Shein hat rund 750 Millionen Artikel im Angebot, neue täglich. Das Geschäftsmodell funktioniert über eine Kompression aller Kostenbestandteile: minimale Lagermengen, kurze Produktionszyklen, direkter Versand aus China an den Endkunden — zuletzt begünstigt durch die US-De-minimis-Regel, die Sendungen unter 800 US-Dollar von der Zollprüfung ausnahm. Dieser Mechanismus ist seit dem 1. April 2025 Geschichte. Die US-Regierung hat die Ausnahme für kommerzielle Pakete aus China gestrichen.

Was bleibt, ist das Grundproblem: Shein bezieht Baumwolle aus einer Lieferkette, die sich entlang der chinesischen Provinz Xinjiang erstreckt — und der Uyghur Forced Labor Prevention Act (UFLPA), in Kraft seit dem 21. Juni 2022, behandelt genau diese Herkunft als widerlegbare Vermutung der Zwangsarbeit. Die Beweislast liegt beim Importeur. Wer nachweist, dass sein Produkt ohne Zwangsarbeit hergestellt wurde, bekommt es durch den Zoll. Wer es nicht nachweisen kann, bekommt es nicht durch.

Was der UFLPA konkret verlangt. Die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) fordert nicht ein Dokument, sondern eine Lieferketten-Dokumentation, die jeden Verarbeitungsschritt vom Rohstoff bis zum Endprodukt zurückverfolgt. Das schließt DNA-Analysen oder Isotopenprüfungen der Baumwollfaser ein, Lieferantenverträge, Produktionsnachweise, Zahlungsbelege und eindeutige Identifikatoren für jede Charge. Für Baumwolle, Textilien und Bekleidung gilt die höchste Durchsetzungspriorität. Eine Bagatellgrenze gibt es nicht — selbst ein geringer Anteil Xinjiang-Baumwolle im Produkt reicht, um die Einfuhr zu sperren. Im Jahr 2025 wurden Sendungen im Wert von knapp 900 Millionen US-Dollar abgewiesen.

Labortests, deren Ergebnisse 2022 publiziert wurden, haben in Shein-Kleidungsstücken Baumwolle nachgewiesen, die auf Xinjiang zurückgeht. Shein bestreitet den Einsatz von Zwangsarbeit, verlangt von Zulieferern Baumwolle aus „genehmigten Regionen" — ohne Xinjiang namentlich auszuschließen — und hat bislang keine Lieferkettendokumentation vorgelegt, die den UFLPA-Standard erfüllt.

Das Schweigen in den Börsenunterlagen. Wer die Hongkonger Börsenunterlagen auf den Begriff „Xinjiang" hin liest, sucht vergeblich. Die Risikodarstellung gegenüber Investoren erwähnt die Baumwoll-Kontroverse nicht — obwohl der US-Markt zu Sheins wichtigsten Absatzmärkten zählt und das UFLPA-Risiko dort direkt auf den Umsatz wirkt. Das ist kein redaktioneller Zufall; es ist eine Entscheidung.

Genau hier liegt das strukturelle Problem, das den Börsengang begleitet: Ein Unternehmen, das seinen größten regulatorischen Risikofaktor aus den Prospektunterlagen herausschreibt, stellt Investoren vor eine asymmetrische Informationslage. Ob die Hongkonger Börse (HKEX) das als ausreichend akzeptiert, ist noch offen — die chinesische Wertpapieraufsicht CSRC hatte dem Londoner Börsengang ihre Zustimmung verweigert.

Die Finanzen verschlechtern sich im falschen Moment. Versprochen war ein Wachstumsunternehmen; geliefert werden schrumpfende Margen. Der Nettogewinn fiel von 3,4 Milliarden US-Dollar (2024) auf 2,0 Milliarden US-Dollar (2025). Im ersten Quartal 2026 wies Shein einen Verlust von 99 Millionen US-Dollar aus — nach einem Gewinn von 395 Millionen US-Dollar im gleichen Quartal des Vorjahres. Der Umsatz stieg im selben Zeitraum um gerade 1,1 Prozent.

Die Ursachen sind mehrschichtig, aber nicht überraschend: Der Wegfall der De-minimis-Ausnahme erhöht die Logistikkosten für den US-Markt direkt. Die EU hat Zölle auf Kleinpakete unter 150 Euro eingeführt, was Sheins Direktversand-Modell auch in Europa belastet. Dazu laufen FTC-Ermittlungen in den USA, deren Vorwürfe nicht öffentlich sind, die Shein aber in seinen Unterlagen als potenziell erhebliche finanzielle Belastung ausweist. Die EU-Kommission hat überdies ein eigenes Verfahren wegen suchtfördernden App-Designs und Sicherheitsmängeln bei Produkten eingeleitet.

Was institutionelle Investoren abwägen müssen. Der UFLPA richtet sich an Importeure, nicht an Aktionäre — eine direkte strafrechtliche Haftung für das Zeichnen einer Shein-Aktie gibt es nicht. Das Risiko ist indirekter, aber nicht kleiner: Wer in ein Unternehmen investiert, dessen Kern-Geschäftsmodell unter dauerhaftem Lieferkettenrechts-Risiko steht, trägt dieses Risiko in der Bewertung. Sustainalytics und ähnliche ESG-Ratingagenturen bewerten Zwangsarbeitsrisiken in der Lieferkette als materielles Finanzrisiko — nicht als ethisches Beiwerk. Pensionsfonds in Großbritannien und den USA operieren unter Transparenzpflichten, die Investitionen in Unternehmen mit unbewältigten Menschenrechtsprofilen erklärungsbedürftig machen.

Das eigentliche Risiko lässt sich so formulieren: Shein ist derzeit ein Unternehmen, das unter den Bedingungen einer regulatorisch schonenden Umgebung gewachsen ist. Diese Umgebung existiert in der alten Form nicht mehr. Ob das Geschäftsmodell bei voller UFLPA-Konformität, ohne De-minimis-Vorteil und unter EU-Zollregime dieselben Margen trägt, zeigt sich nicht im Prospekt — weil der Prospekt diese Frage nicht stellt.

Woran man erkennt, ob die Einschätzung trägt: Wenn Shein bis Ende 2026 keine UFLPA-konforme Lieferkettendokumentation vorlegt, werden CBP-Beschlagnahmungen von US-Sendungen zunehmen — mit direkter Wirkung auf den Umsatz im wichtigsten Markt. Ein zweites Verlustquartal in Folge würde die Wachstumserzählung, auf der die Börsengang-Bewertung ruht, weiter aushöhlen.