Die FIFA hat auf die Offenlegungsanfrage des Abgeordneten nicht öffentlich reagiert.
Was der Deal strukturell verändert
Der entscheidende Mechanismus ist nicht die heutige Kontrolle, sondern der künftige Interessendruck. Minderheitsinvestoren ohne operative Einflussrechte können trotzdem Erwartungen formulieren — über Bewertung, Wachstum, Turnierhäufigkeit. Die WM hat Infantino bereits von 32 auf 48 Mannschaften erweitert. Die Club-WM wurde auf 32 Teams aufgebläht und gegen massiven Widerstand der Klubs und Spielergewerkschaften durchgesetzt. Beide Entscheidungen steigern den kommerziellen Wert der Turniere. Beide Entscheidungen wurden getroffen, bevor externe Investoren formal eingestiegen sind.
Angekündigt war bei der WM-Erweiterung 2017: mehr Entwicklung, mehr Teilhabe, mehr Länder. Gebaut wurde ein Turnier, das erstmals 104 statt 64 Spiele zählt und für das Gastgeberländer Infrastruktur in einer Größenordnung errichten müssen, die für kleinere Verbände kaum zu stemmen ist.
Das ist der Kontrast, den der FFE-Deal trägt: Die FIFA verspricht, mit privaten Mitteln die Entwicklung des globalen Fußballs zu finanzieren. Ihr jüngstes Instrument zur Umsatzsteigerung war eine Turniervergrößerung, die kleine Verbände strukturell benachteiligt.
Woran sich die Deutung entscheidet
In drei Monaten wird erkennbar sein, ob die FIFA die Zusammensetzung des Investorenkonsortiums vollständig offenlegt, welche Stimmrechte und Renditeerwartungen vertraglich fixiert werden — und ob die UEFA tatsächlich rechtliche Schritte einleitet oder bei verbaler Kritik bleibt. Entscheidender wird die mittelfristige Frage: Ändert sich das WM-Format erneut, sobald die FFE-Anteile platziert sind? Wenn ja, in wessen Interesse?
