Wir sind durch das Briefing-Material gegangen und haben nach einer einzigen Maßnahme gesucht, die Hagen im zurückliegenden Jahr angestoßen und zu Ende gebracht hat. Wir haben keine gefunden.

Das ist zunächst keine Kritik — es ist eine Beschreibung der Lage. Martin Hagen, Jahrgang 1981, war von 2018 bis 2023 FDP-Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag und von November 2021 bis 2025 Landesvorsitzender der FDP Bayern. Beide Ämter endeten ohne Mandat: 2023 scheiterte die FDP an der Fünfprozenthürde zum bayerischen Landtag, und Hagen schied damit aus dem Parlament aus, für das er fünf Jahre lang gesprochen hatte. Von April 2024 bis Juni 2026 leitete er die Denkfabrik Republik21. Im Mai 2026 wählte ihn der 77. Ordentliche Bundesparteitag der FDP zum Generalsekretär — mit einem Ergebnis, das Parteibeobachter als schwach einstuften.

Wohin läuft die Person?

Hagen bewegt sich auf eine Bundesbühne zu, die er bisher nur von außen kannte. Sein bayerisches Mandat ist Geschichte, seine Denkfabrik-Phase war ein Zwischenstopp. Das Amt des Generalsekretärs ist formal die zweite Kraft in der Parteiorganisation — inhaltlich aber nur so stark, wie der Parteivorsitzende es zulässt. Wolfgang Kubicki, der neue FDP-Chef, schlug Hagen selbst vor; Hagen ist Kubickis Mann, nicht umgekehrt. Das ist eine Ausgangslage, die strategischen Spielraum von oben begrenzt.

Gleichzeitig hat er sich eine programmatisch riskante Position erarbeitet. Er hält das Verfassungsschutz-Gutachten zur Einstufung der AfD als gesichert rechtsextremistisch für nicht überzeugend, nennt die Brandmauer zur AfD einen „Popanz" und „gescheitert". Im Juni 2026 gab er der Jungen Freiheit ein Interview — und löste damit parteiintern Unruhe aus. Das Manöver lässt sich als Versuch lesen, die FDP im rechtskonservativen Wählerreservoir zu fischen, das seit dem Ampel-Ende vakant wirkt. Es lässt sich auch lesen als ein Schritt, der das liberale Milieu, das die FDP historisch trägt, weiter entfremdet. Beides gleichzeitig zu vermeiden, ist schwierig. Hagen wirkt entschlossen, das Risiko einzugehen.

Echter Beitrag

Ehrlich gemessen: keiner, der sich im Bilanzierungszeitraum belegen ließe. Hagen hat eine Antrittsrede gehalten, Interviews gegeben, Veranstaltungen besucht — die Horber Sommerakademie, die Allgäuer Festwoche. Das ist der Betrieb eines Generalsekretärs in der Einarbeitungsphase. Eine Weichenstellung, ein Beschluss, ein Papier, das seinen Namen trägt und die Partei verändert hat: nicht dokumentiert.

Weiter zurückgeschaut — auf seine Bayernzeit — findet sich eine Initiative der FDP-Landtagsfraktion zur staatlichen Förderung von Kinderwunschbehandlungen aus dem Jahr 2019, die damals von CSU und Freien Wählern mitgetragen wurde. Ob sie gesetzlich umgesetzt wurde, ist in den vorliegenden Quellen nicht belegt und wird hier nicht als Leistung gebucht. Das Volksbegehren zur Verkleinerung des Bayerischen Landtags, das er im Juni 2022 ankündigte, wurde nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Parlament nicht weiterverfolgt. Auch das ist Bilanz.

Irrelevantes

Der Großteil seiner öffentlichen Präsenz im Bilanzierungszeitraum fällt hierher: Auftritte auf Podiumsdiskussionen, Festwochen-Besuche, Fernsehinterviews zum Stand der Partei. Diese Formate sind für einen Generalsekretär nicht falsch — sie sind sein Kerngeschäft, solange die Partei keinen Parlamentssitz hat. Aber sie sind Tagesgeschäft, keine Geschichte.

Pose & Klamauk

Das Junge-Freiheit-Interview verdient gesonderte Betrachtung, weil Hagen es erkennbar als Signal setzte, nicht als Versehen. Die Junge Freiheit ist kein neutrales Interviewformat — sie ist eine rechtskonservative Wochenzeitung mit erkennbarer Milieuzugehörigkeit. Wer dort auftritt, setzt ein Zeichen. Hagens Begründung — die FDP müsse keine Brandmauer gegen die AfD brauchen, weil sie sich inhaltlich klar unterscheide — ist eine nachvollziehbare Position. Aber sie zu diesem Zeitpunkt in diesem Blatt zu platzieren, ist Inszenierung. Der Inhalt und der Ort gehören zusammen; wer beides trennt, liest nur die Hälfte.

Ähnlich verhält es sich mit der Formel von der „liberalen Avantgarde". Hagen benutzt sie wiederholt, ohne zu spezifizieren, was die FDP in den 2030er Jahren liberaler machen soll als heute. Avantgarde ohne Programm ist Marken-Claim.


Der stärkste wohlwollende Einwand gegen diese Bilanz lautet: Hagen ist seit zwei Monaten im Amt, die FDP hat keine Fraktion und kein Mandat — parlamentarische Wirkung ist strukturell ausgeschlossen. Was man ihm anrechnen könnte, ist Haltung unter widrigen Bedingungen. Er hätte die Niederlage aussitzen können; stattdessen übernimmt er ein Amt, das mehr Angriffsfläche als Gestaltungsmacht bietet.

Das stimmt. Aber es erklärt die fehlende Wirkung, ohne sie wegzumachen. Die Bedingungen sind widrig. Hagen hat sie nicht verbessert.

2023 zog er mit der FDP Bayern in einen Landtagswahlkampf und scheiterte. 2025 stand er auf der bayerischen Bundesliste der FDP, die ebenfalls an der Fünfprozenthürde scheiterte. Jetzt ist er Generalsekretär einer Partei ohne Bundestagsmandat. Er ist gut darin, weiterzumachen. Ob er die Partei woanders hinbringt, als sie gerade steht, ist die Frage, die dieser Sommer noch nicht beantwortet.