Bis zu 20 Prozent dieser Gesellschaft – und damit einen Anteil an jedem WM-Ticket, jedem Übertragungsrecht, jedem Sponsorensignet – will Infantino an private Investoren verkaufen, darunter Thrive Capital, eine Gesellschaft aus dem Umfeld von Jared Kushner. Die Mitgliedsverbände haben bis zum 19. September Zeit, dem Paket zuzustimmen. Wer zustimmt, bekommt 20 Millionen US-Dollar Entwicklungshilfe. Wer zögert, bekommt gar nichts.
Das ist kein Reformpaket. Es ist ein Ultimatum, verkleidet als Modernisierung.
Das stärkste Argument für Infantinos Plan lautet so: Der globale Fußball ist chronisch unterfinanziert. Verbände in Ozeanien, Zentralafrika, Südostasien – viele kämpfen mit Budgets, die keine professionellen Strukturen erlauben. Wenn der Verkauf eines Minderheitsanteils tatsächlich über 4 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr für die Fußballentwicklung freisetzt, ohne dass die FIFA die operative Kontrolle abgibt, wäre das ein messbarer Nettogewinn für den Sport. Die UEFA, so ließe sich sagen, verteidigt weniger den Fußball als ihre eigene Marktstellung als größte und reichste Konföderation.
Dieses Argument verdient Respekt. Es ist falsch.
Die Frage ist nicht, ob Entwicklungsgelder wünschenswert sind. Die Frage ist, auf welchem Weg sie entstehen und wem die strukturelle Kontrolle folgt. Minderheitsbeteiligungen ohne formale Stimmrechte sind in der Unternehmenspraxis keine leeren Hüllen: Investoren mit Anteilen in Milliardenhöhe sitzen an Tischen, auch ohne Satzungssitz. Sie fordern Transparenz bei Entscheidungen, die ihre Rendite berühren. Sie bringen Anwälte mit. Das ist keine Theorie – das ist Kapitalmarktlogik. Und die kollektive Bewertung eines Unternehmens mit 20 Milliarden Dollar schafft Erwartungen, die mit dem bisherigen Non-Profit-Selbstverständnis der FIFA kaum zu versöhnen sind. Die FIFA ist ein Schweizer Verein mit gemeinnützigem Zweck. Sie hat Statuten, die in den Artikeln 71 und 72 die Hoheit über ihre Wettbewerbe regeln. Wer die kommerziellen Rechte aus diesem Rahmen in eine renditepflichtige Tochtergesellschaft auslagert, muss erklären, wie er gleichzeitig Non-Profit bleibt. Diese Erklärung hat Infantino nicht geliefert.
Ein ähnliches Vorhaben scheiterte 2018. Damals war es der saudische Staatsfonds, der mit 25 Milliarden Dollar ins Spiel kam. Die Verbände lehnten ab. Was heute anders ist: die Zustimmungsprämie. Für 106 von 211 Verbänden reicht eine einfache Mehrheit – und 20 Millionen Dollar sind für Verbände in Sierra Leone oder Bangladesch kein Betrag, über den man leichtfertig hinwegsieht. Infantino weiß das. Die Kopplung von Entwicklungsgeldern an das Abstimmungsverhalten ist der präzise Mechanismus, mit dem er rechnet. Man darf es beim richtigen Namen nennen: Der Weltverband kauft sich die Mehrheit, die er zum Umbau seiner eigenen Governance braucht.
Die UEFA reagiert mit Empörung – und mit strukturell schwachen Händen. Aleksander Čeferin spricht von einer roten Linie, sein Verband diskutiert intern einen Boykott der WM oder der Klub-WM. Gut für ein Interview, schlecht als Drohkulisse. Das EuGH-Urteil vom Dezember 2023 hat klargestellt, dass FIFA und UEFA ihre Monopolstellung nicht missbrauchen dürfen, um Teilnehmer von Wettbewerben auszuschließen oder zu sanktionieren. Was die UEFA über Spieler und Vereine regeln kann, ist durch dieses Urteil empfindlich beschnitten. Ein echter Boykott – europäische Nationalteams, die nicht zur WM fahren – ist politisch kaum durchsetzbar: Verbände gegenüber ihren Fans, Spielern gegenüber dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die Drohung kostet wenig. Die Umsetzung kostet alles.
Verbleibt der Kontrast, der das Konstrukt trägt: Infantino hat jahrelang mit dem Versprechen kandidiert, den Fußball aus den Händen undurchsichtiger Netzwerke zu befreien. Jetzt baut er eine Gesellschaft, deren künftige Führung er selbst übernehmen soll – nach dem Ende seiner Amtszeit 2031 –, und deren Investoren aus dem Umfeld einer US-Regierung stammen, mit der er sich demonstrativ gut stellt. Reformwille sieht so aus: Reformer übernehmen keine Tochtergesellschaften, die sie als Amtsinhaber entworfen haben. Das ist, in jeder Governance-Sprache der Welt, ein Interessenkonflikt.
Die Frist läuft bis zum 19. September. Danach wird man sehen, wie viel ein Gemeingut kostet, wenn man es den Käufern überlässt.
