Frankfurt, Sommer 2026. Die Investmentbank der Deutschen Bank erzielt ein Vorsteuerergebnis, das zuletzt in der Vorkriseneuphorie von 2007 erreicht wurde. CEO Christian Sewing spricht vom Kurs zum „europäischen Champion". Die Zahl stimmt. Die Frage ist, was sie trägt.
Was der Rekord enthält
Der FIC-Bereich – Handel mit festverzinslichen Papieren, Währungen und Rohstoffen – erzielte 2,6 Milliarden Euro Erträge, das beste jemals gemessene Quartalsergebnis dieser Sparte. Das Advisory- und Kapitalmarktgeschäft (IBCM) legte 36 Prozent zu auf 559 Millionen Euro. Zusammengenommen lieferte die Investmentbank 1,3 Milliarden Euro Vorsteuergewinn – bei einem Konzerngewinn vor Steuern von 2,7 Milliarden Euro.
Vergleichbar ist das Bild bei der UBS: Ihr Investmentbanking-Vorsteuergewinn von 1,16 Milliarden Dollar entstand laut Quartalsbericht wesentlich aus dem Wertpapierhandel, dem Global-Markets-Bereich. Die Bank übertraf die Analystenerwartungen deutlich; der Nettogewinn lag bei 2,8 Milliarden Dollar.
Beide Institute profitierten vom selben Marktklima: Volatilität bei Staatsanleihen und Währungen schafft Handelsmargen. Wer in diesen Märkten groß positioniert ist, verdient in Unruhezeiten gut. Das ist kein Vorwurf – es ist der Mechanismus.
Angekündigt war über 13 Prozent Eigenkapitalrendite. Im zweiten Quartal 2026 stehen 11,0 Prozent.
Das Ziel hat Sewing für 2025 gesetzt und danach verschoben. Die Lücke schließt sich langsamer als erwartet – und das Rekordquartal verdeckt, woher der Fortschritt kommt.
Was das Kreditgeschäft zeigt
Das Firmenkundengeschäft zeichnet ein anderes Bild. Die EZB-Umfrage vom Juli 2026 dokumentiert, dass Banken im Euroraum ihre Kreditrichtlinien für Unternehmenskredite per Saldo erneut verschärft haben – besonders in der Automobilindustrie und im energieintensiven verarbeitenden Gewerbe. Nachfragerückgang und Kreditrisiko laufen parallel.
Die BaFin beobachtet steigende Kreditrisiken im Firmenkundengeschäft und auf dem Gewerbeimmobilienmarkt. Die Ausfallquoten (NPL-Quoten) im Firmenkundengeschäft deutscher Institute lagen zuletzt leicht über dem EU-Durchschnitt; die Deckungsquoten darunter. Gewerbeimmobilienkredite machen rund neun Prozent der aggregierten Bilanzsumme deutscher Banken aus – ein Anteil, der bei einer anhaltenden Preiskorrektur im Bürosegment relevant wird. Konkrete spartenspezifische Rückstellungszahlen publizieren die Institute nicht; das Briefing weist diese Lücke ausdrücklich aus.
Den makroökonomischen Hintergrund liefert ein weiterer Datenpunkt: Europas Unternehmensinsolvenzrate erreichte 2025 einen 20-Jahres-Rekord, mit einem Anstieg im verarbeitenden Gewerbe von 3,6 Prozent. Banken, die das Industriegeschäft finanzieren wollen, stoßen auf Gegenwind – nicht weil sie schlecht aufgestellt sind, sondern weil die Wirtschaft, der sie dienen soll, schrumpft oder umstrukturiert wird.
Volatilität als Erlösquelle
Der FIC-Rekord ist kein Zufall. Steigende und schwankende Staatsanleiherenditen – ausgelöst durch Zinserwartungen, geopolitische Schocks, Fiskaldebatten in Washington und Brüssel – erhöhen die Spreads und Handelsmargen. Banken mit großen Handelsbüchern verdienen an der Bewegung, nicht am Niveau. Die Korrelation ist qualitativ gut belegt, quantitativ nicht trennscharf aufgeschlüsselt: Wie viel des FIC-Anstiegs auf Staatsanleihevolatilität entfällt und wie viel auf Währungs- oder Rohstoffhandel, lässt das verfügbare Zahlenmaterial offen.
Das strukturelle Problem dabei: Handelserträge dieser Größenordnung sind nicht planbar. Sie entstehen, wenn Märkte sich bewegen. In ruhigeren Perioden – niedrigere Volatilität, engere Spreads – fällt die Erlösquelle kleiner aus. Das Kreditgeschäft hingegen ist stabiler, aber eben auch der Bereich, in dem die Konjunktur drückt.
Was die Bilanz-Konstruktion bedeutet
Die Deutsche Bank will eine Eigenkapitalrendite von über 13 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 liegt die Gruppe bei annualisierten rund 11 Prozent. Aktienrückkäufe über 500 Millionen Euro im zweiten Halbjahr verringern das Eigenkapital und heben die Renditekennziffer arithmetisch – ein Mechanismus, der Kapitalallokation und Kennzahlenoptimierung vermischt. Das ist regulär und üblich; es sagt aber wenig darüber aus, ob das operative Geschäft die angestrebte Rentabilität aus eigener Kraft erreicht.
Goldman Sachs schätzte vor Berichtssaison, dass europäische Banken im zweiten Quartal ihren Vorsteuergewinn um elf Prozent steigern würden – getragen von Zinsniveau und Handelserträgen. Das ist eingetreten. Die Frage ist, ob dieser Treibermix für 2027 trägt, wenn Zinssenkungen der EZB die Zinsmarge komprimieren und Handelserträge von der jeweils nächsten Volatilitätswelle abhängen.
Drei Monate als Prüfstein
Im dritten Quartal 2026 lässt sich beobachten, ob der FIC-Ertragsanstieg anhält oder zum Mittelwert zurückfällt, während das Firmenkundengeschäft weiter unter Industrierückgang leidet. Wenn die Investmentbank-Erträge zurückgehen und das Kreditgeschäft die Lücke nicht schließt, dürfte die Eigenkapitalrendite wieder unter Druck geraten. Wenn die EZB-Umfragen im Oktober 2026 eine Lockerung der Kreditstandards zeigen, wäre das ein Gegenzeichen. Keiner dieser Ausgänge ist ausgemacht – aber beide sind messbar.
