Werbung verkauft Bilder, keine Strukturen. Das ist ihr Job. Es ist der Job der Aufsicht, den Abstand zwischen Bild und Struktur zu messen. Im Fall Trade Republic hat dieser Abstand nun gerichtliche Konsequenzen — und er ist lehrreich genug, um ihn auszumessen.
Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg beanstandete zwei Dinge. Erstens: „Zinsen auf dein Cash, unbegrenzt" suggeriert eine Dauerhaftigkeit, die der Slogan nicht lieferte. Der Zinssatz hing am EZB-Leitzins, begann bei 4 % und lag Anfang 2025 bei 2,75 %. Variabel ist das Gegenteil von unbegrenzt. Zweitens, und das ist die strukturell interessantere Kritik: Trade Republic warb mit einer Einlagensicherung bis zu 100.000 Euro pro Konto und Kunde — verschwieg aber im Haupttext, dass ein Teil des Guthabens in Geldmarktfonds floss. Geldmarktfonds gelten als Sondervermögen und sind im Insolvenzfall vom Fondsvermögen getrennt. Gut. Aber sie unterliegen nicht der gesetzlichen Einlagensicherung nach der EU-Richtlinie 2014/49. Das ist ein Unterschied, den der Slogan nicht trug.
Trade Republic hat sich per Vergleich verpflichtet, die beanstandeten Formulierungen zu unterlassen. Die BaFin beobachtete den Vorgang. Das Modell selbst bleibt unverändert.
Hier könnte man sagen, dass die Kritiker übertreiben. Geldmarktfonds sind konservative Instrumente; die meisten Kleinanleger schlafen damit gut. Die gesetzliche Einlagensicherung sichert ohnehin nur Einlagen bei Kreditinstituten, nicht alle Formen der Geldanlage — das ist kein Geheimnis, sondern seit 2014 EU-Recht. Wer ein Tagesgeldkonto bei einer klassischen Bank eröffnet, liest ähnliches Kleingedrucktes, nur träger. Die Neobank ist nicht schlechter; sie ist lauter.
Dieses Argument ist nicht falsch. Es ist aber unvollständig.
Der Maßstab des effizienten Markts verlangt nicht nur, dass Information irgendwo abrufbar ist. Er verlangt, dass sie dort steht, wo die Kaufentscheidung fällt. Trade Republic richtet sich erklärtermaßen an eine jüngere, weniger finanzkundige Zielgruppe — das ist kein Vorwurf, sondern das Geschäftsmodell. Wer Einfachheit und Zugänglichkeit zum Versprechen macht, übernimmt damit auch die Verantwortung für die Erklärlast. Das Kleingedruckte einer klassischen Filialbank hat niemand versprochen, besonders verständlich zu sein. Das Versprechen der Neobank lautet genau das: Wir machen das für dich einfach.
„Einfach" und „vollständig informiert" sind aber keine Synonyme. Sie stehen in einem strukturellen Spannungsverhältnis, das sich mit App-Design nicht auflöst, sondern nur verschiebt.
Revolut führt diesen Gedanken einen Schritt weiter. Private-Equity-Fonds für Kleinanleger ab einem Euro: Das klingt wie Chancengleichheit. Es ist, strukturell betrachtet, etwas anderes. Private-Equity-Fonds sind illiquide — das Kapital ist auf Jahre gebunden, Ausstiegsbedingungen sind eingeschränkt, Bewertungen sind selten und intransparent. Klassische Zugangsbeschränkungen — hohe Mindestanlage, Qualifikationsnachweise — waren nicht nur Marktschranken. Sie waren, ob gewollt oder nicht, ein Filter für Anleger, die sich das Ausstiegsrisiko leisten konnten. Wer diesen Filter entfernt, ohne die Aufklärung zu schärfen, demokratisiert nicht den Zugang zu Rendite. Er demokratisiert den Zugang zu Illiquidität.
Die Gebührenstruktur dieser Produkte und die konkreten Ausstiegsbedingungen blieben in den Werbeaussagen unsichtbar. Was sichtbar war: „ab einem Euro". Das ist die Eintrittskarte; der Grundriss des Gebäudes steht nicht auf ihr.
Das systematische Muster hinter beiden Fällen ist dasselbe: Komplexität wird nicht reduziert, sie wird unsichtbar gemacht. Drei Zeilen im App-Onboarding ersetzen keine Aufklärung über die Konstruktion. Eine grüne Fortschrittsanzeige ist kein Risikohinweis. Gamification-Elemente lösen Kaufhandlungen aus; sie erzeugen kein Verständnis.
Das ist kein moralisches Versagen. Es ist ein Geschäftsmodell-Widerspruch, der regulatorische Folgen hat. Wer mit Mündigkeit wirbt, muss sie auch ermöglichen.
Die BaFin beobachtet. Die Verbraucherzentrale klagt. Trade Republic hat nachgegeben. Revolut expandiert. Die Lücke zwischen Werbebotschaft und Produktstruktur ist kein Ausreißer bei einem Anbieter — sie ist das Terrain, auf dem Neobanken konkurrieren. Klare Produktwahrheit wäre ein Wettbewerbsnachteil, solange die Aufsicht nicht systematisch den gleichen Maßstab anlegt.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht der Slogan.
