Wir beginnen mit einer Zahl, weil sie das ganze Problem trägt: 18 Prozent. So groß war 2024 der US-Anteil am gesamten britischen Außenhandel – 315 Milliarden Pfund, mehr als der Handel mit Frankreich, Deutschland und den Niederlanden zusammen. Für ein Land, das nach dem Brexit seine Handelspolitik neu erfinden musste, ist das eine Abhängigkeit, die jeden außenpolitischen Gestaltungsanspruch einschränkt, bevor er ausformuliert ist.
Andy Burnham hat diesen Gestaltungsanspruch trotzdem formuliert. Sein erster Auftritt als Premierminister trug die Handschrift des Mannes, der Manchester gegen London regiert hat: staatliche Investitionen, Reindustrialisierung, öffentliche Kontrolle über Infrastruktur. Das klingt nach innen gerichtet – ist es aber nicht. Denn genau diese Agenda berührt die Verhandlungsgrenzen, die Washington in Handelsgesprächen zieht.
Was Burnham vorfindet
Der „Economic Prosperity Deal", den die Regierungen Trump und Starmer im Mai 2025 als „historisch" feierten, ist in seiner Substanz schmaler, als der Name vermuten lässt. Das Fact Sheet des US-Handelsbeauftragten listet eine prinzipielle Einigung: reduzierte Zölle auf britischen Stahl und Aluminium im Austausch für erhöhte US-Marktzugänge im Agrar- und Pharmasektor sowie Regelungen für strategische Beschaffung. Eine rechtsverbindliche Ratifikation steht aus; das Dokument ist ein Rahmen ohne Durchsetzungsmechanismus.
Parallel dazu verhängte Washington Anfang 2025 Zölle von 25 Prozent auf britischen Stahl und Aluminium sowie auf Automobilgüter. Diese wurden durch den Deal teilweise ausgesetzt – aber nicht beseitigt. Die Aussetzung hängt an politischen Bedingungen, die einseitig gesetzt werden können.
Jetzt kommt die neue Zoll-Runde. Ende Juli 2026 kündigten die USA Strafzölle gegen 60 Länder an, darunter Großbritannien, mit der Begründung, diese importierten Produkte aus Zwangsarbeit. Die britische Regierung erklärte, die Zollsätze für britische Unternehmen änderten sich nicht und Washington anerkenne die britischen Maßnahmen gegen Zwangsarbeit. Was diese Aussage verschweigt: Während britische Exporteure mit ihren bestehenden Sätzen operieren, wurden EU-Zölle in demselben Paket gesenkt. Britische Stahl-, Textil- und Agrarexporteure stehen damit schlechter da als ihre EU-Konkurrenten – nicht weil sich ihre Situation verschlechtert hat, sondern weil sich die der anderen verbessert hat.
Versprochen war ein Deal, der Großbritannien einen Vorteil gegenüber dem EU-Zugang verschafft. Geliefert wurde eine Parität, die sich jetzt in einen Rückstand verwandelt.
Wo Burnhams Programm auf Widerstand trifft
Burnhams Reindustrialisierungsagenda enthält Elemente, die in Washington als rote Linien gelten. Öffentliche Kontrolle über Infrastruktur und strategische Güter, Investitionssteuerung durch staatliche Institutionen, Präferenz für heimische Vergabe – das sind Instrumente, die US-Handelsdelegierte regelmäßig als nichttarifäre Handelshemmnisse qualifizieren. In jedem ernsthaften Verhandlungsrahmen zwischen London und Washington würde Burnham Zugeständnisse in genau diesen Bereichen machen müssen, um Zollentlastungen zu erhalten.
Das ist kein hypothetisches Problem. Der Agrarbereich ist dafür das klarste Beispiel: US-Verhandler bestehen seit Jahren auf Marktöffnung für amerikanische Nahrungsmittelstandards – Chlorhühnchen, Hormonfleisch –, die in Großbritannien politisch nicht vermittelbar sind. Starmer hat diese Linie gehalten. Burnham dürfte es ebenfalls tun. Das bedeutet: Der Spielraum für ein umfassendes Freihandelsabkommen ist nicht gewachsen, auch wenn der Regierungswechsel andere Erwartungen weckt.
Hinzu kommt die EU-Variable. Burnham signalisiert eine substanziellere Annäherung an Brüssel als sein Vorgänger, ohne die roten Linien – keine Zollunion, kein Binnenmarkt – formell aufzugeben. Jede Angleichung an EU-Regulierungsstandards, auch ohne formale Mitgliedschaft, verengt den Verhandlungsraum mit Washington weiter. Ein Lebensmittelstandard, der mit der EU kompatibel ist, ist es mit den USA meist nicht.
Die parlamentarische Arithmetik dahinter
Burnham regiert auf Basis einer Labour-Mehrheit von 403 Abgeordneten – ein Mandat, das er nicht selbst erworben hat, sondern von Starmer übernimmt. Das gibt ihm innenpolitisch Spielraum, setzt ihn aber auch unter Druck: Neuwahlen sind theoretisch bis August 2029 nicht nötig, aber ein Kurs, der Wirtschaftsschmerz produziert, ohne programmatische Gewinne vorzuweisen, zehrt an dieser Mehrheit schneller als ein Wahlkampf.
Die innenpolitische Logik läuft der außenpolitischen zuwider. Die Mehrwertsteuersenkung auf Energierechnungen von fünf auf null Prozent für sechs Monate ab Oktober – Burnhams erste angekündigte Maßnahme – kostet Haushaltsspielraum, der für die fiskalischen Regeln gebraucht wird, an denen er sich gebunden hat. Spielraum, der nicht da ist, kann nicht für Importsubstitution oder Reindustrialisierungsprämien eingesetzt werden. Und Reindustrialisierung ohne staatliches Geld ist vor allem eine Rede.
Was als nächstes messbar wird
Die Probe auf die Substanz des „Economic Prosperity Deal" kommt spätestens dann, wenn die US-Seite konkrete Ratifikationsschritte einfordert oder ausbleibt. Liegt bis Ende des ersten Quartals 2027 kein Ratifikationsrahmen vor, lässt sich der Deal nur noch als politisches Dokument lesen, nicht als Handelsinstrument. Parallel dazu werden die Exportzahlen britischer Stahlproduzenten zeigen, ob der Wettbewerbsnachteil gegenüber EU-Anbietern sich in verlorenen Aufträgen niederschlägt – die Daten dafür sind halbjährlich abrufbar. Burnhams Kurskorrekturen, falls sie kommen, werden sich zuerst in der Sprache zeigen, mit der seine Regierung die EU-Annäherung beschreibt. Dort liegt der engste Handlungsspielraum.
